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Interview / Archiv | Beitrag vom 15.08.2014

Ruhrtriennale"Zeigen, was woanders nicht entstehen kann"

Intendant Goebbels über die Suche nach einer neuen Ästhetik

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Der Intendant des Kunstfestivals "Ruhrtriennale" (AFP / John MacDougall)
Der Intendant des Kunstfestivals "Ruhrtriennale" (AFP / John MacDougall)

Mit Kunstinstallationen, einer Oper und einem Knochenstaub-Ballett eröffnet heute Abend die letzte Ruhrtriennale-Saison unter Intendant Heiner Goebbels. Er wolle dem Publikum künstlerische Formen anbieten, wie sie "nie gesehen wurden", sagt er.

Jürgen König: Heute beginnt in Duisburg die Ruhrtriennale, das internationale Festival der Künste. Gespielt wird außerdem bis zum 28. September in Bochum, Essen und Gladbeck. Intendant und künstlerischer Leiter der Ruhrtriennale ist seit 2012 Heiner Goebbels. In anderen Zusammenhängen ist er auch unterwegs als Musiker, Komponist, Sound- und Videokünstler, Regisseur, Autor. Es ist dies seine letzte Saison der Ruhrtriennale, er eröffnet sie mit der Oper, besser gesagt: mit dem Musiktheater "De materie", also " Die Materie" von Louis Andriessen aus den Niederlanden.

Der Begriff Musiktheater ist besser, denn nichts ist hier so, wie es in der Oper sonst ist: Sopran und Tenor sind nicht in Liebes- und Schicksalswirren miteinander verstrickt, sondern sie erleben eine musikalische Mixtur aus Strawinsky, Pop, Jazz, Minimal Music. Und dazu gibt es Anleitungen zum Schiffsbau, es geht um frühe Atomtheorien, es geht um Mondrians abstrakte Formensprache. Alles zusammen eine ziemlich schräge Mixtur, die genau einmal auf die Bühne gebracht wurde und danach nie wieder. Gestern habe ich mit dem Intendanten und künstlerischen Leiter der Ruhrtriennale Heiner Goebbels gesprochen und ihn als Erstes genau danach gefragt: Nach Robert Wilsons Inszenierung von 1989 traue er sich jetzt als Erster wieder an eine Inszenierung von "De materie" heran – warum?

Heiner Goebbels: Erst mal ist das natürlich auch, wie ich finde, die Aufgabe eines solchen Festivals, dass man etwas, in dem man großes Potenzial sieht fürs Musiktheater, was aber keine Chance hat an den Institutionen durch verschiedene Restriktionen, an die die Repertoirehäuser gebunden sind, dass man sich das genauer anguckt. Und da bin ich gerade bei Louis Andriessen sehr fündig geworden. Ich schätze seine Musik in den 70er-Jahren sehr, hat mich selbst sehr inspiriert, und finde diese Oper oder dieses Musiktheaterstück, muss man genauer sagen, aus den von Ihnen auch richtig genannten Gründen, eine absolute Ausnahmeerscheinung.

Sie konfrontiert uns nämlich eigentlich mit etwas, wofür wir auf einer Opernbühne gar keine Bilder haben, wofür uns manchmal die Worte fehlen. Das sind ganz klar voneinander getrennte vier Akte mit jeweils einem Thema, mit einer Beschäftigung, mit einer Spannung, mit einer Konfrontation zwischen einem Einzelschicksal und den Kräften, die wir nicht kontrollieren können, derer wir nicht Herr sind. Das gibt es, glaube ich, so in der Operngeschichte nicht. Und das führt, glaube ich, gerade dazu, dass der Zuschauer in einer anderen Weise selbst sich aus diesen vier Teilen seinen Reim macht und dass die Musik das auch erlaubt. Weil, der Andriessen – und deswegen schätze ich ihn so – ist nicht jemand, der mit einer Überfülle von Ideen auf den Zuschauer einprasselt, sondern der Musik in diesem Stück zumindest eher so begreift wie Architektur, die auch den Raum freilässt für die Imagination, für das Nachdenken, für das Nachfühlen, für das Erleben dessen, was hier umstellt ist.

König: "De materie" scheint ja der passende Auftakt zu dieser Ruhrtriennale zu sein, denn so wenig, wie sich dieses Stück in eine Genre-Schublade stecken lässt, scheint mir das bei den anderen Programmpunkten gewollt zu sein. Tanz, Theater, Oper, Kunst vermengen sich, Formen, Kategorien lösen sich auf, in Romeo Castelluccis Strawinsky-Ballett "Le sacre du printemps", habe ich gelesen, werden Tänzer durch umherwirbelnden Knochenstaub ersetzt. Das alles ist die Ruhrtriennale als durch und durch experimentelle Plattform.

"Die Möglichkeit, wirklich Neues zu produzieren"

Goebbels: Ich glaube, wir müssen hier etwas zeigen, anders kann man das gar nicht legitimieren, diese große Chance, die so ein Festival hat, was woanders nicht entstehen kann aus vielen Gründen. Und das ist ein Festival, was ja auch die Möglichkeit hat, wirklich Neues zu produzieren. Und das tue ich mit Vergnügen, indem ich Künstlern eine Chance geben möchte, die an den Grenzen der Disziplinen überhaupt nicht interessieren, die sei ignorieren. Es geht aber nicht um grenzüberschreitende, pädagogische Maßnahmen, sondern das sind einfach Künstler wie Castellucci, der sich nicht darum schert, ob man das, was man jetzt zum Beispiel ab morgen sehen kann – "Sacre du printemps", eine ganz fantastische, explosive Art, dieses Frühlingsopfer auf den Begriff zu bringen eben mit tierischem Knochenstaub aus 200 Kühen.

