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Thema / Archiv | Beitrag vom 29.06.2010

Rückkehr der Söldner

In modernen Kriegen wird eine alte historische Tradition wiederbelebt

Christian Jansen im Gespräch mit Dieter Kassel

Auch Privatarmeen kämpfen im Irak. (AP)
Auch Privatarmeen kämpfen im Irak. (AP)

Privatarmeen, die in den Krieg ziehen: Das gab es in den 1990er Jahren in mehreren Ländern Afrikas und das gibt es jetzt in Afghanistan und dem Irak. Wirklich neu ist das aber nicht, sagt der Historiker Christian Jansen und verweist auf die Geschichte.

Dieter Kassel: Im Irak sind vorsichtigen Schätzungen zufolge gut 20.000 Soldaten privater Sicherheitsfirmen stationiert, ein paar Beobachter gehen sogar von deutlich höheren Zahlen aus. Es gibt Angehörige militärischer Privatfirmen selbstverständlich auch in Afghanistan, und es gibt sie zumindest auch in diversen afrikanischen Ländern. Und man kann auch längst nicht mehr behaupten, das sei ein Problem, das mit der Bundesrepublik Deutschland gar nichts zu tun hat. Erst Ende Mai erregte es großes Aufsehen, als die deutsche Firma ASGAARD German Security Group einen Auftrag aus Somalia bekam. Der Auftrag bestand darin, über 100 Privatsoldaten anzufordern – in diesem Fall überwiegend ehemalige Angehörige der Bundeswehr.

Diese Privatisierung von Kriegen, die wird oft in den Medien, in der Politik und manchmal auch in der Wissenschaft als absolut neues, noch nie dagewesenes Phänomen dargestellt, aber wenn man ein aktuelles Buch liest, das den Titel trägt "Rückkehr der Condottieri?", dann hat man schnell einen ganz anderen Eindruck, eigentlich schon, wenn man den Untertitel des Buches liest, der lautet nämlich "Krieg und Militär zwischen staatlichem Monopol und Privatisierung. Von der Antike bis zur Gegenwart".

Einer der drei Herausgeber dieses Buches ist Christian Jansen, Historiker an der Technischen Universität Berlin, und der ist jetzt bei mir im Studio. Schönen guten Tag, Herr Jansen!

Christian Jansen: Guten Tag!

Kassel: Da stelle ich doch mal die Frage: Dieses Phänomen der letzten 10 bis 20 Jahre mit den Privatarmeen, in wessen Auftrag auch immer, in kriegerischen Auseinandersetzungen, ist das absolut neu oder gibt es historische Vorbilder?

Jansen: Na, da gibt es zahlreiche historische Vorbilder, die im Titel des Buches genannten Condottieri sind das wahrscheinlich bekannteste Phänomen, und man kann vielleicht, wenn man lang zurückblickt, sogar sagen, dass die Phase der historischen Moderne in Europa zwischen dem 30-jährigen Krieg und heute eher eine Ausnahme darstellt als in der Zeit, nämlich in der Tat die Staaten versucht haben, den Krieg zu monopolisieren und ein Gewaltmonopol durchzusetzen. Aber davor war es nicht so, und heute scheint es auch wieder anders zu werden.

Kassel: Da die nun schon im Titel stehen und da ich festgestellt habe, das Wort kennt fast jeder, nicht jeder weiß, wer die nun so genau waren: Wer waren denn diese Condottieri?

Jansen: Also die Condottieri waren Kriegsunternehmer und wie das Wort schon zeigt, vornehmlich erst mal in Italien oder es wurde erfunden in Italien in der Zeit, als es dort viele kleine Staaten, meistens Republiken gab, im 15., 16. Jahrhundert. Und es waren eben Kriegsunternehmer, die gegen Geld engagiert wurden von diesen Republiken, um Kriege zu führen. Damit haben die Republiken viel Geld gespart, weil sie mussten nicht dauerhaft stehende Heere bezahlen, sondern sie konnten immer im Fall eines Konfliktes, wenn es halt nötig war, solche Kriegsunternehmer engagieren, und die haben dann im Auftrag der Politiker sozusagen die Kriege geführt.

