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Lesart / Archiv | Beitrag vom 07.03.2018

Roman "Miakro" von Georg KleinEin literarisches Geheimnis

Georg Klein im Gespräch mit Frank Meyer

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Der Schriftsteller Georg Klein bei einer Veranstaltung zur kommenden Leipziger Buchmesse. (Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild)
Der Schriftsteller Georg Klein bei einer Veranstaltung zur kommenden Leipziger Buchmesse. (Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild)

Georg Kleins neuer Roman "Miakro" führt den Leser in eine merkwürdige Unterwelt, wo eine Gruppe von Männern lebt und arbeitet. Über der Erde dagegen hat ein Frau das Sagen. Rätselhaft findet Klein seinen Roman nicht, wohl aber geheimnisvoll.

Frank Meyer: Eines der tollsten Bücher in diesem Frühjahr, das ist der neue Roman von Georg Klein. "Miakro" heißt der. Seit 20 Jahren veröffentlicht Georg Klein seine rätselhaften, dunkel schimmernden, poetischen Bücher. Dafür hat er unter anderem den Ingeborg-Bachmann-Preis bekommen, 2010 den Preis der Leipziger Buchmesse, und für diesen Preis ist Georg Klein in diesem Jahr wieder nominiert, schon wieder nominiert, könnte man fast sagen, nach acht Jahren. Jetzt ist er hier im Studio. Seien Sie herzlich willkommen, Herr Klein!

Georg Klein: Danke!

Meyer: Der "Berliner Tagesspiegel" hat über Ihren neuen Roman "Miakro" geschrieben, das sei das dunkelste, rätselvollste Buch, das Sie bisher geschrieben haben. Wie sehen Sie das denn selbst? Ist es Ihr rätselvollstes?

Klein: Also sprachskeptisch würde ich sagen, dunkel, ja dunkel kann man steigern. Aber kann man rätselvoll überhaupt steigern – rätselvoller, am rätselvollsten? Mir ist eigentlich auch lieber, man spricht von Geheimnis. Rätsel ist mir zu nah am Kreuzworträtsel. Also Rätsel müssen geknackt werden und dann muss schlagartig Licht kommen, und ich finde, beim Geheimnis, also gerade beim literarischen Geheimnis, ist es nicht so. Da dämmert das Licht herauf und es schwindet auch wieder, und in diesem Lichtwechsel des Geheimnisses befangen zu sein ist für mich beim Schreiben, aber auch beim Lesen, was besonders Reizvolles und Schönes.

"Mir kam es vor allem auf Inwändigkeit an"

Meyer: Wenn wir jetzt ein Teil des Geheimnisses Ihres Buches so ein bisschen zu beleuchten versuchen: Das führt eben am Anfang in eine sehr merkwürdige Welt unter die Erde. Da lebt eine Gruppe von Männern, und diese unterirdische Welt, also wo ich dauernd denken musste, dass das was von einer Gebärmutter hat, unter anderem, weil die Wände, da gibt es so Nährhöhlen, da scheiden die Wände Nahrungsmittel unter anderem aus für diese Männer, und dann gibt es an den Wänden glitschige Nippel, an denen die Männer trinken können. Andererseits wird immer mal wieder ein Mann von diesen Höhlen auch verschluckt. Herr Klein, welche Substanzen muss man denn einnehmen, um auf solche Ideen zu kommen?

Klein: Ach, es genügt schon, dass Sie beim Aufwachen so ein bisschen dösen, wenn Sie noch Zeit haben oder diese Übergangszone beim Einschlafen, wenn sich die Gedanken so leicht verwirren, ich glaube, dann ist man solchen Empfindungen schon ganz nah. Also mir kam es vor allem darauf an, als ich begann mit dem Roman, ich wusste natürlich auch nicht, was letzten Endes dabei raus kommt. Mir kam es vor allem auf Inwändigkeit an. Also, dass eine intensive Erfahrung von Immanenz entsteht, also durchaus auch mit dem negativen Beiklang, gefangen zu sein, mit der Vorstellung, nicht rauszukommen, obwohl es ja so organisch gemütlich ist und obwohl die, die dort arbeiten, eigentlich bestens versorgt sind.

Meyer: Sie sind, genau, versorgt und gefangen in dieser Gebärmutterwelt, die eben so was Weibliches mit sich bringt. Dann gibt es eine sogenannte wilde Welt, in der vor allem Frauen das Volk bilden, und man lernt in dem Roman auch noch einen Teil der überirdischen Welt kennen. Da hat wiederum eine Frau das Sagen, die Naturkontrollagentin "Xazyz", genau! Also Ihre Welt ist ganz stark von Frauen beherrscht. Wie kommt das eigentlich?

