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Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.04.2015

Rosenmüllers "Le Comte Ory" am Cuvilliés-TheaterBemühte Nonnenflucht

Von Jörn Florian Fuchs

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Regisseur Marcus H. Rosenmüller (picture alliance / dpa / Achim Weigel)
Regisseur Marcus H. Rosenmüller (picture alliance / dpa / Achim Weigel)

Ein wenig zu stark bemüht um ständige Aktionen auf der Bühne hat Marcus H. Rosenmüller Rossinis "Le Comte Ory" in München inszeniert. Gerettet allerdings wird diese szenische Not vom Chor und der Taktgeberin am Pult Oksana Lyniv.

Wild und wüst beginnt der Abend im Münchner Cuvilliés-Theater. Eine versprengte Rockband kapert den Saal und sucht ihren Leadsänger. Mit Taschenlampen strahlen diese Typen das Publikum an. Und das strahlt zurück, wird es doch kurzzeitig Teil der Inszenierung eines nicht nur in Bayern beliebten Filmregisseurs, welcher sich einer wenig bekannten Rossini-Oper widmet.

Der gesuchte Gesangskünstler bleibt verschwunden. Oder handelt es sich vielleicht um die Gestalt im violetten Anzug, die auf einer Bowlingbahn alles abräumt? Auch die Mädchen liegen dem Mann zu Füßen. Dies ist keine Metapher, ständig fallen sie in Ohnmacht. Sehr hübsch und detailreich hat Doerthe Komnick das sportive Unterhaltungsetablissement gestaltet, ein bisschen ranzig das Interieur, dafür leuchtet schicke Neonreklame. Neben dem Superbowler Ory gibt es eine ganze Reihe weiterer Menschen, die eher unübersichtlich arrangiert sind und im prolligen Schlabberlook daherkommen. Irgendwann kristallisieren sich dann doch die zentralen Figuren der Oper heraus, zum Beispiel Adèle, in die sich Ory verknallt. Oder Isolier, der Diener Orys, auch er ist in Adèle verliebt.

Isolier - eine Hosenrolle - singt in München die formidable Marzia Marzo. Elsa Benoit gibt die allseits begehrte Adèle mit viel Emotion und treffsicheren Spitzentönen. Matthew Grills bewältigt die himmlischen, jedoch teuflisch schweren Höhen mühelos, bleibt dafür insgesamt ein wenig farblos. In einem eindringlichen Schlussterzett verwindet und verwundet sich dieses Trio, Marcus H. Rosenmüller gönnt den Figuren einen eher unflotten, hampeligen Dreier. Das ist wohl witzig gemeint, wie überhaupt das szenisch Zotige oft überwiegt und damit das Stück zum reinen Albernheitsspektakel macht.

Komödie mit Tiefgang - aber nicht bei Rosenmüller

Claudio Abbado meinte einst, beim "Comte Ory" handle es sich um "abstrakte Komik". Rossini übernahm hierfür viel Musik seiner Oper "Die Reise nach Reims" und schuf eine ganz eigene Mischung aus Buffa und Seria, eine Komödie mit Tiefgang. Rosenmüller hat dafür leider so gar kein Händchen, jede Phrase wird mit einem eher einfältigen szenischen Einfall ausgestattet, nie kommt jemand oder die Sache als Ganzes mal zur Ruhe.

Dahinter steckt vermutlich die Panik des Opernneulings vor dem vermeintlichen Stillstand. Doch wenn ununterbrochen Quatsch gemacht wird, führt das sehr schnell zu umfassender Ermattung. In der Vorlage ist Ory ein dubioser Don Giovanni, der sich als Eremit verkleidet, um Adèle über ihren künftigen Lebensweg zu 'beraten'. Hier nun sehen wir einen präpotenten Stenz, der aus undefinierbaren Gründen auch noch zaubern kann. Er ruft Lichtblitze und Donnern hervor und beeinflusst weit entfernt stehende Personen per Handzeichen.

Im zweiten Akt irrt ein Dutzend Nonnen umher, sie tragen hüftbetonte, pinguinhafte Kleidung und sind reinste Karikaturen. Ursprünglich handelt es sich um Pilgerinnen, die sich vor dem unzüchtigen Ory fürchten. Kreuzritter, die aus dem Heiligen Land zurückkehren, gibt es eigentlich auch noch, doch auch das interessiert Rosenmüller wenig. So bleibt die Chose doch recht schal und banal.

Retterin in der szenischen Not ist die Musik, der von Sören Eckhoff einstudierte Chor, das frische junge Ensemble des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper und vor allem Oksana Lyniv am Pult. Mit straffer Taktgebung durchpflügt Lyniv Rossinis schillernde Partitur. Rubati oder Generalpausen sind ihre Sache nicht, zackig geht es zu und bei den lyrischen Stellen nie zu süßlich oder übertrieben schwelgerisch.

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