Kassel: Wie loyal waren die denn? Wenn jetzt zum Beispiel die Republik Venedig eine Gruppe von Condottieri angeheuert hat und dann kam aber plötzlich eine andere Republik und bot das Doppelte, waren die dann weg?

Jansen: Na ja, faktisch ist es schon so, dass die Bindungen relativ eng waren und relativ stabil waren zwischen einzelnen Condottieri, also einzelnen Kriegsunternehmern und den jeweiligen Auftraggebern. Allerdings muss man natürlich auch berechnen, dass es eine andere Zeit war. Es war nicht so einfach möglich, ans Telefon zu gehen und anzurufen, ein besseres Gebot abzugeben. Insofern kann man da nicht unbedingt auf eine tiefe innere Loyalität schließen, sondern muss eher sich die Umstände überlegen und daraus ableiten, dass diese Bindungen in der Regel relativ stabil waren.

Kassel: Heutige Söldner, um diesen Begriff nun endlich mal zu benutzen, gelten ja als relativ brutal. Es gab auch im Irak Beispiele, wo eine große private US-Firma, die es unter dem Namen heute auch nicht mehr gibt, Zivilisten erschossen hat. Wie war es mit den Condottieri oder anderen Angehörigen von Privatarmeen, waren das, ja, eher sehr professionelle Soldaten oder waren das auch diese Haudegen, an die man zum Beispiel ja auch bei der Fremdenlegion immer denkt?

Jansen: Also es waren schon insgesamt eher Haudegen, und man muss ja insgesamt sagen, dass die Kriege zwar im 19. und 20. Jahrhundert deutlich brutaler geworden sind, was die Zivilbevölkerung angeht, aber dass natürlich das vor allem insofern stimmt, als die Möglichkeit, große Menschenmengen auf einmal zu töten, sehr stark zugenommen hat, aber die Kriege der frühen Neuzeit waren, was die individuellen Kriegshandlungen angeht und auch die Misshandlungen von Zivilpersonen recht grausam. Nicht zuletzt haben diese Kriegsunternehmer ja auch einen großen Teil ihres Profits erwirtschaftet, indem sie geplündert haben. Sie hatten das Recht eben, nach der Eroberung von Städten diese zu plündern und sich dort zu bereichern, und das hat natürlich zu sehr vielen Brutalitäten geführt, auch nicht zuletzt zu Vergewaltigungen und Tötungen von unbeteiligten Zivilisten.

Kassel: Unterstanden die grundsätzlich keiner Gesetzgebung, also konnten die bestraft werden in irgendeiner Form?

Jansen: Also sie waren im Prinzip straffrei. Es gab Ausnahmen, wenn die Übergriffe also ein bestimmtes Maß überschritten, aber grundsätzlich kann man sagen, dass sie sakrosankt gestellt waren und nicht einer rechtlichen Verfolgung unterlagen. Das ist ja ein weiterer Aspekt des sogenannten staatlichen Gewaltmonopols, dass überhaupt die frühen Staaten eigentlich nicht in der Lage waren, flächendeckend irgendein bestimmtes Rechtssystem und dessen Durchführung durchzusetzen. Es gab ja viele rechtsfreie Räume, und in diesen rechtsfreien Räumen bewegten sich unter anderem auch diese Kriegsunternehmer und ihre Söldner.

Kassel: Sie haben es schon erwähnt mit dem 30-jährigen Krieg und vor allen Dingen in den Zeiten danach hat sich das denn in vielen Ländern geändert, und staatliche Gewaltmonopole, praktisch halt auch stehende Heere sind entstanden. Warum eigentlich? Sie haben ja gerade auch beschrieben, die Republiken in Italien sind ja eine Weile ganz gut gefahren mit ihren Söldnern.

