Seit 14:30 Uhr Vollbild

Samstag, 15.12.2018
 
Seit 14:30 Uhr Vollbild

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.03.2014

RomanMythisches Labyrinth

Georgi Gospodinov: "Physik der Schwermut"

Von Jörg Plath

Podcast abonnieren
Blick auf ein Labyrinth aus Koniferen (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)
"Seitengang" heißt ein Kapitel im labyrinthischen Roman des bulgarischen Schriftstellers Georgi Gospodinov. (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)

Von zerbrochenen Lebensgeschichten im Bulgarien des 20. Jahrhunderts erzählt Georgi Gospodinov in "Physik der Schwermut". Dass der Erzähler sich in alles und jeden einfühlen kann, macht den Roman avantgardistisch und unterhaltsam.

Für Georgi Gospodinov gehören Natur und Kunst zusammen. Daher heißt sein erster Roman "Natürlicher Roman", und daher verbindet sein neuer Erlebnisse verschiedener Menschen im 20. Jahrhundert mit dem Mythos vom Minotaurus. Der Erzähler ist viele, auch ein Mensch mit Stierkopf, und der Roman "Physik der Schwermut" ein Labyrinth. Manche Kapitel heißen "Seitengang".

Eine außergewöhnliche Empathie erlaubt es Gospodinovs Erzähler, in den Erinnerungen des Großvaters umherzuspazieren. Er ist der Großvater als verängstigter Junge, den die mit fünf Kindern überforderte Mutter im Ersten Weltkrieg in einer Mühle vergisst, und er ist der Großvater als bulgarischer Soldat, der im Zweiten Weltkrieg von einer jungen Ungarin gepflegt wird, die sich in ihn verliebt und ihm lange das Ende des Krieges verheimlicht. So lange, dass der Großvater schon auf dem Denkmal für die Weltkriegstoten des Dorfes verzeichnet ist, als er spät heimkehrt zu Frau und Kind.

Verlassen- und Gerettetwerden, Tod und Liebe – in diese Urerlebnisse trägt Gospodinov die Geschichten vieler Menschen ein, dazu seine eigenen und die des Minotaurus. Denn das mythische Ungeheuer ist auch nur ein verlassenes, verstoßenes Kind.

Vergangenheit als spätstalinistischer Themenpark

Als die Fähigkeit zur Empathie verloren geht, beginnt der Erzähler, die Vergangenheit archivarisch zu retten: Im Luftschutzkeller jenes Hauses, in dem er einst mit den Eltern wohnte, füllt er Kartons mit Notizbüchern und Gegenständen. Weil die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts einige Zeitkapseln vergrub, oder gar in den Weltraum schickte, zitiert Gospodinov absonderliche Dokumente und zeigt wunderliche Bilder. Die Arche-Noah-Kartons, die "von jeder Art und von jeder Geschichte etwas" bewahren, sind der metaphorische Keller des Buches. Weil das Buch ewig währt, wird, so die Hoffnung, das Gerettete eines Tages lebendig. Dann träte aus dem metaphorischen Keller niemand anders als der Minotaurus ins Licht hinaus.

Natürlich lässt sich Gospodinov die Farce zu dieser eschatologischen Hoffnung nicht entgehen: Von der Wende 1989 Verunsicherte und Beleidigte errichten in einem Albtraum die Vergangenheit als spätstalinistischen Themenpark.

Ironie, Reflexion und Rhythmusgefühl

Mehr als dieser höchst unvollständige Überblick über das Feuerwerk an Ideen und Geschichten, an Fundstücken und selbst Erlebtem lässt sich hier kaum geben. Gospodinov bugsiert auch noch die Quantenphysik in einen der Noah-Kartons. Nur Ironie, Reflexion und Rhythmusgefühl bewahren diese davor, zu Kesseln Buntes zu werden. Deutlich an Dichte gewinnt der Wunderkammerroman trotz der liebevollen Szenen mit Großeltern und Eltern allerdings ab dem Jahr 1968, dem Geburtsjahr Gospodinovs. Nicht etwa, weil der Autor nun von sich erzählen kann, sondern weil er schon als Kind sammelte und nun über viel reichhaltigeres Material verfügt, darunter auch die Liste typischer Antworten auf die Frage "Wie geht’s?" im Sozialismus. Die schönste Antwort lautet: "Ich lasse es auf mich zukommen."

Im postsozialistischen Bulgarien kauft der Erzähler dann Geschichten von Unbekannten, von Leihmüttern, Basketballemigranten, Gehörnten. Denn solange erzählt wird, ob in Bulgarien, dem "traurigsten Platz der Welt", im Schlafzimmer von 1001 Nacht oder im Labyrinth des Minotaurus, solange hat der Tod keine Chance. Georgi Gospodinov lässt Theseus' Ariadne-Faden fallen. Sein so avantgardistisches wie unterhaltsames Buch rettet die vielfach zerbrochenen Lebensgeschichten des 20. Jahrhunderts ins Labyrinth.

Georgi Gospodinov: "Physik der Schwermut"
Roman
Aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann
Droschl Verlag, Graz 2014
333 Seiten, 23 Euro
Mehr zum Thema:
03.03.2014 | KRITIK
Erinnerung - Aufnahme von einem Land im Stillstand
Evelina Jecker Lambreva: "Vaters Land"
17.12.2013 | KRITIK
Heimatreise - Bulgarische Tristesse
Ilija Trojanow: "Wo Orpheus begraben liegt"
21.01.2013 | KRITIK
Habgier und Egoismus
Vladimir Zarev: "Seelenasche"
29.12.2011 | KRITIK
Witzige Geschichtsgroteske
Vladimir Zarev: "Feuerköpfe"

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur