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Tonart | Beitrag vom 06.06.2017

Rückblick Moers FestivalUngezügelte, freie Energie

Von Jan Tengeler

Die Percussionistin Tatiana Koleva und der Bassist Luc Ex vom niederländischen Quartett "Rubatong" bei ihrem Auftritt beim Moers Festival. (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)
Die Percussionistin Tatiana Koleva und der Bassist Luc Ex vom niederländischen Quartett "Rubatong" bei ihrem Auftritt beim Moers Festival. (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)

Seit über 40 Jahren präsentiert das Moers Festival avancierten Jazz und improvisierte Musik. Der neue Leiter Tim Isfort hat bei der diesjährigen Ausgabe bewusst die Grenze zwischen Unterhaltung, Performance und Konzert eingerissen.

"Meine Musik entsteht im Geiste universaler Menschlichkeit. Sie kommt von Bach und Beethoven, Ellington, Albert Alyer und Hildegard von Bingen, sie kommt von uns allen. Wir arbeiten gemeinsam am Gewebe der Kultur."

Das sagt Anthony Braxton. Der US-amerikanische Saxofonist hat neue Konzepte des Musizierens geprägt: zwischen Improvisation und Komposition, zwischen Genres und Formaten, in Opern und Orchesterwerken, als Solist oder wie hier mit seinem ZIM Sextett.

Eine lange persönliche Geschichte

Anthony Braxton ist eng mit dem Moers Festival verbunden, in den frühen 1970ern trat er fast jedes Jahr dort auf. Er war auch einer der ersten Helden von Tim Isfort, dem neuen künstlerischen Leiter. Der Mann hat eine lange persönliche Geschichte mit dem Festival: als Musiker stand er selbst oft auf der Bühne. Als Kind der Stadt hat er es von klein auf erlebt:

"Das war immer die Doppelmoral: Das war auch bei mir so, als ich klein war, wir sind dahin, übern Zaun gucken, Hippies gucken, vielleicht hat man da was Braxton-mäßiges gehört und konnte das gar nicht verstehen. Aber ein paar Jahre später war ich eben da und drin. Und hatte meine großen Aha-Erlebnisse und das Tor zu neuen musikalischen Welten erlebt.

Bei dem Programm habe ich mich sehr bemüht, die Tradition abzubilden, mit Künstlern, die noch eine Haltung haben, z.B. David Moss, der ist in einer der 'Discussions about everything'-Reihe zu hören – da habe ich die alten Recken der Vokalkunst zusammengebracht: Moss, Bode, Jong. Das wird eine Unterhaltung, die in eine Performance übergeht."

Die Grenze zwischen Unterhaltung, Performance und Konzert wurde vom Programmmacher Tim Isfort in diesem Jahr in Moers immer wieder bewusst eingerissen. Sei es durch das Klavier, das auf einem kleinen Elektroauto durch die Stadt und über das Festivalgelände gefahren wurde – natürlich mit einem spielenden Pianisten drauf.

Oder durch die australische Puppenspielertruppe Snuff Puppets, die mit großen geisterhaften Figuren beeindruckte und von einer Marchingband flankiert wurde.

Eine Cocktailbar auf der Bühne

Oder ganz einfach durch ein paar Sessel nebst einer Cocktailbar, die kurzerhand auf der Hauptbühne installiert wurden - ein paar Besucher hatten sich nämlich über Sitzplatzmangel beklagt. Dazu spielten die isländischen Musiker der Band ADHD.

"To us music is just music – there is no difference in style … music is without words, it is just what it is."

Musik ist Musik, sagt der Saxofonist Oskar Gudjonnson.

"Es ist nicht wirklich möglich, sie zu kategorisieren, wenn wir damit anfangen, geht etwas davon verloren."

Das isländische Quartett ADHD überzeugte bei ihren Auftritten in Moers vor allem durch große Ruhe. Aus der isländischen Heimat haben sie nicht nur Einflüsse aus Jazz und Pop mitgebracht, sondern vor allem Zeit und Raum.

Der künstlerische Leiter des Moers Festivals, Tim Isfort. (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)Der künstlerische Leiter des Moers Festivals, Tim Isfort. (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)

Zu den Neuerungen beim diesjährigen Festival gehörte auch, dass viele Bands nicht nur auf der Hauptbühne, sondern auch in anderen, meist kleinen Spielorten zu erleben waren.

Unerhörtes und Abwechslungsreiches

"Hauptprogramm und Nebenprogramm ist nicht mehr so das Ding: Wir bieten in der Stadt ganz konträre Programmpunkte an. Z.B. findet parallel zu den Swans ein Orgelkonzert in der Kirche statt. Also, man hat hier in Moers die Qual der Wahl, man muss sich entscheiden. Das ist neu. Es ist Programm für verschiedene Schichten, Altersschichten und Hörgewohnheitsmuster."

Noch einmal Tim Isfort, neuer künstlerischer Leiter des Moers Festivals. Ein wagemutiges Konzept – denn das Festival überzeugte früher auch durch die Konzentration auf eine große Bühne und nicht durch viele kleine.

David Moss, Anthony Braxton, Sylvie Courvoisier oder Evan Parker - Namen von Musikern, die zur musikalischen Ausrichtung des Festivals in Moers passen und die jetzt an Pfingsten dort auch wieder zu hören waren, die alte Garde, aber auch: viele Entdeckungen, neue Talente, neue Klänge, Unerhörtes und Abwechslungsreiches. Hohe Kunstfertigkeit und am Ende auch: viel Spiritualität und ungezügelte, freie Energie.

Dafür stand das Festival schon immer, aber unter Tim Isfort wurde es noch einmal extra betont: den großen Pfingstgeist hörbar zu machen für alle, die Freude an Klängen haben, die sich unserer Sprache entziehen.

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