Seit 00:05 Uhr Freispiel

Montag, 20.05.2019
 
Seit 00:05 Uhr Freispiel

Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.08.2018

Ruhrtriennale-Intendantin und BDS-Debatte Desaströse Kommunikation, spannender Spielplan

Ein Kommentar von Stefan Keim

Podcast abonnieren
Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp (picture alliance / dpa / Marcel Kusch)
Dass Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp in der Debatte darauf beharrt, eine Anwältin der Künstler zu sein, verdient Unterstützung. (picture alliance / dpa / Marcel Kusch)

Das Krisenmanagement von Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp rund um eine Band und deren Verbindungen zur Israel-Boykott-Bewegung BDS war schlecht. Schade, dass damit der Blick auf das hochinteressante Programm des Festivals verstellt wurde.

Stefanie Carp ist keine Antisemitin. Sie hat sich geweigert, das klar zu sagen, weil sie es für eine Selbstverständlichkeit hält. Die große Aufregung um die Ruhrtriennale, die wahrscheinlich sogar zur Entlassung der Intendantin im Herbst führen wird, hat ihre Ursache in desaströser Kommunikation auf allen Seiten. Die bisherigen Intendanten der Ruhrtriennale waren fast alle große Kommunikatoren ohne Scheu, auf andere zuzugehen, Menschen, die sich und ihre Kunst gern erklärten, die keine Frage für zu naiv oder blöd hielten.

Feinsinnige Intellektuelle

Stefanie Carp ist eine feinsinnige Intellektuelle, die sich immer wieder in Frage stellt und deshalb auch manchmal ihre Meinung ändert. Sie begreift die Welt als zu komplex für einfache Antworten. Deshalb will sie ihr künstlerisch begegnen. So ist es auch zu erklären, dass sie nicht wusste, wie sie mit der Band "Young Fathers" und der BDS-Bewegung umgehen sollte und mehrfach ihre Meinung änderte.

Forderung nach klaren Aussagen

Politiker und manche Medien fordern allerdings von einer Intendantin klare Aussagen. Das gilt besonders für die Ruhrtriennale, die ein Festival für die Region sein soll und kein abgehobenes Kunstereignis für die Elite der Eingeweihten. Insofern ist die Frage berechtigt, ob Stefanie Carp wirklich die richtige Wahl für diesen Job ist.

Manche Politiker, die heute die Intendantin kritisieren, hätten sich vorher informieren sollen, für was Stefanie Carp steht. Dass NRW-Ministerpräsident Armin Laschet nun die Ruhrtriennale komplett boykottiert, weil eine dort nicht mehr auftretende Band mit einer Israel-Boykottbewegung sympathisiert, ist ein bedenkliches Zeichen für den demokratischen Diskurs. Es genügt die Andeutung, irgendwo könne radikales Denken im Spiel sein, und schon springt der Landesvater in Deckung, um bloß nicht einen kleinen Flecken aufs weiße Hemd zu bekommen, wenn es irgendwo spritzen sollte.

Anspruchsvoller Spielplan

Es ist traurig, dass durch eine immer abwegigere und emotionalere Debatte der Blick auf ein hochinteressantes Programm verstellt wird. Denn die Ruhrtriennale zeigt eine Vielzahl verschiedenster Stimmen zu den Themen Postkolonialismus und Migration. Es ist ein sperriger, politischer und anspruchsvoller Spielplan – und gerade deshalb spannend. Das Festival muss seine Themen allerdings besser kommunizieren als über Einführungen und Künstlergespräche. Mit dieser transparenten Tradition der Ruhrtriennale hat sich Stefanie Carp leider nicht beschäftigt.

Anwältin der Künstler

Dass sie in der aktuellen Debatte darauf beharrt, eine Anwältin der Künstler zu sein, verdient trotzdem Unterstützung. In der Zeit der Finanzkrise haben sich manche Intendanten eine gewisse Willfährigkeit angewöhnt, weil sie ihre Institutionen retten wollten. Sie haben gelernt, die Sprache der Politik zu sprechen. Stefanie Carp verweigert sich dem und offenbart ein Selbstbewusstsein, das fast schon verloren gegangen ist. Eine Intendantin der Ruhrtriennale braucht allerdings auch eine große Kommunikationsfähigkeit. Die hat sie bisher nicht bewiesen.

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsMischung aus Dummheit und Größenwahn
Ein Demonstrant in Wien fordert eine strafrechtliche Verfolgung von Vizekanzler Heinz-Christian Strache nach dessen Rücktritt. Ein Mann hält während einer Demo in Wien ein Plakat mit der Aufschrift Anklagebank statt Regierungsbank in die Höhe. Auf dem Foto sind die Porträts von HC Strache und Sebastian Kurz zu sehen. (Georges Schneider / photonews.at / imago-images)

Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" schreibt, dass der nach der sogenannten "Ibiza-Affäre" zurückgetretene österreichische Vizekanzler HC Strache "einer atemberaubenden Dummheit und eines kleinmaxlhaften Größenwahns" überführt sei.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 14Der Stoff, aus dem der Osten ist
Szene aus "Düsterbuschs City Lights" am Theater Magdeburg (Theater Magdeburg)

Von einer Magdeburg-Reise kommen wir mit Fragen zurück: Welche Themen interessieren 30 Jahre nach dem Mauerfall das Publikum in den neuen Bundesländern? Muss man hier anders Theater machen? Und warum fallen Kritiken oft anders aus als Zuschauerreaktionen?Mehr

Folge 13Konfetti und Konflikte
Bühnenbild von Katrin Brack für „Immer noch Sturm“ am Thalia Theater Hamburg (Armin Smailovic)

Konfetti, Nebel und Schaumstoffquader: In Folge #13 des Theaterpodcasts schauen wir auf die Bühnenbilder von Katrin Brack und fragen am Beispiel der Bühnen Halle, wie viel Experimente das Stadttheater verträgt.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur