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Lesart / Archiv | Beitrag vom 18.03.2019

Romane übers KinderkriegenMütter und ihre Perspektive im Mittelpunkt

Sonja Hartl im mit Gespräch Frank Meyer

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Mutter und Kind (EyeEm / Paulo Sousa )
Mutter und Kind - ein ideologisch und politisch überfrachtetes Thema, so Sonja Hartl. (EyeEm / Paulo Sousa )

Für Frauen verbinden sich vielfältige Gefühle mit der Möglichkeit, ein Kind zu haben – oder eben auch keines. Immer mehr Schriftstellerinnen beschäftigen sich mit der Mutterschaft und ihren Folgen. Sonja Hartl stellt neue Romane zum Thema vor.

Frank Meyer: Kinder sind schlecht für die Umwelt, deshalb sollte man keine Kinder bekommen – das hat ja die Lehrerin Verena Brunschweiger letztens in einem Manifest geschrieben und damit eine Debatte ausgelöst, auch über Feminismus und Mutterschaft. Wie Frauen heute umgehen mit dem Kinderkriegen, das ist in letzter Zeit zum Thema in einigen neuen Romanen geworden. Meine Kollegin Sonja Hartl hat sich eine Reihe dieser Bücher angesehen und ist jetzt hier bei uns im Studio. Wenn man auf diese Romane schaut, gibt’s so etwas wie einen grundsätzlichen neuen Umgang mit diesem Thema Mutterschaft?

Hartl: Also Mutterschaft hat natürlich schon immer eine Rolle gespielt, aber in den vergangenen 15 Jahren kann man schon sehen, dass es immer mehr Autorinnen gibt, die die Mütter und ihre Perspektive in den Mittelpunkt stellen. Und vor allem in den letzten fünf Jahren hat es noch mal im angloamerikanischen und westeuropäischen Bereich so einen richtigen Schub gegeben. Hier versuchen vorwiegend Autorinnen, schreibend zu verstehen, was es heißt, eine Mutter zu sein, wie sich der Körper verändert, wie sich das ganze Leben verändert, aber eben auch, was es heißt, keine Kinder zu haben. Als Beispiele sind hier zu nennen Rachel Cusk, da spielt es quasi in jedem Roman eine Rolle, oder auch Elena Ferrante oder aus dem deutschsprachigen Bereich Anke Stelling. Was sie machen, ist, dass dieses Thema mit all den körperlichen und seelischen Begleiterscheinungen dort hinkommt, wo es meiner Meinung nach hingehört, nämlich in eine Reihe mit den ganz großen Themen der Literatur.

Schreibend verstehen, was es heißt, Mutter zu sein

Meyer: Und bei einem der Bücher, die Sie jetzt ausgesucht haben, da steckt das auch ganz direkt im Titel, das heißt schlicht "Mutterschaft", dieses Buch von einer kanadischen Autorin, Sheila Heti. Was schreibt sie denn über Mutterschaft?

Hartl: Dieses ganze Buch setzt sich im Prinzip mit der Frage auseinander, ob die namenlose Protagonistin nun ein Kind will oder nicht. Dazu befragt sie zum einen so ein Orakel mit drei Würfeln, vor allem aber setzt sie sich auch schreibend damit auseinander, indem sie immer wieder Fragen rund um Mutterschaft aufwirft: Also sind Kinder der einzige Weg zum glücklichen Leben? Will sie eigentlich nur Kinder, weil es dazugehört, als Frau Kinder zu wollen?

Und sie erweitert diese persönlichen Fragen nach und nach um den Stellenwert, den Mutterschaft, Geburt und Kinder in der Gesellschaft haben. Sie fragt zum Beispiel, warum wird um Mutterschaft so ein Bohei gemacht, während dann Frauen mit den konkreten Problemen, sobald sie Kinder haben, oft alleingelassen werden. Oder: Warum werden Frauen immer als Verbrecherinnen angesehen, egal ob sie Kinder haben oder nicht, und wie kann dann 'Bin keine Mutter' Teil der Identität werden.

Dazu kommen dann bei ihr auch künstlerische Probleme: Kann man Kinder haben und gleichzeitig noch das Verlangen haben, Kunst zu schaffen? Und sie liefert keine Antworten, sondern sie macht mit ihren Fragen die gesamte Komplexität der Entscheidung deutlich. Was mir besonders gut gefallen hat, ist, dass sie klar kenntlich macht, dass sie aus einer privilegierten Position heraus argumentiert. Sie ist weiß, sie gehört der Mittelschicht an, sie hat keine Fruchtbarkeitsprobleme, sie lebt in einer festen Partnerschaft, und sie hat natürlich auch sehr viel Ähnlichkeit mit Sheila Heti an sich.

