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Fazit / Archiv | Beitrag vom 14.06.2014

RomanklassikerZerquälte Trostlosigkeit auf der Bühne

Kafkas "Prozeß" am Berliner Ensemble

Von Andre Mumot

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Bei Peyman fehlen all die Zwischentöne, die Kafkas Text so stark machen.  (picture-alliance / dpa / CTK)
Bei Peyman fehlen all die Zwischentöne, die Kafkas Text so stark machen. (picture-alliance / dpa / CTK)

Claus Peymann bringt Kafkas "Prozeß" auf die Bühne am Berliner Ensemble. Es ist eine staubtrockene Nacherzählung des Romanklassikers geworden, die sich peinlich genau an die Szenen im Buch hält und so durch und durch mau gerät.

Von der unglücklichen Vorgeschichte bleibt nur ein weißer Verband sichtbar. Den trägt Veit Schubert, und man erblickt ihn, als er sich am Ende nackt auszieht und sich als Josef K. den eigenen Scheiterhaufen errichtet. Eine kleine Erinnerung an den Schock, der die eigentliche Premiere von "Kafkas Prozeß" am Berliner Ensemble, die auf Anfang April festgesetzt war, verhindert hat. Denn bei der ersten öffentlichen Probe stürzte Hauptdarsteller Schubert von einem Tisch und brach sich das Handgelenk.

Nun, gute zwei Monate später, geht es ihm zum Glück wieder gut: Zwei Stunden lang steckt er strampelnd in schwarz-weißer Kluft, taumelt durch Alptraum-Beklemmungen und schwitzt sich das kalkweiße Make-Up vom Leidensgesicht. Er ist ein verschämter Josef K., ein Hin- und Hergestoßener, einer, der sehr schnell sein Selbstbewusstsein verliert angesichts des rätselhaften Prozesses, der ihm von einer anonymen Behörde gemacht wird und aus dem es kein Entrinnen gibt.

Das Fragment in Bühnenform gebracht

Es ist nicht üblich an Claus Peymanns Haus, Romane zu adaptieren, hat man es sich doch auf die Fahnen geschrieben, sich streng nach den Buchstaben kanonisierter Stücke zu richten. Diesmal jedoch hat der Hausherr seiner Dramaturgin Jutta Ferbers den Auftrag erteilt, gemeinsam mit ihm und Hermann Beil das um 1914 herum entstandene Fragment in griffige Bühnenform zu bringen. Herausgekommen ist dabei ein sauberes Nacherzählen des Handlungsverlaufes, bei dem alle entscheidenden Szenen brav abgearbeitet werden, straff gespannt und aufs vermeintlich Nötigste reduziert. Doch was ist nötig, wenn es um Kafkas "Prozeß" geht, um diese für die Kunst des 20. Jahrhunderts so paradigmatische literarische Ohnmachtsbeschwörung?

Gewiss nicht der Handlungsablauf, das wird rasch klar an diesem Abend, an dem vor allem das klischeehafte Bühnenbild und die nicht minder klischeehaften Kostüme von Altmeister Achim Freyer für die düstere Beklemmung sorgen sollen: Schwarze Tische, schwarze Stühle, schwarz-weiße Anzüge und Kleider und Hütchen und Regenschirme, groteske Gesichter unter nackten Lampen und einer aggressiv tickenden Uhr. Dazu jede Menge Zigarrenrauch, aufgewirbelter Aktenstaub und Kunstnebel. Das Endergebnis ist zerquälte Trostlosigkeit, ein ewiges Grau in Grau, in dem kein Platz ist für eine selbstständige Bühnenpoesie, wie sie etwa Andreas Kriegenburg 2008 in seiner Münchner Adaption des Stoffes über die Rampe gezaubert hatte.

Öde und mau

Kleine darstellerische Finessen, wie etwa das knarzige Rezitieren der Torhüterlegende durch BE-Urgestein Jürgen Holtz, lassen aufatmen, verweisen aber stets auf die unbequemen Rätsel unter der Textoberfläche, die in Peymanns auffällig schwung- und kraftloser Inszenierung größtenteils unauffindbar bleiben. Schließlich ist der Prozess zu allererst ein masochistischer Ego-Kampf im Kopf des Prokuristen K., der von einem schlechten Gewissen gegenüber Arbeitgeber, Verlobter und Zimmerwirtin in neurotische Panik hineingetrieben wird, in einen Spuk, der unfassbarer Weise reale Gestalt annimmt. Es folgt ein existentielles Im-Dunkeln-Tappen, bei dem Josef K. sich eitel aufplustert und zwischen Selbstgerechtigkeit und völliger Verlorenheit schwankt. In der übersichtlichen Welt des Berliner Ensembles aber ist er dann doch wieder nur ein armes Opfer-Würstchen, das vom Panoptikum der sinistren Autoritätsfiguren in die Mangel genommen wird. Alles wie gehabt: Hier die verlorene Unschuld, dort die zischende, böse Ensemblemasse.

Kafkas distanzierter Kanzleiton, der beim Leser auf so hinterhältige wie berückende Weise das Verstehen des eigenen Nichtverstehens zu Tage fördert, das Aushaltenmüssen der Ratlosigkeit, kann sich bei Peymanns staubgrauer Romanbebilderung nicht entfalten, die nur öde ist und mau. Doch immerhin: Veit Schubert ist wohlauf, das muss als gute Nachricht reichen.

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