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Studio 9 - Der Tag mit ... | Beitrag vom 23.03.2019

Runder Tisch von der BuchmesseSind Mauern Ausdruck einer Niederlage?

F. Ataman, T. Dorn, I. Schulze und C. Stephan im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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Hier verlief die Berliner Mauer: Ein Gedenkstein mit den Jahreszahlen 1961- 1989 zeigt an, an welcher Stelle sich die Mauer befunden hat. (imago stock&people/Waldmüller)
30 Jahre nach dem Mauerfall werden verstärkt Grenzanlagen gebaut und Mauern gefordert: Ist das eine Bankrotterklärung, eine Art Rolle rückwärts? (imago stock&people/Waldmüller)

"Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen" - von wegen: Überall auf der Welt sind seit dem Mauerfall neue entstanden. Sind sie eine Kapitulation vor ungelösten Problemen? Darüber diskutierten Ferda Ataman, Thea Dorn, Ingo Schulze und Cora Stephan in Leipzig.

30 Jahre nach dem Ende der deutsch-deutschen Teilung hat das Thema "Mauer" wieder – oder noch immer? – gesellschaftspolitische Relevanz. Nationalistische Abschottungsgedanken überlagern die europäische Idee. Ungarn und Slowenien ziehen Zäune hoch, um sich von der Balkanroute abzugrenzen, Lettland hat gerade eine knapp 100 Meter lange Anlage an der Grenze zu Russland gebaut und Donald Trump träumt von einem steinernen Schutzwall an der mexikanischen Grenze. Gegen die neuen Grenzziehungen in Europa nimmt sich die ehemalige Berliner Mauer - rein von der Größe her  -  fast bescheiden aus. Die mentale Abgrenzung bleibt: zwischen Ost und West, links und rechts, Stadt und Land.

Können wir diese Mauern überwinden? Wollen wir es überhaupt? Oder entstehen durch Abgrenzungen auch sinnvolle Schutzräume?

An einem Tisch sitzen die Gesprächspartner: Ferda Ataman, Thea Dorn, Korbinian Frenzel, Cora Stephan und Ingo Schulze (Hiba Obaid für Deutschlandfunk Kultur)Die Gesprächsrunde:Ferda Ataman, Thea Dorn, Korbinian Frenzel, Cora Stephan und Ingo Schulze (v.l.) (Hiba Obaid für Deutschlandfunk Kultur)

In unserer Reihe "Runder Tisch" diskutierten die Schriftsteller Thea Dorn und Ingo Schulze, die Journalistin und Kolumnistin Ferda Ataman und die Publizistin Cora Stephan mit dem Moderator Korbinian Frenzel im Literaturcafé Leipzig.

Für Nationalstaaten sind Mauern als Grenzen legitim

Nur Ferda Ataman beantwortete die Frage "Mauer oder nicht"? mit einem klaren "Nein". Und zwar egal, ob eine Mauer Menschen einschlösse oder ausschlösse. Cora Stephan wiederum hält Mauern für legitim, differenziert jedoch: "Solange wir Nationalstaaten haben, ist es legitim, die eigene Grenze zu schützen. Aber wir verwechseln das, bitte, nicht mit Mauer, die dafür gesorgt hat, dass die Bevölkerung drin bleibt."

Das Erstaunliche und Verblüffende sei: "Nach der Berliner Mauer gab und gibt es immer mehr Mauern." Und zu den Trumpschen Plänen, eine Mauer an der Grenze zu Mexiko hochzuziehen, meint die Publizistin: "Ich weiß, wir alle möchten gerne auf Trump herumtrampeln. Nur: Dieses Projekt ist sehr, sehr alt - auch Obama war der Meinung, man müsse die Grenze zu Mexiko dicht machen, wegen Waffen- und Drogenschmuggels." Ob wir so etwas "schön" fänden, sei natürlich eine andere Frage.

Illustration des Messegeländes in Leipzig mit fliegenden Büchern, die auf das Messegebäude zufliegen. Darauf steht der Text: Leipziger Buchmesse. Die besten Bücher des Frühlings. © Foto: Bianca Schaalburg

Für Ingo Schulze kommt es beim Thema Mauer auf die Tore an, die eine Mauer hat. Im Prinzip sei eine Mauer jedoch "eine Kapitulation, weil Ausdruck eines ungelösten Problems". Seine Schriftsteller-Kollegin Thea Dorn holte etwas weiter aus und ging zurück bis ins Mittelalter, sprich: "Wenn wir mittelalterliche Städte besichtigen, dann freuen wir uns darüber, was es dort für schöne Stadtmauern gibt - auf denen gehen wir heute gerne spazieren." In den alten, kriegerischen Zeiten seien Mauern eine Selbstverständlichkeit gewesen - um sich zu schützen. Heute eine Niederlage. "Mauern scheinen mir eine Ultima Ratio zu sein, wenn die Politik nicht mehr weiter weiß."

Mauern als Bankrotterklärung?

Generell komme es immer auf die Bedeutung der Mauer an - als Grenze von Nationalstaaten könne diese durchaus angemessen sein. Vermutlich sei man bei der Frage nach der Sinnhaftigkeit von Mauern schnell auch bei der Diskussion über den Sinn oder Unsinn von Nationalstaaten.

Frage in die Runde: Wenn heute - 30 Jahre nach dem Mauerfall, den die ganze Welt damals bejubelt hat - wieder allerorten Mauern gebaut würden, sei das dann nicht eine Art Bankrotterklärung, eine Art Rolle rückwärts?

Für Cora Stephan ist klar: Man müsse unterscheiden, ob eine Mauer Menschen einschlösse und am Weggehen hindere oder ob sie Menschen von außen davon abhalten solle, ohne weiteres ins Land zu kommen.

(mkn)

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