Klein: Naja, irgendwann entdeckt man ja mal das Geschlecht. Ich weiß nicht genau, wie es bei mir war, aber ich denke, so mit zwei Jahren wusste ich schon, dass ich so ein kleiner Pimmelträger und ein Mann bin, und dann kommt man mit dieser merkwürdigen Teilung der Welt durch das ganze Leben. Und ich finde es immer wieder reizvoll, die Geschlechter auch mit einer gewissen erzählerischen Gewalt auseinanderzurücken. Das ist wie so bei magnetischen Platten. Wenn man die auseinanderzwingt, dann wächst die energetische Anspannung, und plötzlich wird es besonders reizvoll, über Kurzschlüsse, über Zusammenstöße zwischen diesen gewaltsam entfernten Geschlechtern zu schreiben. Das sind mir auch mit die liebsten Szenen, wenn ich so in den Roman zurückblicke, wenn weiblich und männlich, oder was man dafür hält, wenn da plötzlich die Funken fliegen.

Männer, die mit ihren Arbeitstischen verwachsen

Meyer: Das ist auch insofern auseinandergerückt, als die Männer ja eigentlich wie ein Mönchsorden da leben, in ihrer Arbeitshöhle, "mittleres Büro" heißt das. Und die Männer verrichten da eine Arbeit, die einem eigentlich nie ganz klar wird, sie arbeiten so an Glastischen, muss man sich wahrscheinlich vorstellen wie große Monitore. Das Eigentümliche ist, dass diese Glastische sich an die Männer, an die Hüften der Männer anschmiegen, so dass Mann und Monitor da ineinander zu verwachsen scheinen. Was ist das denn für eine Arbeit, die diese Männer, diese Arbeitsmönche da verrichten?

Klein: Ich verrate das natürlich nicht platterdings, dass da so praktisch jetzt so ein Kapitel kommt, wo irgendwie drüber steht, das machen die jetzt und dann wird das beschrieben, sondern es ist über den Text verteilt, was sie dort machen. Man kann sagen, sie arbeiten im Allerweitesten mit Bild und Wort und sie arbeiten unter Zeitdruck, denn auf fünf Ebenen strömt der Bild- und auch der Textfluss durch ihre, durch das weiche Glas. Es ist eine Analogie, wenn man so will, auf Leben, wo sich Leben und Arbeit nicht mehr trennen lässt, und das ist auf eine ganz bestimmte Art ein typisches Zeichen der Moderne, dass sie diese Illusion der Freizeit, die sie auch hervorbringt am Anfang, dass sie diese Illusion der Freizeit auch vernichtet, durch das, was dann Arbeitswirklichkeit ist, wenn die Leute dann auch in ihrer Freizeit eigentlich weiterarbeiten, zum Teil ohne es zu merken.

Meyer: Und das ist auch eine Analogie zu unserem Verwachsensein mit all unseren Apparaten, mit denen wir uns täglich so umgeben?

Klein: Ganz klar! Und es geht viel weiter, als wir denken. Also jetzt gucken natürlich alle wie hypnotisiert auf das Smartphone, aber auch nach dem Smartphone warten noch Fusionen des Organischen und des Technischen auf uns. Und besonders interessant ist, wenn man dann zurückblickt auf früher. Ich weiß noch gut, wie ich meinen Führerschein gemacht habe, am Anfang habe ich gedacht, das kann doch gar nicht sein, dass Füße und Pedale, Hand und Lenkrad, dass das so nahtlos ineinander greift, das kann kein Mensch lernen. Es ist viel schlimmer. Man lernt es so gut, dass man es nicht mehr trennen kann. Und ich denke, kommen die Gerätschaften, und das geht jetzt mit einer rasenden Geschwindigkeit, werden diese Grenzen zwischen dem Organisch-körperlichen und dem Technoiden weiter verwischen.

Sprache, der eine erlösende Kraft zufällt

Meyer: Was jetzt diese fantastische, auch erschreckende Welt – das ist ja auch eine düstere Zukunftsversion, die Sie da ausbreiten vor uns –, was die aber so zum Schillern bringt und so faszinierend macht, das ist die eigentümliche Schönheit dieser Welt, und die entsteht natürlich durch die Art, wie Sie darüber schreiben, unter anderem mit so unheimlich schönen Wörtern wie "Glastiefenschleim" zum Beispiel oder "Zeitspeckschwinden" oder "Lichtpflichtstunden", das sind so Kapitelüberschriften in Ihrem Roman. Wenn wir mal eines rausgreifen – eine "Lichtpflichtstunde" – was ist das denn?