Das ist etwas, was, glaube ich, wirklich einzigartig ist, und so eine singuläre Erfahrung wird ja auch – zumindest in den letzten beiden Jahren war das so – sehr, sehr angenommen vom Publikum. Das widerspricht auch ein bisschen dieser ewigen Schere im Kopf, die so viele Kuratoren und Veranstalter und Intendanten haben, die sagen, ja, dafür finden wir kein Publikum! Ich glaube, wenn wir hier was zeigen, was die Grenzen eben ignoriert, dann ist das vielleicht auch genau das, was eine starke künstlerische Erfahrung verspricht. Weil, die setzt doch dann ein, wenn uns die Begriffe ausgehen für das, was wir sehen. Wir wissen, das ist ein zeitgenössisches Streichquartett oder ein Tanztheater oder eine Oper, dann sitzen wir da drin und können uns eigentlich schon nach einer halben Stunde oder vielleicht sogar nach fünf Minuten vorstellen, wie es weitergeht. In diesem Programm ist das ein bisschen schwieriger.

König: Wie würden Sie den inhaltlichen Kern der Ruhrtriennale kennzeichnen?

Goebbels: Triennale heißt ja nicht nur alle drei Jahre, sondern für drei Jahre Intendant zu sein. Den verstehe ich einfach so, habe ich für mich so interpretiert, dass ich hier für drei Jahre eine bestimmte Ästhetik anbiete, und zwar auf Augenhöhe des Zuschauers anbiete, also die auch zugänglich ist, aber trotzdem neu ist, die noch nie gesehen wurde. Eine bestimmte Ästhetik anbiete und deswegen aber kein Thema wähle. Weil, ich empfinde ein Thema für ein Festival immer eine große Einschränkung, nicht nur für den künstlerischen Leiter, der dann vieles, was er vielleicht toll findet, nicht zeigen kann, sondern auch für die Künstler, die plötzlich anfangen wie in diesem Jahr, alle Stücke auf die Bühne zu bringen, die mit dem Ersten Weltkrieg zu tun haben, oder weil sie dann leichter Produktionsmittel finden. Sondern es ist vor allen Dingen auch eine Einschränkung fürs Publikum, dem man dann eigentlich mit einem Thema eine Brille aufsetzt, durch die er das Kunstwerk betrachten oder anhören soll. Und ein gutes Kunstwerk, das hat ganz viele Bedeutungsebenen. Es gibt eine Offenheit der Kunst und das sollten wir nicht durch künstliche Themen reglementieren.

König: Sie haben ja Ihre Festivalorte immer wieder auch für Kunstinstallationen geöffnet. Unter Ihrer Ägide bekam die Ruhrtriennale den Untertitel "Festival of the Arts". Wird dieser Untertitel bleiben?

Goebbels: Das müssen Sie meinen Nachfolger fragen. Aber ich glaube schon, ich glaube, der war vorher sogar auch schon da, aber wir haben ihn halt versucht, besonders stark zu machen. Auch mit dem Erfolg, dass wir doch eine sehr starke internationale Resonanz haben vom Publikum, bei der Presse und bei den eingeladenen Künstlern.

König: Johan Simons wird Ihr Nachfolger werden, noch Intendant der Münchner Kammerspiele. Was werden Sie ihm mitgeben auf den Weg, oder würden ihm gerne mitgeben?

Goebbels: Um Gottes Willen! Johan Simons ist ein so erfahrener Theatermann, Intendant und selber Theatermacher, Regisseur, der sehr oft, viel öfter als ich auf der Ruhrtriennale schon inszeniert hat bei meinen Vorgängern, der die Orte gut kennt, der das Publikum kennt. Dem muss man da, glaube ich, keine Ratschläge geben.

Engagement "für eine andere Wahrnehmung von Kunst"

König: Als was wird diese Ruhrtriennale für Sie jetzt schon irgendwie bestehen bleiben, im Kopf, in der Erinnerung?

Goebbels: Zunächst mal, dass ich versucht habe, diesen Job gut zu machen, und hoffe, dass ich das am Ende auch sagen kann. Ich glaube, dass es tatsächlich gelungen ist, dieses fantastische Publikum, was wir hier haben, was mit einer großen Neugierde und kritischen, geerdeten Haltung in diese Arbeiten reingeht ... Ich glaube, dass wir da viele Türen auch aufgestoßen haben für eine andere Wahrnehmung von Kunst, für einen anderen Begriff von Theater, von Musiktheater. Ich glaube, dass wir auch neues Publikum gewonnen haben, wir haben den Altersdurchschnitt unsres Publikums um zehn Jahre verjüngt. Und wir haben einen Children's Choice Award, eine Kinderjury, wo wir in jedem Jahr 100 Kinder zu unserer offiziellen Festivaljury gemacht haben, die alles gesehen haben. Und auch da, bei denen, wird sich bestimmt viel getan haben, weil sie doch etwas gesehen haben, was für sie sicher unvorstellbar war und ihnen vielleicht die Möglichkeit gibt, die Welt nicht nur so zu sehen, wie sie ist, sondern wie sie auch sein könnte.

Goebbels: Heute beginnt die Ruhrtriennale, International Festival of the Arts, gespielt wird bis zum 28. September in Duisburg, Bochum, Essen und Gladbeck. Ein Gespräch mit ihrem Intendanten und künstlerischen Leiter Heiner Goebbels.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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