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Studio 9 | Beitrag vom 13.03.2020

Rosenmontag-Anschlag in VolkmarsenNichts ist mehr so, wie es vorher war

Von Ludger Fittkau

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Eine Asphaltstraße führt durch ein Dorf. Das Dorf ist alt: Rechts steht ein Fachwerkhaus. Weitere historische Bauten aus dem späten Mittelater sind zu sehen. (Ludger Fittkau / Deutschlandradio)
Straßenzug in der nordhessischen Kleinstadt Volkmarsen: Hier fuhr beim Rosenmontagszug ein Mann in die Menge und verletzte mehr als hundert Menschen teils schwer. (Ludger Fittkau / Deutschlandradio)

Knapp drei Wochen nach der Autoattacke auf den Rosenmontagszug in der nordhessischen Karnevalshochbug Volkmarsen sind die Motive des Täters immer noch unklar. Über hundert Verletzte ließ er zurück - der Schock darüber wirkt in der Kleinstadt nach.

Auf dem Platz vor dem Rathaus und der Kirche in Volkmarsen stehen zwei Männer und eine Frau zusammen. Sie reden sehr ernst miteinander und wollen ihre Namen nicht nennen.

Es fällt ihnen schwer, über das Verbrechen zu sprechen, das am Rosenmontag nur wenige hundert Meter entfernt geschah – die Autoattacke auf den Karnevalsumzug vor einem Supermarkt  in der Nähe des Bahnhofs:

"Ich habe noch Angst, zum Rewe zu gehen. Es kommt alles wieder hoch. Ich war bis jetzt noch nicht wieder da. Und es wird noch eine Weile dauern."

"Überall an den Ecken kann man's noch mitkriegen, dass die Leute noch ein bisschen geschockt sind. Bei denen, die noch im Krankenhaus liegen, man denkt dran."

Vielfältige Angebote für psychologische Betreuung

Auch über das Motiv des Attentäters vom Rosenmontag herrscht weiterhin Unklarheit in Volkmarsen.

"Ich glaube auch, dass wird erst kommen, wenn die Kripo oder Sonderkommission beziehungsweise die Staatsanwaltschaft alles zusammen hat. Wenn ich überlege, wie viele Zeugenaussagen das sind, wie viele Videos da gemacht worden sind. Kurzvideos - die müssen ja alle ausgewertet werden."

Auch Hartmut Linnekugel, Bürgermeister von Volkmarsen, weiß noch nichts über das Motiv des Täters. Er war selbst im Karnevalszug, als das Attentat geschah. Er muss zur Kenntnis nehmen, dass die Zahl der Traumatisierten in den letzten Tagen noch stark gestiegen ist:

"Die genauen Zahlen haben wir den Medien entnommen, mit circa 130. Diese Namen sind uns leider nicht vollständig bekannt. Zwei Schwerstverletzte sind mir bekannt. Diese beiden Damen sind nach meinem Kenntnisstand glücklicherweise über den Berg."

Menschen mit seelischen Verletzungen bekommen vielfältige Angebote für psychologische Betreuung, betont Bürgermeister Hartmut Linnekugel. Vor allem die Polizeistation im benachbarten Bad Arolsen bietet seit der Tat am Rosenmontag psychologische Ersthilfe:

"Diese Zugänge haben wir den Menschen eröffnet in der Hoffnung, dass sie auf uns zukommen und natürlich diese Angebote auch annehmen. Da wird noch viel Zeit ins Land gehen, bis diese Wunden hoffentlich vollständig, aber zumindest teilweise verheilt sind."

Mordfall Lübke - nur wenige Kilometer entfernt

Die Menschen, die auf dem Platz vor dem Rathaus zusammenstehen, sind unterdessen froh, nicht mehr ständig von Kamerateams angesprochen zu werden, wie es in den ersten Tagen nach dem Attentat der Fall war:

"So ein bisschen Ruhe muss einkehren. Wir untereinander, in den Vereinen oder im Bekanntenkreis, da wird ja noch drüber geredet. Und das hilft ja auch schon."

In einer Seitenstraße ein paar hundert Meter vom Tatort entfernt hängt auch zweieinhalb Wochen nach dem schrecklichen Ereignis noch ein rosa-rotes Transparent über der Straße. Es ist dem Karnevals-Dreigestirn von Volkmarsen gewidmet: Prinz Michael dem Ersten, Prinzessin Ilona der Ersten und dem Adjudanten Holger dem Ersten.

Für viele Menschen war ein zusätzlicher Schock, dass der Täter aus der Nachbarschaft ausgerechnet das wichtigste Volksfest des Ortes angegriffen hat - den Rosenmontagszug.

"Der Karneval ist das absolute Bindeglied hier in unserer katholischen Enklave in Waldeck-Frankenberg."

Bürgermeister Hartmut Linnekugel will dem Täter den Triumph nicht gönnen, den Straßenkarneval in seiner Stadt auf Dauer getroffen zu haben. Aber im Moment  kann sich kaum jemand in der Stadt vorstellen, dass es mal wieder so sein wird wie früher. Zumal auch Wolfhagen, wo der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke im vergangenen Jahr ermordet wurde, nur wenige Kilometer von Volkmarsen entfernt liegt:

"Walter Lübcke - eine Tat, die unbeschreiblich ist. Und jetzt trifft es kleinere Orte, wo wir alle mal vielleicht vor ein, zwei Jahren gedacht haben, dass diese Ereignisse wie in Berlin nicht auf das flache Land kommen. Das heißt, wir merken schon, dass die Worte roher werden. Die werden auch gegenüber Kommunalpolitikern entsprechend angewandt. Ich denke, wir müssen alle gewappnet sein, dagegen zielgerichtet mit demokratischen Mitteln vorzugehen."

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