Jansen: Ja, aber diese Republiken und eigentlich kann man vielleicht sagen alle Staaten in der Vormoderne waren keine Territorialstaaten in modernem Sinne. Also das entscheidende Neue nach dem 30-jährigen Krieg, zumindest in Zentraleuropa, ist die Durchsetzung des Territorialstaates – also ein Fürst hat ein bestimmtes Territorium für sich beansprucht und hat auch seine Herrschaft auf diesem Territorium versucht durchzusetzen. Das ist auch nicht immer gelungen, aber das war zumindest die Vorstellung. Und zu dieser Vorstellung gehörte dann eben auch, dass die Souveränität nach außen zu verteidigen, also Kriege zu führen, eben auch alleiniges Recht und alleinige Aufgabe des jeweiligen Territorialherrschers war.

Kassel: Wir reden im Deutschlandradio Kultur mit Christian Jansen. Er ist Professor für Neuere Geschichte und Mitherausgeber des Bandes "Die Rückkehr der Condottieri?". Was auch klar wird, wenn man die verschiedenen Aufsätze von vielen Autoren liest, ist dieses Gefühl, das auch ich hatte, na ja, zumindest in den letzten so 100, 200, vielleicht 250 Jahren hatten alle zivilisierten Länder im Großen und Ganzen dieses Gewaltmonopol im Griff. Das ist im Grunde genommen auch nicht korrekt. Allein, wenn wir immer noch bei dem Beispiel bleiben, allein schon für Italien gilt das eigentlich nicht.

Jansen: Genau. Also Italien ist ein ganz gutes Beispiel dafür, dass auch nachdem diese Idee des staatlichen Gewaltmonopols sich allgemein durchgesetzt hat und spätestens im Zeitalter der Nationalstaaten, also spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts kann man sagen, dass in Europa diese Konzeption allgemein verfolgt wurde.

Aber Italien ist eben ein Gegenbeispiel, wo der Süden, wo es im Süden weitgehend nicht gelungen ist oder weitgehend misslungen ist, dieses Gewaltmonopol durchzusetzen. Denken Sie an Organisationen wie die Mafia oder die 'Ndrangheta, die eben eine Art von Gegengewalt darstellten und mit denen der Staat sich dann auch vernünftigerweise meistens arrangiert hat. Das heißt also, vernünftigerweise aus der Sicht des Staates. Weil eben es einen blutigen und nicht zu gewinnenden Krieg bedeutet hätte, sein eigenes Monopol durchzusetzen, hat er eben Arrangements getroffen mit diesen privaten Gewaltunternehmern, wenn man sie mal so nennen will, also den Organisationen wie etwa der Mafia.

Kassel: Was bedeutet es denn für einen Staat – jetzt sind wir wieder im Heute –, der kein Failed State ist oder kein Failing State, also kein Staat, der versagt, solche Beispiele, vielleicht kommen wir kurz noch drauf, gibt es natürlich in Afrika. Aber zum Beispiel die USA, die nun ein großes florierendes privates Sicherheits- und manchmal auch Militärgewerbe haben, was bedeutet es denn nun, freiwillig – letzten Endes hoffe ich aus wirtschaftlichen Gründen – dieses Gewaltmonopol abzugeben?

Jansen: Also vielleicht eine vorige Bemerkung noch zu den USA. USA sind ja in dieser Hinsicht auch sowieso zu unterscheiden von Europa, weil gerade ist vom Obersten Gericht wieder bestätigt worden das Recht auf Waffentragen. In den USA gibt es sowieso eine ganz andere Vorstellung, dass der Bürger bewaffnet sein darf, insofern ist das Gewaltmonopol sowieso dort etwas anders interpretiert und ist auch nicht so in dem Sinne durchgesetzt, wie wir es aus Europa kennen würden.

Was die Ökonomie angeht, ist die Vorstellung gewesen, vor allem unter der Bush-Administration, dass man damit sehr viel Geld sparen könnte, dass halt private Kriegsunternehmer billiger seien, dass sie auch eben nicht, dass man eben nicht dauerhaft so viel Soldaten bezahlen und später ihre Pensionen übernehmen muss und so weiter, wie wenn man halt eben ad hoc immer solche Firmen engagiert. Ob das letztlich hinhaut, wage ich zu bezweifeln, das wäre aber noch mal auch eine Frage wahrscheinlich, die in der Zukunft sich erst klären wird, ob das wirklich eine billigere Lösung ist.

