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Lesart | Beitrag vom 24.10.2018

Ronald Weber: "Peter Hacks. Leben und Werk"Ein Entrückter seiner Zeit

Von Matthias Dell

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Ein DDR-Aufkleber - alt und ausgebleicht (dpa / picture alliance / Matthias Hauser)
Peter Hacks war einer der bedeutendsten Dramatiker in der DDR. (dpa / picture alliance / Matthias Hauser)

Sozialismus, Brecht und der "Playboy": Ronald Weber versucht, den Schriftsteller Peter Hacks aus dem Halbdunkel der deutsch-deutschen Literaturgeschichte zu befreien – und ihn nicht nur politisch und privat auszudeuten, sondern auch poetisch.

In der Mitte von Ronald Webers Peter-Hacks-Biografie sind auf 32 Seiten Fotopapier Schwarz-Weiß-Aufnahmen des Dichters versammelt. Sie reichen von dem Jungen, der 1928 in Breslau geboren wurde, zu dem alten Mann, der am Goethe-Geburtstag 2003 in seinem Landhaus in Groß Machnow starb. Und sie erzählen die Lebensgeschichte des Schriftstellers im Kleinen auf zweifache Weise: Die verhuschten, privaten Aufnahmen vom Anfang finden zum einen in den 60er-Jahren zu repräsentativer Form, ehe sie zum Ende wiederum privater und verhuschter werden, schlecht ausgeleuchtet, mit unbekannten Leuten an der Seite des berühmten Mannes.

Zum anderen sind es nicht viele: Peter Hacks ist der Gegenwart auch deshalb fremd, weil er kaum mediatisiert ist. Während der anfängliche Freund und spätere Antipode Heiner Müller den Ruhm seiner letzten Jahre mit ikonischer Zigarre und Hornbrille vor Fernsehkameras und in Zeitungsinterviews verbrachte, entsteht selbst aus den wenigen Fotos von Hacks der Eindruck eines seiner Zeit Entrückten. Insofern lässt sich der über 500-seitigen Geschichte von "Leben und Werk" des Peter Hacks, die nun im Eulenspiegel-Verlag herausgekommen ist, eine Notwendigkeit attestieren: Sie malt die Leerstellen im Leben und Schaffen einer faszinierenden Figur aus.

Von Dramatik zur sozialistischen Klassik 

Hacks war singulär nicht nur im für DDR-Verhältnisse kapriziös-bürgerlichen Selbstentwurf mit Zigarettenspitze und aufwendigem Lebensstil, er war es vor allem in seinem künstlerischen Vermögen und seinen politischen Ansichten. Von Brecht, gegen dessen Rat Hacks mit seiner Frau Anna Elisabeth Wiede in 1955 von München nach Ost-Berlin übersiedelt, entfernt sich seine Dramatik bald in Richtung einer sozialistischen Klassik, die ihn die Widersprüche der DDR-Wirklichkeit von den Zinnen eines weltgeschichtlichen Ideals aus ertragen lässt.

Die Sechzigerjahre sind seine große Zeit, obwohl Hacksens Stücke ("Die Sorgen und die Macht", "Der Frieden", "Moritz Tassow") von der offiziellen Kulturpolitik torpediert werden und die Siebzigerjahre sind es, obwohl er sich mit seinem Brass aufs Regietheater und dem Lob der Biermann-Ausbürgerung ins Abseits seiner Einzigartigkeit begeben hat: Der Erfolg seines erfolgreichsten Stücks "Gespräch im Haus Stein über den abwesenden Herrn Goethe" wäre vermutlich noch größer ausgefallen, wenn er es dem Westen mit dem Biermann-Text nicht unmöglich gemacht hat, ihn für den Dissidenten zu halten, der er, im platten Sinne, nie war.

Private Entwicklungen - ohne Gerüchte

Ronald Weber, Redakteur bei der Tageszeitung "Junge Welt", hat über Hacks' (und Müllers) Dramen promoviert und bereits eine Hacks-Bibliografie vorgelegt. Durch die Biografie navigiert er nun mit souveräner Hand: Die Hacks-Stücke mit ihren Bezügen zu historischen Stoffen und kulturpolitischen Händeln liest er konsequent vor dem politischen Hintergrund, vor dem sie verfasst sind.

Die privaten Entwicklungen beschreibt er, ohne sich dem Gossip hinzugeben, an dem sich medial vom Westen aus gern delektiert wurde - das als "Schloss" firmierende Anwesen auf dem Lande verschafft Hacks Anfang der 80er-Jahre einen Auftritt im "Playboy".

So gelingt dem Buch, das aus spürbarer Sympathie geschrieben ist, nicht aber in blinder Kritiklosigkeit resultiert, elegant der Wechsel von "Leben und Werk". Weil Weber Literaturwissenschaftler ist, erscheinen Aufstieg und Niedergang von Peter Hacks und seiner Kunst bei ihm konsequent als eine Frage der Form. Die schleicht sich nach der Zeit ihrer frühen Vollendung in Dramen, Kinderbüchern und Gedichten gegen Ende eher prosaisch aus – in Essays und politischen Texten, mit denen Hacks zuletzt den Verlust seiner Lebensform, der (Ulbricht-)DDR, äußerlich noch immer heiter zu kompensieren versucht.

Ronald Weber: "Peter Hacks. Leben und Werk"
Eulenspiegel Verlag, Berlin 2018
608 Seiten, 39 Euro

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