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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.06.2014

RomanShort-Cuts der Liebe

J. Courtney Sullivan: "Verlobungen"

Von Ursula März

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Heather Mills, die frühere Ehefrau von Paul McCartney, präsentiert bei einem Fototermin am 27.7.2001 in London ihren Verlobungsring (mit einem großen Saphir und zwei kleinen Diamanten). (picture-alliance / dpa)
Ein Verlobungsring wandert durch 600 Romanseiten von Hand zu Hand. (picture-alliance / dpa)

Gekonnt verbindet J. Courtney Sullivan in sich geschlossene Geschichten aus fünf Jahrzehnten. Und erzählt so in ihrem Roman "Verlobungen", wie sich die US-amerikanische Ehe- und Liebesmoral verändert hat.

"A Diamond Is Forever" - bis heute ist dieser Werbeslogan in amerikanischen Zeitungsanzeigen zu lesen, oft unter Fotos, die zwei verschlungene Hände darstellen. Denn bei dem Produkt, das mit dem Slogan beworben wird, handelt es sich um einen diamantenbesetzten Verlobungsring. Das Juwel soll die Kostbarkeit der Liebe symbolisieren, die mit dem Verlobungsakt befestigt wird. Dies zumindest war die Idee, die Mary Frances Gerety in den Morgenstunden einer schlaflosen Nacht im Jahr 1947 durch den Kopf fuhr.

Mary Frances Gerety, eine reale Figur und selbst zeitlebens Junggesellin, machte in der Nachkriegszeit Karriere in der amerikanischen Werbeindustrie. Sie hatte den Auftrag, für einen Juwelenhersteller eine Kampagne zu entwerfen. Sie brauchte nicht nur einen Slogan, sie brauchte auch eine Fama um den Slogan herum und so erfand sie eines Nachts die Fama von der Verlobung, die erst durch einen juwelenbesetzten Ring eine richtige ist.

Fünf Geschichten aus fünf Jahrzehnten

Mit dieser Szene setzt der neue Roman der 32-jährigen, in New York lebenden Journalistin und Schriftstellerin J. Courtney Sullivan ein. Er hat den Titel "Die Verlobungen" und erzählt in der Konstruktion des Short-Cut-Prinzips nebeneinander fünf in sich geschlossene Geschichten aus fünf verschiedenen Jahrzehnten; vier fiktive Paar- und Ehegeschichten, sowie die Geschichte der historischen Sloganerfinderin Mary Frances Gerety. Von Kapitel zu Kapitel wechseln sich die Paare und die Jahrzehnte ab.

Für die Lehrerin Evelyn, Protagonistin der 1970er Jahre, bricht die Welt zusammen, als sich ihr Sohn scheiden lässt. Der Rettungssanitäter James schafft es in den 1980ern, seine Ehe über einen wachsenden Schuldenberg zu bringen. Am Ende des Jahrtausends reißt sich die Mittdreißigerin Delphine aus einer Pflichtehe und bezahlt bitter für ihre Amore zu einem jugendlichen Stargeiger. Und zu Beginn des neuen Jahrtausends bereitet ein homosexuelles Paar in Kalifornien seine Hochzeit vor.

Gehobene Unterhaltungsliteratur

Was diese fünf Erzählungen verbindet, ist ein diamantenbesetzter Verlobungsring, der von einer Hand zur nächsten durch 600 Romanseiten rollt, von Evelyn zu James, von James zu Delphine und schließlich an den Finger eines kalifornischen Schwulen.
Der Ring ist ein klassischer, Spannung erzeugender MacGuffin, eines jener erzähltechnischen Elemente, welche die Beheimatung des Romans im Feld der Unterhaltungsliteratur anzeigen.

Man darf "Verlobungen", wie den Vorgängerroman "Maine", der im vergangenen Jahr auf Deutsch erschien, auch getrost im Fach der gehobenen Unterhaltung ansiedeln, jener Romanliteratur, die zwischen E und U balanciert und in Amerika mehr Achtung genießt als hierzulande. J.Courtney Sullivan ist eine Könnerin dieser Balance. Leichthändig verbindet sie eine Sittengeschichte amerikanischer Ehe- und Liebesmoral mit fesselnden Plots und einer genau bemessenen Dosis Kolportage.

J. Courtney Sullivan: "Verlobungen"
Aus dem Amerikanischen von Henriette Heise
Deuticke Verlag, Wien 2014
585 Seiten, 19,90 Euro

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