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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.04.2013

Romeo und Julia völlig oversexed

Lars Eidinger inszeniert William Shakespeares Klassiker an der Schaubühne Berlin

Von Andrea Gerk

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Am Ende sterben sie doch. (Schaubühne Berlin /  Arno Declair)
Am Ende sterben sie doch. (Schaubühne Berlin / Arno Declair)

Cindy aus Marzahn als Amme, Romeo, der Popmusik trällert und eine völlig berauschte Oberschicht - Lars Eidinger inszeniert "Romeo und Julia" als Glamrock-Event. Leider vergeigt er seine guten Ideen dabei allzu oft durch allzu viele Kalauer.

Sein Vorbild sei die Unmittelbarkeit von Kindertheater, erklärte der Schauspieler Lars Eidinger schon bei seiner ersten Regiearbeit (Schillers "Räuber"). Deshalb verzichtet Eidinger auch auf Film und Video auf der Bühne und setzt stattdessen ganz auf die Präsenz der Schauspieler und auf die magische Kraft der ästhetischen Behauptung: Wo sie gelingt, kann es genügen, zu behaupten ein Baum zu sein, um vor den Augen der Zuschauer tatsächlich einen wilden Wald wuchern zu lassen.

In Eidingers Inszenierung von Shakespeares "Romeo und Julia", in einer Fassung von Thomas Brasch, wird in diesem Sinne auch sehr viel behauptet: Bereits beim Hereinkommen befinden sich die Darsteller auf der Bühne, treffen letzte Vorbereitungen oder warten auf ihren Auftritt an Garderobentischen, die an beiden Seiten der Bühne aufgebaut sind. In die Mitte der riesigen Bühne hat Nicole Timm ein Portal gesetzt und daneben ein kleineres Podium mit Lametta-Vorhang, auf der sich das New-Wave-Rock-Duo "The Echo Vamper" bereit macht, einen Soundtrack zu liefern, der buchstäblich durch Mark und Bein geht.

Die klanglichen und körperlichen Verrenkungen von James Brook und Iza Mortag Freund in ihren bizarren Glamrock-Plateausohlen-Kostümen sind faszinierend und überraschend – es rettet durch einen ansonsten reichlich verkalauerten Abend, der viele gute Ideen verschenkt, indem er sie nicht ernst nimmt. So treffen Romeo und Julia bei einem Kostümfest der Lady Capulet aufeinander, bei der die Gastgeberin als Vagina verkleidet ist und aus Mercutios Hose ein meterlanger rosa Schlauch hängt – die ganze bessere Gesellschaft ist ein verkommener Haufen, völlig ‚oversexed’ und auf ungute Weise berauscht.

Auch das frisch entflammte Liebespaar will eigentlich gleich in Julias Jugendbett hüpfen. Doch vorher soll geheiratet werden, beschließt Julia als Romeo schon neben ihr in der Mädchenbettwäsche liegt. Die befindet sich auf der oberen Etage eines Stockbetts – das Gerüst des berühmten Balkons, vor dem Romeo seiner Angebeteten das gesamte Repertoire der Pop-Lyrik vorgeträllert hat und sogar selbst zur Gitarre gegriffen hat. Derart vergeigt Eidinger so manche Szene, die schön, humorvoll und stimmig beginnt und dann – in dem er einen heftigen Kalauer draufsetzt – zerschlagen wird.

Den Schauspielern bietet das allerdings die (eher seltene) Gelegenheit, ihr diesbezügliches Talent mal richtig auszuwalzen: Herausragend in dieser Hinsicht sind Mercutio (Tilman Strauß) und die Amme (Sebastian Schwarz), die in ihren dicken Strumpfhosen, mit Glitzerpulli, dicker Wollstrumpfhose und blonder Lockenperücke wie eine verlotterte Version von Cindy aus Marzahn erscheint. Doch nicht nur diese beiden legen eine so ungehemmte Spielfreude an den Tag, dass Romeo und Julia - als Figuren und als Stück - irgendwo zwischen wilder Musik, wüsten Auftritten und wenig Text verschwinden.

Links auf dradio.de:

Romeo und Julia "verabreden sich zum Sex" - Der Schauspieler Lars Eidinger über seine Schaubühnen-Inszenierung

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