Dienstag, 22.01.2019
 

Tonart | Beitrag vom 05.07.2016

RudelsingenZwischen Chorprobe und Massenkaraoke

Von Alexandra Friedrich

Eine Hand hält ein Mikrofon (imago / Priller&Maug)
Eine Hand hält ein Mikrofon. (imago / Priller&Maug)

Seit 2011 gibt es in Deutschland "Rudelsingen": Organisiert übers Internet, treffen sich Menschen zu einer Art Massenkaraoke. Alexandra Friedrich war bei einem dieser Happenings und hat herausgefunden, was diese Art des Chorgesangs so anziehend macht.

"Schön, dass ihr hier seid und nicht anderswo. Hallo! (Klatsch Klatsch) Hallo! (Klatsch Klatsch) Wir woll'n uns begrüßen und das mach'n wir so. Hallo! (Klatsch Klatsch) Hallo! (Klatsch Klatsch)"

So begrüßt Kurt Bröker die Besucherinnen und Besucher des zweiten Rudelsingens in Hamburg. Etwa 150 hauptsächlich weibliche und eine Handvoll männliche Gesangsbegeisterte haben sich in der Freien Evangelischen Gemeinde am Holstenwall in Hamburg eingefunden.

Auf Monitoren werden die Liedtexte eingeblendet

Der kleine Gemeindesaal ist abgedunkelt, rechts und links der Bühne stehen zwei Monitore, auf denen die Liedtexte eingeblendet werden. Dazwischen an Gitarre und E-Drums: der ehemalige Musiklehrer Kurt Bröker, ein pummliger Mann mit kinnlangen Locken und einem fröhlichen Gesicht - zusammen mit seinem Sohn Simon, schätzungsweise Anfang 20 und mit dem Charme eines Florian Silbereisen ausgestattet.

Bröker Senior und Junior bilden eines von insgesamt acht Teams, die zu dem Rudelsingen-Franchise-Unternehmen gehören, das seit 2011 über das Internet zum Massenkaraoke aufruft. Mehrere Hundert Menschen kommen regelmäßig zusammen, um gegen einen Eintritt von knapp zehn Euro einen Abend lang gemeinsam zu singen. Wieso das funktioniert, erklärt Kurt Bröker.

"Das liegt zum Teil auch an der veränderten Einstellung gegenüber dem Gesang. Also nach 1945 war das Singen von Volksliedern zum Beispiel verpönt, weil die ja von den Nazis missbraucht worden sind und die 68er-Generation, zu der ich ja auch gehöre, hat dann lieber Bob Dylan gesungen oder Cat Stevens und das Singen war sozusagen konservativ belegt. Und da findet gerade so ein Paradigma-Wechsel statt. Wir singen beim Rudelsingen Lieder, die populär sind. Vom Rocksong über aktuelle Songs, aber wir singen auch alte Lieder, die man gerne mal wieder in der Gemeinschaft hören und singen möchte. Und wenn sie das dann singen, dann fühlen die sich unheimlich gut und es passiert was beim Singen."

Chorsingen fördert die Gesundheit

Und was genau ist es, das da passiert? Das weiß Clemens Wöllner, Professor am Institut für systematische Musikwissenschaften der Universität Hamburg.

"Innerhalb der Musikwissenschaft gibt es eine ganze Menge Studien, die nachgewiesen haben, dass Singen im Chor gesundheitsfördernd ist und sich auch auf hormonelle Schwankungen auswirken kann, also dass wir Stresshormone abbauen nach dem Chorsingen. Und ich denke, wer einmal an so einer Veranstaltung mit teilgenommen hat, mit vielen Menschen gesungen hat, wird genau dieses Erlebnis spüren."

Die Stimmung ist tatsächlich ausgelassen und heiter. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Rudelsingens sind mit Bekannten und Freunden angereist, alle kichern und lachen:

- "Ich kann überhaupt nicht singen. Ich sing total schief und schräg. Aber das ist hier völlig egal, weil es durch die Gruppe halt insgesamt gut klingt."

- "Wir wollten dort singen, wo wir nicht unbedingt Noten können müssen und wo wir auch keine ausgebildete Stimme haben müssen, sondern wo der Spaß im Vordergrund steht."

- "Wir singen gerne, aber wir möchten nicht gehört werden."

Silberhaarige Headbanger

Es fehlen der Leistungsdruck und die regelmäßige Verpflichtung eines regulären Chors und im Gegensatz zum Karaoke muss sich niemand auf der Bühne zum Affen machen. Das senkt die Hemmschwelle. Und wenn Steppenwolf rocken, sieht man sogar die eine oder andere silberhaarige Headbangerin.

- "So ein bisschen aus sich rausgehen, was man so über 60 nicht so unbedingt macht, ne?

- "Also, ich finde das ganz erfrischend, ganz toll, die Veranstaltung, wo alle Generationen sich mischen, wo auch Junge und Alte ihren Spaß zusammen haben. Ist ja selten heute, ne?"

Von einem Generationen übergreifenden Event zu sprechen wäre wohl übertrieben, aber ein paar junge Leute haben sich tatsächlich zum Rudelsingen verirrt:

"Ja, ich bin wegen meiner Mutter hier. Weil, sie hat sich das gewünscht zum Geburtstag."

"Ich bin ja auch erst 22. Wir sitzen auch neben etwas älteren Damen, die sind supernett, mit denen haben wir uns schon unterhalten. Es bringt einfach Spaß, zusammen zu singen, auch mit anderen Leuten, die man noch gar nicht kennt."

"Und wenn ich noch was ergänzen darf: Je mehr Leute singen, um so mehr Energie ist auch im Raum und das kommt einfach rüber."

Zwei Jungs Anfang 20, beide Amateur-Musiker und Sänger aus Leidenschaft, die sich offensichtlich pudelwohl fühlen beim Singen und Tanzen mit den Seniorinnen.

Deutsche, werdet locker!

Was eine solche gemeinsame Aktivität beim Menschen bewirkt, erklärt Kurt Bröker:

"Es entsteht ein Gemeinschaftsgefühl, was der Mensch braucht. Früher hat man zusammen gesessen, vielleicht auch zusammen gesungen. Ich hab zum Beispiel in Katalonien erlebt, dass die auf dem Marktplatz einfach sich anfassen und im Kreis tanzen und singen. Ist bei uns undenkbar. Es sei denn, es ist gerade Public Viewing und Deutschland gewinnt gegen Italien."

Gemeinsam mit anderen lauthals singen und tanzen - ohne Alkohol und unabhängig von Fußball – scheint hierzulande ein Bedürfnis zu sein, für das es bisher offenbar zu wenig Raum gab. Dass etwas so Grundlegendes, ja, fast Archaisches heute nur noch als Geschäftsmodell stattfindet, ist eigentlich ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft. Aber vielleicht greift der Funke aus dem Rudelsingen ja über und bald singen die Deutschen so locker und selbstverständlich, wie sie inzwischen auch Fußball spielen.

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