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Tonart | Beitrag vom 09.07.2018

Rudolstadt-FestivalFolk, Weltmusik und politische Songs

Von Kerstin Poppendieck

Besucher des Rudolstadt-Festivals 2018 (imago / Viadata)
Besucher des Rudolstadt-Festivals 2018 (imago / Viadata)

100.000 Besucher, 300 Konzerte, Musiker und Tänzer aus 48 Ländern: Deutschlands größtes Festival für Roots, Folk und Weltmusik machte das thüringische Rudolstadt in den vergangenen Tagen zu einem besonderen Ort - und auch zu einem politischen.

Begeisterter Applaus am Donnerstag, als der letzte im Publikum seinen Regenschirm zuklappte. Steve Earl stand mit Stirnband, schwarzer Weste und grauem Vollbart auf der Bühne. Eine Country Rock Legende. Es war wohl das Gesamtpaket aus Earls Erscheinung, seinen Texten über Außenseiter und politischer Verantwortung und das beeindruckende Zusammenspiel mit seiner Band "The Dukes", das das Publikum in den Bann zog.

Politischer Auftakt

Wenige Minuten zuvor eröffnete die Israelin Yael Deckelbaum das Rudolstadt-Festival. Zwei Dinge wurden dabei schnell klar. Ein Festival im Regen und mit tausenden Regenschirmen macht keinen Spaß. Und mit Yael Deckelbaum und ihrer Band "The Mothers" eröffnete das Festival außergewöhnlich politisch, denn die Frauenband kämpft für eine friedliche Lösung des israelisch-palästinensischen Konfliktes.

Yael Deckelbaum: "Viele Jahre habe ich mich gefragt: Ist zu unterhalten alles, was ich mit meiner Musik erreichen kann, oder kann Musik vielleicht auch eine größere Rolle spielen? Seit fast vier Jahren mache ich jetzt Musik, mit einer politischen Botschaft. Dabei arbeite ich auch mit Aktivisten zusammen, die diesen Veränderungskampf anführen."

Die israelische Band Yael Deckelbaum & The Mothers beim Rudolstadt-Festival   (dpa / picture alliance / Michael Reichel)Die israelische Band Yael Deckelbaum & The Mothers beim Rudolstadt-Festival (dpa / picture alliance / Michael Reichel)

In den folgenden drei Tagen wurde das thüringische Rudolstadt zu einem der schönsten Festivalorte Deutschlands. Ungefähr 100.000 Besucher, ließen sich treiben und entdeckten in den Gassen und Hinterhöfen Straßenmusiker aus aller Welt. Auf den verschiedenen Bühnen in der Innenstadt, dem Heinepark und auf der Heidecksburg traten namhafte Künstler auf wie Lula Pena aus Portugal.

"Mehr Kriege als jemals zuvor"

Ihre ganz eigene Interpretation der Fado-Musik ihrer Heimat in Rudolstadt in einer Kirche zu hören, war ein außergewöhnliches Erlebnis. Und was sich am Eröffnungsabend andeutete, zog sich über das gesamte Festival: Rudolstadt 2018 war ungewöhnlich politisch. Ein Beispiel: Folk Rock Ikone Graham Nash, der einen Querschnitt aus seinen über 50 Jahren Musikgeschichte spielte.

Angefangen von den Hollies über seine Zeit mit Crosby, Stills, Nash & Young bis hin zu seinen  Solosachen mit aktuellen Bezügen auf Donald Trump, Flüchtlinge und Kriege weltweit. Dankbar begab sich das Publikum zusammen mit Nash auf eine Zeitreise durch die eigene musikalische Vergangenheit.

"Ich fühle mich geehrt, dass meine Musik so lange Bestand hat", sagt Nash. "Und gleichzeitig ist es total nervig, dass ich immer noch Lieder wie 'Military Madness' singen muss. Dieses Lied habe ich für meinen Vater geschrieben, als er in den Zweiten Weltkrieg zog. Heutzutage gibt es auf der Welt mehr Kriege als jemals zuvor. Und was Trump in Amerika macht, ist furchtbar. Wir sind ein großartiges Land. Klar, haben wir auch unsere Probleme, wie jedes Land. Aber ich bin überzeugt, dass wir einen besseren Mann als Donald Trump verdient haben."

Länderschwerpunkt Estland

Länderschwerpunkt beim Rudolstadt Festival war diesmal Estland, das in diesem Jahr 100 Jahre Unabhängigkeit feiert. Die musikalische Vielfalt des kleinen Landes ist beeindruckend, was man auch in Rudolstadt erleben konnte. Traditionelle Folkmusik mit elektronischen Einflüssen, archaischer Runo Gesang oder mitreißende Tänze gab es zum Beispiel.

Der deutsche Weltmusikpreis Ruth ging in diesem Jahr an Cymin Samawatie. Die Braunschweigerin und Tochter iranischer Einwanderer ist eine der umtriebigsten Künstlerinnen der Ethno-Jazz Szene und findet immer neue Wege, musikalische Brücken zwischen westlicher und der persisch-arabischen Musik zu schlagen.

Auch wenn es bis zum nächsten Rudolstadt Festival noch ein Jahr hin ist, gibt es jetzt schon zwei Dinge zu sagen. Erstens gibt es mit Simone Dake eine neue Festivalchefin. Sie löst Ulrich Doberenz ab, der nach 28 Jahren den Hut nimmt. Und dann wurde der Länderschwerpunkt für das kommende Jahr bekannt gegeben. Dann geht’s in den Iran.

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