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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.10.2013

Rückkehr zur Keimzelle des Bösen

Stephen King: "Dr. Sleep", Heyne Verlag München, 704 Seiten

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Zurück in den Rocky Mountains kehren Stephen Kings Helden in "Dr. Sleep" (picture alliance / dpa / Chris Melzer)
Zurück in den Rocky Mountains kehren Stephen Kings Helden in "Dr. Sleep" (picture alliance / dpa / Chris Melzer)

Der Täter kehrt an den Ort seines Verbrechens zurück, das besagt eine Regel der Kriminalpsychologie - und der Genreliteratur. Sie gilt nun auch für das Werk von Stephen King. Der Autor besichtigt in seinem neuen Roman "Dr. Sleep" jene Keimzelle des Bösen, die zugleich Ausgangspunkt seiner Weltkarriere war.

1977 erschien der Roman "Shining". Stanley Kubrick hat ihn 1980 verfilmt, legendär ist Jack Nicholsons Gesicht in der Rolle des Jack Torrence, mit wölfischem Grinsen durch die Badezimmertür spähend, nachdem er diese mit einer Axt zertrümmert hat.

Der Hausmeister des Overlook-Hotels in den Rocky Mountains war wahnsinnig geworden und wollte Sohn und Ehefrau ermorden. Doch Danny hatte die Gabe des "Shining", er konnte telepathisch Hilfe holen, das Schlimmste wurde verhindert.

King war unzufrieden mit Kubricks Auslegung des Buches; er habe das Alkoholproblem von Torrence verharmlost, sagte der Autor. Dabei sei die Sucht der zentrale Aspekt der Schreckensfabel gewesen. Im Sequel tritt der Held, ein mittlerweile 35-jähriger Danny, nun gegen gleich zwei dämonische Gegner an: eine Sekte namens The True Knot und die Abhängigkeit von Alkohol.

Danny, wie sein Vater ein schwerer Säufer, wird trocken dank AA, den Anonymen Alkoholikern. Mit ihrer Hilfe lernt er auch das Shining nicht als Fluch, sondern als Geschenk zu sehen. In einem Hospiz begleitet er Kranke in den Tod, bald nennt man ihn respektvoll: Dr. Sleep.

King selbst ist trockener Trinker, wie er im Nachwort des Buches erwähnt, und mit "Dr. Sleep" verschränkt er eine Heilungsgeschichte mit einem packenden Horrorplot. Danny muss Abra helfen, die 13-Jährige ist ins Visier von True Knot geraten. Getarnt als harmlose Reisegruppe durchstreifen diese Killer Amerika auf der Suche nach "steam". So heißt die Energie, die frei wird, wenn man Shining-begabte Menschen zu Tode foltert.

Am Ende treten Gut und Böse dort an, wo Kings legendärer Horror-Mythos seinen Ursprung hat, auf der Aussichtsplattform des Overlook. Das Hotel gibt es nun nicht mehr, aber der Ort ist immer noch gesättigt mit Bosheit und Grauen. Eine großartige Kulisse für den Kampf von Dan und Abra gegen "Rose the Hat", wie die Sektenführerin im Original heißt. King hat mit ihr einen Bösewicht von weltliterarischem Format geschaffen.

Arrogant, gierig und unerbittlich ist sie nicht nur eine furchtbare Spukgestalt, sondern eine Verkörperung der Sucht. The True Knot ist eine Gruppe Süchtiger so wie die Anonymen Alkoholiker ein Kollektiv Genesender sind. Konsequent, dass Danny seine Mitstreiter bei AA rekrutiert. Wer durch die Hölle des Suffs gegangen ist, wird den Kampf mit einem Dämon nicht scheuen.

In den besten Momenten fallen Allegorie und Kintopp-Horror zusammen. Die Sucht trägt die Fratze des Bösen, und das Böse ist das Zerrbild pathologischer Abhängigkeit. Pointe des Buches: Es macht selbst abhängig. 700 Seiten sind gerade Stoff genug.

Besprochen von Daniel Haas

Stephen King: Dr. Sleep
Roman. Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
Heyne Verlag, München 2013, 704 Seiten, 22,99 Euro

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