Kassel: Aber gibt es nicht einen Zusammenhang zwischen der Souveränität des Staates, auch der Durchsetzbarkeit im Inland, von dem Gewaltmonopol und damit auch jeder Art von Recht und Gesetz, einen Zusammenhang damit und der Frage, ob nun im Ausland, um die eigenen Interessen zu vertreten, dass Ganze einfach in private Hand geht?

Jansen: Ganz sicher. Also die USA wären dafür wiederum das Paradebeispiel. Also ich denke, ein Staat, der seinen Bürgern das Recht auf Waffentragen zugesteht und insgesamt geradezu den Mann, zumindest den souveränen Bürger als Mann definiert über die Fähigkeit sich zu verteidigen oder eine Waffe zu besitzen, der wird auch anders darüber denken, wenn es um die Verteidigung der Interessen nach außen geht. Und möglicherweise ist auch die Grenze in der Sicht der damaligen US-Administration gar nicht so scharf gewesen, weil das waren ja auch US-Bürger, die man engagiert hat, insofern eben Männer, die man dann für Geld, aber die man natürlich trotzdem als Vertreter der Interessen des Staates auch sehen konnte.

Und ich denke, es ist ein bisschen auch eine, ja, europäische Unterscheidung und vielleicht auch ein bisschen formalistisch, wenn man jetzt immer so ganz genau da so einen ganz scharfen Gegensatz aufbauen will. Und ich denke, auch bei uns gibt es Grauzonen, also im privaten Sicherheitsbereich, Sie haben es ja auch genannt, Gebäudebewachung und so was. Das ist bei uns inzwischen auch üblich, dass das nicht mehr die Polizei macht, sondern dass es eben von privaten Unternehmen übernommen wird.

Kassel: Sehen Sie denn, wenn wir noch mal darauf gucken, dass ja in großen historischen Zusammenhängen gesehen die Zeit der stehenden Heere und des Gewaltmonopols doch sehr überschaubar ist im Gesamtkontext, sehen Sie das möglicherweise auch nur als vorübergehende Entwicklung, verschwindet dieses Ideal des staatlichen Gewaltmonopols?

Jansen: Das glaube ich eher nicht, für Europa zumindest, und ich denke, auch die Überlegungen jetzt, die Bundeswehr weiter abzubauen, auf die Sie, glaube ich, anspielen, sind etwas anderes. Die werden ja nicht begründet damit, dass man das Gewaltmonopol abschaffen will, es sollen ja weiterhin dann aber spezielle mobile Einsatzkräfte sein, die aber im staatlichen Auftrag arbeiten und die auch vom Staat finanziert werden.

Die Abschaffung der Wehrpflicht ist noch mal eine andere Dimension dieses Problems, es hat natürlich damit jetzt was zu tun, aber ich glaube, das Gewaltmonopol an sich wird im zivilisierten europäischen Bereich doch das Ideal bleiben. Und ich denke auch, dass es sich eher ausbreiten wird in der Welt, weil wir einfach auch mit solchen Amokläufen und Massakern, die ohne ein solches Monopol wahrscheinlich häufiger passieren, konfrontiert sind und deswegen ein Druck in der Öffentlichkeit bestehen wird, dieses Gewaltmonopol doch nach und nach durchzusetzen.

Kassel: Christian Jansen. Er ist Historiker und einer der drei Herausgeber des Buches "Rückkehr der Condottieri?", das ist ein bisschen schwer auf Italienisch, es korrekt auszusprechen, weil ein Fragezeichen am Schluss dieses Satzes steht, es ist keine feste Behauptung, dass die zurückkommen. Das Buch ist im Ferdinand Schöningh Verlag erschienen, und da kann man noch viele andere Beispiele, nicht nur aus den von uns erwähnten Ländern, sondern auch aus ganz anderen Regionen nachlesen. Herr Jansen, ich danke Ihnen, dass Sie zu uns gekommen sind!

Jansen: Vielen Dank!

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