Meyer: Also sie schreibt aus einer Autorinnenposition, wo jetzt nicht klar ist, ob sie von sich selbst spricht oder vielleicht auch von einer anderen Figur. Ist das typisch für diese Art Romane?

Hartl: Nein, da gibt’s auch ganz andere Sachen, also zum Beispiel auch neu erschienen ist "Jesolo" von Tanja Raich. Da geht es um Andrea und Georg, vor allem um Andrea. Die beiden leben in einer langjährigen Beziehung, und eigentlich ist Andrea glücklich mit ihrem Leben. Sie ist eigentlich zufrieden. Aber sie merkt, dass die Kompromisse, die sie machen muss für diese Behaglichkeit des Lebens an der Seite ihres langjährigen Freundes Georg immer größer werden, denn er hat eine sehr feste Vorstellung von der Zukunft. Er will Kinder, er will das Haus seiner Eltern ausbauen und dort leben, und sie liebäugelt doch ein bisschen damit, nach Spanien zu gehen oder vielleicht mal woanders zu arbeiten.

Tanja Raich erzählt hier, wie es einer Frau passieren kann, in so ein Leben hineinzurutschen, das man eigentlich nicht will, denn Andrea begehrt nicht auf, sondern bei ihr merkt man, dass es dieses Versprechen von Individualität und Selbstverwirklichung für Frauen quasi nur bis Mitte 30 gibt. Danach kommt dann die Frage, will sie ein Kind oder will sie nicht, und auf einmal engt die Gesellschaft oder der Spielraum, der eine Gesellschaft ihr gibt, sie wieder ein.

Hineingeworfen in diese widerstreitenden Gefühle

Meyer: Jetzt haben Sie von zwei Beispielen gesprochen, wo Frauen darüber nachdenken, will ich eigentlich ein Kind haben, und was heißt das für meine Möglichkeiten. Wie ist das mit Romanen, oder gibt’s die überhaupt, wo die Protagonistinnen bereits Mütter sind, gibt’s dann da auch so ein Nachdenken über Mutterschaft?

Hartl: Da gibt’s aktuell ein recht verstörendes Beispiel, das heißt "Stirb doch, Liebling" von Ariana Harwicz, eine argentinische Autorin. Sie hat auch eine namenlose Protagonistin, und die hat gerade ein Kind bekommen, doch irgendwas fehlt in ihrem Leben. Sie fühlt sich eingesperrt in ihrem Haus im ländlichen Frankreich, sie will sich der Natur hingeben und sie will eigentlich verbergen, was mit ihr los ist, aber sie will auch alle wissen lassen, wie es ihr geht. Und Ariana Harwicz erzählt aus der Ich-Perspektive, das heißt, man wird so hineingeworfen in diese widerstreitenden Gefühle. Sie fühlt sich extrem unwohl mit der Mutterrolle, auf der anderen Seite hat sie aber auch so einen Kontrollzwang – ob das Kind noch atmet und ob es dem nicht gut geht. Wir können natürlich außerhalb des Romans eine relativ simple Erklärung dafür finden, vielleicht hat sie einfach eine postnatale Depression und das geht schon vorbei. Aber was hier auch immer wieder mitschwingt, sind wieder diese gesellschaftlichen Erwartungen, mit der sich eine Frau auseinandersetzen muss, sobald sie ein Kind hat.

Meyer: Wie ist das bei diesen Büchern, wenn es um das Thema Mutterschaft geht, in der Art des Erzählens, aber auch durchaus im Stil? Man würde jetzt klischeemäßig erwarten, dass diese Bücher besonders einfühlsam vielleicht geschrieben sind – wie ist das?

Hartl: Einfühlsam in dem Sinne, dass sie sehr präzise sind in ihren Beobachtungen. Also man merkt schon, alle Autorinnen wollen verstehen, in welchen Situationen diese Frauen stecken. Aber bei Heti ist eine sehr große analytische Distanz da, und bei Tanja Raich ist es vor allem diese Passivität ihrer Protagonistin, mit der sie arbeitet, die einen auch wirklich wahnsinnig machen kann beim Lesen.

Ariana Harwicz ist schon an der Grenze zur Surrealität. Das erinnert vom Erzählen her so ein bisschen an die Filme von David Lynch, da ist immer so ein verstörendes, unheimliches Moment dabei. Und sie erzählen auf sehr verschiedene Weisen. Sie achten in der Erzählperspektive immer darauf, dass sie möglichst nah beim Leser sind, und sie sind auf ganz eigene Weise konsequent und drastisch im Stil.

