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Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.11.2016

"Rondo" in BielefeldSpiel mit dem Zufall

Von Stefan Keim

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Henriette Nagel in "Rondo" am Theater Bielefeld (Philipp Ottendörfer / Theater Bielefeld)
Henriette Nagel in "Rondo" am Theater Bielefeld (Philipp Ottendörfer / Theater Bielefeld)

Das Theater Bielefeld zeigt die deutschsprachige Erstaufführung von Alan Ayckbourns "Rondo" − ein enorm unterhaltsamer, anregender und geistreicher Abend. Die Zuschauer entscheiden, in welcher Reihenfolge die fünf Einakter ablaufen.

80 Theaterstücke hat Alan Ayckbourn schon geschrieben, "Rondo" ist seine Nummer 78. Der 77-jährige Brite ist weiterhin experimentierfreudig. "Rondo" besteht aus fünf Einaktern, die alle ungefähr 30 Minuten lang sind. In welcher Reihenfolge sie gespielt werden, entscheidet das Publikum.

Zu Beginn der Bielefelder Aufführung bestimmen Zuschauer, wie der Abend abläuft. Es gibt 120 verschiedene Kombinationen. Das ist besonders interessant, weil manche Figuren in mehreren Szenen auftauchen. Was sie antreibt, erklärt sich für das Publikum an jedem Abend anders.

Ein Beispiel: Bei der Premiere gab es zuerst die Geschichte der Theateragentin Gale. Schläger lauern vor ihrem Haus, sie hat anscheinend Schulden, ein weltfremder Nachbar ist die einzige Chance auf Rettung. Gale bekommt ordentlich aufs Maul und ist Sympathieträgerin.

In späteren Szenen allerdings wird klar, dass sie minderjährige Mädchen mit dem Versprechen auf Theaterrollen anlockt und sie dann als Escort Girls herum schickt, zum Beispiel zu einem korrupten Abgeordneten. Dafür hat Gale durchaus ein bisschen Haue verdient.

Wahnsinn, Mord und Gags

Ayckbourns Szenen sind keinesfalls nur witzig. Eine erzählt vom Kampf eines alten Mannes um seine Erinnerungen. Weil er die frühen Jahre mit seiner Frau vergessen hat, engagiert er ein Callgirl, das ein Abendessen mit ihm nachspielt. Ein anderer Einakter ist ein gruseliger Psychothriller über Wahnsinn und Mord, der in Entsetzensschreien endet. Durch die Wahl des Publikums stand er bei der Premiere am Ende.

Christian Schlüter setzt in der deutschsprachigen Erstaufführung ein bisschen zu sehr auf die Gags. Das ausgezeichnete Ensemble könnte noch einige Brüche und bewegende Momente aus dem Text heraus kitzeln. Denn darin liegt die Meisterschaft Alan Ayckbourns. Trotz dieser kleinen Einschränkung ist "Rondo" in Bielefeld ein enorm unterhaltsamer, anregender und geistreicher Theaterabend.

Mehr zum Thema:

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