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Fazit | Beitrag vom 02.07.2019

Ruhrpott-Fotografien von Till Brönner Eine Art Amerika in Deutschland

Till Brönner im Gespräch mit Marietta Schwarz

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Eine graue Industrielandschaft am Rhein. An den Ufern des Flusses stehen Stahlwerke der Firma Thyssenkrupp. Aus Fabrikschloten steigt Rauch in den Himmel. (Till Brönner mit freundlicher Genehmigung der Brost-Stiftung)
"Rhein bei Thyssenkrupp, Duisburg 2019" zu sehen in der Ausstellung "Melting Pott" in Duisburg. (Till Brönner mit freundlicher Genehmigung der Brost-Stiftung)

Der Musiker Till Brönner hat sich auch einen Namen als Fotograf gemacht. Zuletzt hat er in einer Auftragsarbeit den Ruhrpott mit der Kamera erkundet. Das Ergebnis ist jetzt im Museum Küppersmühle zu sehen, und Brönner ist gespannt auf die Reaktionen.

Das Ruhrgebiet fotografisch zu erkunden habe ihn wegen seiner langen und für Deutschland wichtigen Geschichte gereizt, sagt Till Brönner.

"An dieser Geschichte waren natürlich auch viele Menschen aus dem Ausland beteiligt. Ich neige dazu, nach einem Jahr Arbeit an diesem Projekt, das Ruhrgebiet für das Amerika von Deutschland zu halten. Auch Amerika ist zu dem geworden was es ist, weil andere Menschen ihr Land verlassen haben. Der Zuzug von Menschen aus dem Ausland, über viele Generationen, hat hier für ein Integrationsmodell gesorgt, das es in dieser Form woanders in Deutschland nicht gibt."

Ein Essener Stadtautobahn-Abschnitt in schwarzweiß fotografiert, umrahmt von grauen Wänden. Über ihn führt eine Brücke. An einer Stelle der Durchfahrt unter der Brücke ist der Slogan "Tor! Tor! Tor!" in großen Lettern zu lesen. (Till Brönner mit freundlicher Genehmigung der Brost-Stiftung)Till Brönner fotografiert eine Region zwischen Armut und Aufbruch - hier "A 40 in Essen, 2018". (Till Brönner mit freundlicher Genehmigung der Brost-Stiftung)

Aus der Sicht eines Musikers klinge das Ruhrgebiet wie ein amerikanischer Roadmovie, so Brönner. "Die Musik von Ry Cooder, die Wim Wenders oft benutzt hat, passt auch zu den Asphalt-Cowboys aus dem Umfeld von Duisburg und Dortmund."

Auch 2019 viel Armut im Pott

Er habe in den letzten Monaten viele Dinge gesehen, die man 2019 in Deutschland nicht für möglich halten sollte. "Viel Armut, Städte und Straßenzüge, die so sehr sich selbst überlassen scheinen, dass man sich fragt: Was ist eigentlich mit der Kommune und wer hat hier vergessen zu helfen?"

Eine Region allein über das Grau ihrer Häuserfassaden zu beschreiben, sei ihm allerdings zu wenig gewesen. "Deswegen war ich froh, dass ich feststellen konnte, dass es im Ruhrgebiet sehr menschelt. Und deswegen sind Menschen auch zum Hauptmotiv von 'Melting Pott' geworden."

Till Brönner steht vor einigen seiner Fotografien und blickt freundlich in Richtung des Betrachters. (Rolf Vennenbernd / dpa)Ist gespannt auf die Reaktionen der Ausstellungsbesucher: Till Brönner. (Rolf Vennenbernd / dpa)

Er habe bei der Arbeit an "Melting Pott" seine eigene Fotografie im Wandel erlebt, erzählt Brönner: "Nicht zuletzt habe ich mich an einigen Stellen entschlossen, viel weniger zu bearbeiten und die Dinge so zu zeigen wie sie sind, um sie erfahrbarer zu machen, und ich bin gespannt, wie das aufgenommen wird."

Veränderungen brauchen Zeit

Das Ruhrgebiet befindet sich schon seit einiger Zeit im Umbruch. "Es liegt in der Natur der Sache, dass wir alle bestrebt sind, diese Veränderungen noch zu Lebzeiten festzustellen und ungeduldig werden. Das Ruhrgebiet ist aber nicht über Nacht zu dem geworden, was in die Geschichte eingegangen ist. Und es kann auch nicht über Nacht zu etwas Neuem werden. Das Potenzial und die Mentalität der Menschen sind bemerkenswert. Im Schatten großer Forschungsstandorte wie Heidelberg entstehen hier mittlerweile Dinge, die sich weltweit sehen lassen können. Mit dieser Region ist nach wie vor schwer zu rechnen."

Till Brönner. Melting Pott
3. Juli bis 6. Oktober 2019
MKM Museum Küppersmühle
für Moderne Kunst, Duisburg

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