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Buchkritik | Beitrag vom 17.08.2020

Ronen Steinke: "Terror gegen Juden"Der Antisemitismus war nie weg

Von Hannah Bethke

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Das Cover von Ronen Steinkes „Terror gegen Juden“ vor Deutschlandfunk Kultur Hintergrund. (Piper / Berlin Verlag / Deutschlandradio)
In seinem Buch "Terror gegen Juden" erinnert der Journalist Ronen Steinke an antisemitische Anschläge, die vielen nicht mehr präsent sind. (Piper / Berlin Verlag / Deutschlandradio)

Ronen Steinke analysiert in seinem Buch "Terror gegen Juden" die Entwicklung des Antisemitismus in Deutschland seit der Nachkriegszeit. Seine Befunde sind erschreckend: Die Judenfeindlichkeit erstarkt wieder, und die Ermittlungsbehörden versagen.

Der Hass auf die Juden stirbt nicht aus. Er zeigt sich flächendeckend und erfasst viele Schichten der Gesellschaft. Es gibt rechten, linken, religiös motivierten Antisemitismus. Es gibt uralte Vorurteile wie die Mär von der Brunnenvergiftung und solche in neuem Aufguss, wie sie etwa von der antiisraelischen Boykottbewegung BDS transportiert werden. Worum es dabei geht, wie Antisemitismus zu definieren sei und was nicht dazugehöre, wird in jüngster Zeit von Intellektuellen wie Aleida Assmann wieder kontrovers diskutiert.  

Eine lange Geschichte von Anschlägen

Doch oft gerät der eigentliche Anlass der erhitzten Debatten dabei aus dem Blick: die Opfer antisemitischer Gewalttaten. Das erschütternde Buch des Journalisten Ronen Steinke setzt hier an und zeichnet die Entwicklung des Antisemitismus in Deutschland seit der Nachkriegszeit anhand zahlreicher Fallbeispiele nach. Manches ist noch sehr präsent, anderes längst vergessen.

Dazu gehört der geplante Anschlag vom 9. November 1969 in Berlin, als die linksterroristische Gruppe Tupamaros West-Berlin im Jüdischen Gemeindehaus eine Bombe mit Zeitzünder legte, die durch Zufall nicht explodierte. Hinter der Gruppe steckte Dieter Kunzelmann, Gründungsmitglied der Kommune 1, den Jürgen Trittin vor rund zwei Jahren noch als "großen Sponti" feierte.

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Steinke erinnert an den Brandanschlag auf ein jüdisches Altenheim in München 1970, bei dem sieben Menschen getötet und die Täter bis heute nicht ermittelt wurden; oder an den jüdischen Verleger Shlomo Lewin und seine Lebensgefährtin, die von einem Anhänger der Wehrsportgruppe Hoffmann erschossen wurden – einer verbotenen neonazistischen Organisation, die mit dem Attentat auf das Oktoberfest 1980 in Verbindung stand.

Gegenwärtig ist uns noch der gewalttätige Übergriff gegen einen Mann in Berlin, der eine Kippa trug – das war vor zwei Jahren –, oder der Anschlag auf die Synagoge in Halle im vergangenen Jahr. Die Liste ist lang, und dazu gehören auch etliche Schändungen jüdischer Friedhöfe, wie die Chronik antisemitischer Gewalttaten seit 1945 zeigt, die im Anhang des Buches angeführt ist.

Kein Randproblem

Steinke zeigt schonungslos auf, dass Antisemitismus kein Randproblem der Gesellschaft ist. Er kritisiert den rechten wie den linken Antisemitismus – ohne, wie es sonst oft geschieht, die linke Haltung damit abzutun, es handle sich doch bloß um Kritik am Staat Israel. Genauso deutlich legt er das Versagen der Ermittlungsbehörden offen, die allzu oft auf dem rechten Auge blind waren und antisemitische Strukturen nicht erkennen wollten (oder mit ihnen gar selbst verwoben waren).

Das Buch ist sprachlich nicht sehr elegant und hätte ein gründlicheres Lektorat vertragen. Das macht seine Anklage aber nicht weniger wichtig. Wer über Antisemitismus in Deutschland redet, kommt an der Analyse der zahlreichen antisemitischen Gewalttaten und Übergriffe nicht vorbei. Das sind keine Einzelfälle. Es geht um tief verankerte Muster antisemitischen Denkens und Handelns, die in diesem Land nie ganz überwunden wurden und in jüngster Zeit wieder erstarken. Wer das immer noch nicht glaubt, lese Steinkes Buch.

Ronen Steinke: Terror gegen Juden. Wie antisemitische Gewalt erstarkt und der Staat versagt. Eine Anklage
Berlin Verlag, Berlin 2020
256 Seiten, 18 Euro

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