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Lesart | Beitrag vom 06.07.2018

Roman "Launen der Zeit" von Anne Tyler Herzwärmender Blick in die Familie

Von Andrea Gerk

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Buchcover "Launen der Zeit" von Anne Tyler  (Kein & Aber / picture alliance / dpa / Paolo Koch)
"Launen der Zeit" ist ein tiefgründiges und sehr amüsantes Buch. (Kein & Aber / picture alliance / dpa / Paolo Koch)

Von einem Ausbruch aus dem öden Lebensabend zwischen riesigen Saguaro-Kakteen erzählt die US-Autorin Anne Tyler in ihrem Roman "Launen der Zeit". Familien sind ebenso sehr Hort der Geborgenheit wie Gefängnis, aber der Sprung ins Ungewisse bleibt möglich.

Die Kunst, in scheinbar belanglosen Details ein ganzes Leben aufleuchten zu lassen, beherrscht die amerikanische Schriftstellerin Anne Tyler auf einzigartige Weise. Wenn Willa Drake, die Hauptfigur ihres jüngsten Romans, mit ihrer Schwester mal wieder verbrannten Käsetoast mit quietschenden Tiefkühlbohnen zum Abendessen serviert bekommt, weil der Vater nichts anderes kochen kann und die Mutter nach einem ihrer "Anfälle" spurlos verschwunden ist, liegt die ganze, gut verborgene Trostlosigkeit dieser Familie ungeschönt auf dem Teller. Wenn Willas Collegefreund und späterer Ehemann im hellbraunen Cordblazer auftritt, verleiht diese Kleinigkeit dem gutaussehenden, selbstbewussten Derek mühelos eine stimmige Persönlichkeit und wo ein gerahmter Druck von van Goghs Sonnenblumen neben einem Ramones Poster im Wohnzimmer hängt, weiß man gleich, wo man gelandet ist.

Häuslichkeit und Familienleben

Es sind die kleinen Dinge der scheinbar unbedeutenden Menschen, von denen Anne Tyler in "Launen der Zeit" einmal mehr erzählt. Ein Familienroman, wie eigentlich alle zweiundzwanzig Romane der vielfach ausgezeichneten 76-jährigen Autorin, von der Nick Hornby mal sagte, sie habe sein Leben verändert, weil er vorher gar nicht gewusst habe, dass man mit soviel Geist und Witz über Häuslichkeit und das Familienleben schreiben könne.

Diesmal geht es um Willa Drake, deren Leben Anne Tyler in vier Episoden erzählt, die zwischen 1967 und 2017 spielen: Wir erleben einen Abend mit der Elfjährigen, ihrer Schwester Elaine und dem Vater, begleiten sie 1977 mit ihrem Verlobten Derek zu einem absurden Antrittsbesuch bei den Eltern, sind schließlich dabei als Willa Derek bei einem Autounfall verliert und erleben sie im letzten und längsten Teil, in dem ihr Leben zunächst zur Ruhe zu kommen scheint. Gerade ist sie mit ihrem zweiten Mann Peter in eine Golfsiedlung in Tuscon Arizona gezogen und hat, wie es im Text heißt, "nicht mehr viel zu tun".

Sprung ins Ungewisse

Ihren geliebten Job als Lehrerin für Englisch als Fremdsprache musste sie aufgeben und blickt nun, in eine Landschaft verpflanzt, die sie nicht mag, einem öden Lebensabend zwischen riesigen Saguaro-Kakteen entgegen. Da erreicht sie ein ungewöhnlicher Anruf aus Baltimore, der Stadt in der Anne Tyler lebt und wo fast alle ihrer Roman spielen, und schon nach wenigen Wochen haben eine neue Familie, spleenige Nachbarn und ein Hund namens Airplane Willas Leben völlig verändert und sie wagt noch einmal den Sprung ins Ungewisse.

Wie es gelingen kann, seine eigene Identität zu finden, neben der Rolle, die man innerhalb einer Familie spielt, ist eine Art Grundmotiv von Anne Tyler, dass sie auch in diesem Roman geistreich und warmherzig ausbreitet. Überhaupt ist die unaufgeregte, sehr genaue und liebevolle Art, mit der Anne Tyler ihre Figuren beobachtet und beschreibt, herzerwärmend ohne auch nur im Ansatz rührselig oder kitschverdächtig zu sein. Dazu brodelt es zu sehr unter der Oberfläche, denn Tylers Familien sind ebenso sehr Hort der Geborgenheit wie Gefängnis, weshalb ihre Figuren auch von starken Sehnsüchten getrieben sind, von Wünschen und Ängsten, die sie nicht in Worte fassen können.

Entkommen im richtigen Moment

Aus Ehen und Familien komme man nicht so leicht heraus, hat Anne Tyler in einem ihrer seltenen Interviews gesagt, deshalb müsse man sich damit arrangieren. Wozu diese Arrangements führen und welche bizarren Entscheidungen dann doch zu Brüchen führen, betrachtet diese Autorin ohne darüber zu werten oder zu urteilen. "Launen der Zeit" ist ein tiefgründiges, sehr amüsantes und mit großer Leichtigkeit erzähltes Frauen – und Familienporträt, das zeigt, wie schwer es ist, sich und seinen Umständen zu entkommen und wie leicht es ist, wenn der richtige Moment gekommen ist.

Anne Tyler: "Launen der Zeit"
Aus dem Englischen von Michaela Grabinger
Kein & Aber Zürich
304 Seiten, 22 Euro.

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