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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.02.2014

RomanZwischen Größenwahn und irrem Geschwätz

Yi Sang: "Betriebsferien und andere Umstände"

Von Katharina Borchardt

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Stadtpanorama von Seoul (picture alliance / Daniel Kalker)
Inzwischen eine moderne Metropole mit rund zehn Millionen Einwohnern: Seoul. (picture alliance / Daniel Kalker)

Der 1937 verstorbene Autor Yi Sang gilt als einer der interessantesten koreanischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Der nun veröffentlichte Erzählband des Dandys zeigt Koreas rasanten Übergang in die Moderne.

Bosan ist verärgert. Bosan ist sehr verärgert. Denn tagtäglich spuckt sein Nachbar große Speichelflatschen vom Fenster aus in Bosans Hof. Rund um die Uhr entwickelt der Geschädigte nun Strategien, um seinen Nachbarn zur Ordnung zu rufen. Doch kann nichts den dreisten Spucker von seinen ekligen Gewohnheiten abbringen. Bosan empfindet die Menschen um sich herum als Zumutung und ist darin eine typische Figur des früh verstorbenen koreanischen Autors Yi Sang (1910-1937).

Er schläft viel, geht gern spazieren und geriert sich ansonsten als Schriftsteller. Dabei neigt er zu leicht zwanghaftem Verhalten; bei ihm zuhause etwa muss alles aufrecht stehen. Gerne benutzt er englische und französische Fremdwörter, vor allem für moderne, aus dem Westen importierte Dinge wie toothbrush, necktie oder cigarette.

Fulminant setzt der Erzählband "Betriebsferien und andere Umstände" mit Bosans Spuckgeschichte ein. Der junge Mann quält sich, doch spitzt Yi Sang seine nachbarschaftliche Obsession derartig zu, dass sie stellenweise ausgesprochen komisch wirkt. Andere Figuren in den zehn Erzählungen, die dieser Band versammelt, ähneln Bosan zwar in Charakter und Gewohnheiten, haben aber weniger Witz. Bei ihnen – es sind allesamt junge Männer – überwiegt das Leiden an ihren Lebensumständen: an den Frauen, zu denen keine dauerhafte Beziehung glücken will, am Christentum, dem viele frisch missionierte Koreaner anhängen, am Geld, das sich die jungen Künstler nur schwer zu beschaffen wissen, und an ihren Exaltiertheiten, die viel Größenwahn und irres Geschwätz hervorbringen.

Zu seiner Zeit war der Dandy höchst umstritten

Viele der Protagonisten ähneln dem Autor Yi Sang selbst in Lebensstil und Auftreten. Auch Details seiner persönlichen Biografie spiegeln sich in ihren Lebensläufen. Gelegentlich legt der Autor die Fährte zu sich selbst ganz bewusst, etwa wenn er eine Hauptfigur unumwunden Yi Sang nennt oder aber eine Geschichte unter dem Namen ihres Protagonisten – etwa Bosan – publiziert.

Yi Sang ist eine der schillerndsten Figuren der koreanischen Literaturgeschichte. Heute ist der wichtigste Literaturpreis Südkoreas nach ihm benannt, doch zu seiner Zeit war der Dandy, der gern in weißem Smoking herumlief und neben dem Schreiben Künstlercafés in Seoul betrieb, höchst umstritten.

Gegen die Veröffentlichung seiner experimentellen und stark vom der westlichen Moderne – stream of consciousness, Dadaismus und Surrealismus – geprägten Texte, regte sich schon früh Widerstand. Die Veröffentlichung etwa seiner Gedichte in einer koreanischen Tageszeitung wurde nach Leserprotesten eingestellt. Auf Deutsch liegen sie unter dem Titel "Mogelperspektive" vor.

Es ist fantastisch, dass nun zehn Erzählungen von Yi Sang hinzukommen, der einer der interessantesten koreanischen Autoren des 20. Jahrhunderts ist. Es gelingt ihm perfekt, mit seinen prekären Figuren und ihren oft wirren Erlebnissen die gesellschaftliche Umbruchsituation zu versinnbildlichen, in der sich Korea damals – kolonisiert von Japan und in rasantem Übergang in die Moderne – befand.

Yi Sang: "Betriebsferien und andere Umstände"
Aus dem Koreanischen von Hanju Yang, Heiner Feldhoff und Gerda Kneifel
Literaturverlag Droschl, Graz 2014
224 Seiten, 23 Euro
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