Klein: Das ist, wie Sie ja bereits gesagt haben, erst  mal ein sehr schönes Wort. Also das Deutsche hat ja die Möglichkeit, vor allem durch zusammengesetzte Hauptwörter, durch Komposita, ganz erstaunliche Effekte zu erzielen, und neben dem Funken, den man damit schlägt, ist immer auch so ein Quäntchen erlösender Kraft, ja auflösender Kraft, dass etwas, was im Normalen, in der Alltagssprache erstarrt ist, plötzlich durch diese Spontanbildungen, und es sind im Schreiben wirklich Spontanbildungen, sich wieder lockert, auseinanderrückt und der Sprache eine Macht zuwächst. Ja, ich würde gar nicht tiefer greifen wollen, als eine erlösende Kraft zufällt.

Meyer: Damit wir auch mal den Geschmack Ihrer Prosa so ein bisschen ins Ohr bekommen, wir haben uns auf eine ganz kurze Stelle, eigentlich willkürlich ausgewählt, geeinigt. Würden Sie die uns kurz vorlesen?

Schönheit befreit aus den normalen Zeitflüssen

Klein: Mit etwas Glück entdeckte man die dunkle Feldtasche eines Wandlers an das käsige Weiß eines Ganges gelehnt, neben oder unter einem feucht aufklaffenden Querspalt, in den sich der fragliche Kuttenträger von Kopf bis Fuß, vom Kragen seines langen, groben Gewandes bis zu dessen Saum hineingeschoben hatte, um irgendeine undurchschaubare Arbeit zu erledigen. Oder man hörte den Wandler, mannstief in eine Hohlwurzel abgeseilt, unverständlich, aber zweifellos übellaunig murmelnd vor sich hin werkeln. Dann galt es, den aufgespürten mit wohldosierten Schmeicheleien ins Büro und an das mehr oder minder verrücktspielende Glas zu locken.

Meyer: Ein Ausschnitt aus "Miakro", dem neuen Roman von Georg Klein. Ja, was ich da empfinde, eben diese Schönheit dieser Prosa, die Sie geschrieben haben, die durch den Rhythmus kommt, durch den Satzbau, die Wortwahl. Welche Rolle spielt diese Schönheit für Sie im Blick auf diesen Roman? Ist das vor allem ein Kontrast zu der düsteren, abschreckenden Zukunft, die Sie da zeichnen?

Der Schriftsteller Georg Klein zu Besuch im Deutschlandradio-Funkhaus. (Deutschlandradio/Maurice Wojach)Der Schriftsteller Georg Klein zu Besuch im Deutschlandradio-Funkhaus. (Deutschlandradio/Maurice Wojach)

Klein: Naja, Schönheit hat eine merkwürdige Auswirkung auf die Zeit. Ich glaube, wenn wir unter den Einfluss von Schönheit geraten, also wenn die Erfahrung "Schönheit" in uns aufleuchtet, dann werden wir auch ein Stück weit aus den normalen Zeitflüssen befreit. Und, ich meine, was kann einem Kunst mehr geben, ob man jetzt vor einem Bild steht oder eine Musik hört, als vom Bannspruch normaler Zeit befreit zu werden?

Meyer: Es gibt verschiedene Kritiken inzwischen schon zu Ihrem Roman – zustimmende, auch so ein bisschen skeptische. Eine Kritik hat zum Beispiel formuliert, Ihr Roman halte einen zu wenig erkennbaren Bezug zur Realität, und auf dieser Basis würde ich gerne zum Schluss noch ein Minispiel mit Ihnen machen, Ihnen mal zwei mögliche Reaktionen auf Ihren Roman vorlegen. Reaktion A: "Ich fand den Roman faszinierend, ich habe nicht verstanden, worum es geht, überhaupt nicht, aber ich habe es sehr gerne gelesen." Reaktion B: "Das Buch ist eine kluge Analyse unserer digitalen Gegenwart, leider etwas sperrig und schwer verständlich, was das Lesen schwierig macht." Welche Reaktion wäre Ihnen die liebere?

Klein: Eins natürlich! Denn dieses Gefühl, mit dem Nichtverstehen trotzdem glücklich zu sein, das könnte ja in eine zweite Lektüre führen, und das ist für mich eigentlich die Traumvorstellung. Eine Leserin oder ein Leser, der hinten anlangt und sagt, jetzt lese ich vorne nochmal oder in der Mitte. Jetzt habe ich den einfachen Durchgang geschafft, jetzt bin ich Herrin oder Herr über das Buch und kann damit verfahren, wie es meiner Lust und Laune einfällt.

Meyer: "Miakro" heißt der Roman von Georg Klein, im Rowohlt-Verlag erschienen, mit 320 Seiten, 24 Euro ist der Preis. Morgen liest Georg Klein aus dem Buch im Hamburger Literaturhaus, danach in anderen Orten in Deutschland. Also halten Sie Ausschau danach! Danke für den Besuch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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