Vor allem aber erzählen sie einfach über Gefühle und über Entscheidungen und über Wahrnehmungen, die nicht oft erzählt werden, und sie machen auch alle drei auf diesen verschiedenen Wegen deutlich, dass sich Freiheit und Akzeptanz für eine Frau in den 30ern nicht wirklich verwirklichen lassen.

Keine Freiheit für eine Frau in den 30ern

Meyer: Jetzt, wenn man Mutterschaft problematisiert, infrage stellt vielleicht sogar, heißt das natürlich, was für die Beziehung der Mutter zum Kind ist, aber ja auch umgekehrt, für die Beziehung des Kindes zur Mutter. Wird auch das zum Thema in solchen Büchern?

Hartl: Bei Heti und Raich spielt das so ein bisschen indirekt rein. Das sind vor allem Erwartungen, die durch ihre Mütter auf ihr Leben hineingestülpt wurden, ansonsten sind die Mütter aber mehr abwesend. Es gibt aber auch gerade den wundervollen Erzählungsband "Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt" von Lesley Nneka Arimah, und da gibt es eine ganze Reihe von Erzählungen mit sehr vielschichtigen Mutter-und-Tochter-Beziehungen. Da ist einmal eine schwangere Teenagerin, die durch einen dramatischen Zwischenfall erkennen muss, wie weit die Egozentrik ihrer Mutter eigentlich geht, oder der umgekehrte Fall einer Tochter, die von ihrer Mutter zu ihrer Familie nach Nigeria geschickt wird aus den USA und dann dort erst erkennt, dass ihre Mutter sie nicht bestrafen wollte, sondern dass ihre Mutter zumindest noch Interesse an der Beziehung zu ihr hat. Da gibt es noch eine ganze Reihe weitere Erzählungen, und es schwingt immer wieder mit, wie viel Sorge es auf beiden Seiten gibt, wie viel aber auch durch diese Erwartungen zerstört werden kann.

Meyer: Jetzt muss ich auch noch an ein anderes Buch denken, das in den letzten Jahren in den USA groß Schlagzeilen gemacht hat und damit dann auch bei uns, von Margaret Atwood, "Der Report der Magd". Das ist ja schon ein älteres Buch, von 1985, wo es auch um Mutterschaft geht. In dem Buch werden ja, wenn ich mich richtig erinnere, quasi alle Frauen verpflichtet auf die Rolle als Hausfrau und Mutter, und das ist so eine Dystopie, also ein Blick in eine dunkle Zukunft. Gibt es im Bereich der Mutterschaftsromane noch mehr solche Dystopien?

Hartl: Da gibt’s gerade zwei Beispiele. Das ist einmal "Der Gott am Ende der Straße" von Louise Erdrich und dann "Die Geschichte der schweigenden Frauen" von Bina Shah, und in beiden Romanen ist Fruchtbarkeit zu einem Problem geworden, wie auch bei Atwood – es gibt nur noch eine bestimmte Anzahl von Frauen, die überhaupt Kinder bekommen können. Das Spannende hier ist, dass beide Romane in ganz verschiedenen Teilen der Welt spielen: Erdrich ist in Nordamerika, Bina Shah in, wie sie es nennt, Sub-West-Asien, das ist das Gebiet, wo heute zum Beispiel Pakistan liegt. In beiden Büchern hat ein autoritäres Regime die Kontrolle übernommen, und um ihre Macht sicherzustellen, müssen sie nun die Körper von Frauen kontrollieren. Und das zeigt noch mal ganz deutlich, dass Mutterschaft jetzt schon ideologisch und politisch überfrachtet ist. Aber in der Zukunft – je nachdem, unter welchem Regime wir leben – wird das noch viel, viel stärker, denn um die Macht zu kontrollieren, muss man die Körper von Frauen kontrollieren.

Meyer: Mutterschaft in der Gegenwartsliteratur, darüber haben wir mit Sonja Hartl gesprochen. Die Liste der Bücher, die hier zur Rede standen, die steht demnächst auch online auf unserer Homepage deutschlandfunkkultur.de.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


Literaturliste

Sheila Heti: Mutterschaft

Aus dem Englischen von Thomas Überhoff
Rowohlt 2019, 22 Euro

Tanja Raich: Jesolo
Blessing 2019, 20 Euro

Ariana Harwicz: Stirb doch, Liebling
Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz
C.H. Beck 2019, 18,95 Euro

Lesley Nneka Arimah: Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt
Aus dem Englischen von Zoë Beck
CulturBooks 2019, 20,50 Euro

Louise Erdrich: Der Gott am Ende der Straße
Aus dem Englischen von Gesine Schröder
Aufbau Verlag 2019, 22 Euro

Bina Shah: Die Geschichte der schweigenden Frauen
Aus dem Englischen von Annette Charpentier
Golkonda 2019, 22 Euro

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