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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.06.2014

RomanKammerspiel mit doppeltem Boden

Henry James: "Washington Square"

Von Maike Albath

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Ein Ballon in Herzform. (picture-alliance / dpa-ZB / Jens Kalaene)
Romantik? Von wegen! Bei Henry James werden Beziehungen kühl kalkuliert. (picture-alliance / dpa-ZB / Jens Kalaene)

Ein gut aussehender Salonlöwe hat es auf eine naive junge Erbin abgesehen: Henry James' Roman zeigt auf den ersten Blick eine Jane-Austen-hafte Konstellation - ist zugleich aber eine knallharte Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Henry James schmaler Roman "Washington Square" ist die Variation eines bekannten Sujets: Ein genussfreudiger, gut aussehender Salonlöwe hat es auf eine naive junge Erbin abgesehen. Bestärkt von ihrer romantischen Tante Lavinia verfällt die blasse Catherine dem Charmeur, doch ihr verwitweter Vater Doktor Sloper durchschaut das Ansinnen des Mitgiftjägers und macht dem jungen Mann einen Strich durch die Rechnung.

Die arme Catherine weiß gar nicht, wie ihr geschieht, entwickelt aber nach und nach einen gewissen Starrsinn. Sie will ihn, diesen Townsed, und sei der Preis noch so hoch. Dass es sie beinahe alles kosten würde, hätte sie vielleicht nicht vermutet – doch die vordergründig so nichtssagende Catherine beweist als Einzige Charakter.

Angesiedelt im New York der vierziger Jahre und 1881 erschienen, inszeniert James (1843-1916) die Jane-Austen-hafte Konstellation als ein Kammerspiel mit doppeltem Boden. Wie so häufig war ihm eine ähnliche Geschichte auf einer der Abendgesellschaften erzählt worden, auf denen er sich mit Vorliebe für seine Romane und Erzählungen inspirieren ließ.

Allerdings wäre Henry James nicht Henry James, wenn er nicht eine beträchtliche Portion eigener Deutung hinzufügen würde. Was auf den ersten Blick wie ein behagliches Tableau wirkt, ist in Wirklichkeit eine knallharte Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse unter finanziellen Gesichtspunkten. Schon auf den ersten Seiten, die Doktor Sloper und seiner Schwester gewidmet sind, dekonstruiert der Schriftsteller seine Figuren in elegantester Manier.

Die kalte Selbstherrlichkeit des Helden

Sloper, in der New Yorker Gesellschaft geschätzt und geliebt, hatte reich geheiratet, seinen Beruf erfolgreich praktiziert und war dann Opfer mehrerer Schicksalsschläge geworden. Sein erster Sohn erlag mit wenigen Jahren einer Krankheit, seine berückend schöne Ehefrau starb kurz darauf bei der Geburt von Catherine. Doktor Sloper, von seiner Tochter geliebt und verehrt, verdient also offenkundig das Mitleid der New Yorker Bekannten und des Lesers. Raffiniert unterläuft Henry James jedoch dieses Gefühl und streut Bemerkungen ein, die auf andere Wesenszüge des Arztes hindeuten: Er scheint unbelehrbar und – bei seinem Beruf besonders erschütternd – ohne jede Empathie.

James verweist nicht nur auf die kalte Selbstherrlichkeit seines Helden, der von seiner Tochter enttäuscht ist, weil sie ihm einfältig scheint. Der Schriftsteller betont außerdem, wie glänzend sich Sloper auf seinen Beruf verstehe, um im nächsten Satz von den Unglücksfällen in der Familie zu berichten und indirekt seine ärztliche Könnerschaft anzuzweifeln. Und schließlich bietet er noch eine weitere Lesart an: Möglicherweise durchschaut der Arzt das Ansinnen Townseds deshalb so genau, weil er selbst eine äußerst lukrative Ehe einging und immer noch vom Vermögen seiner Frau profitiert.

Wie subtil Henry James seine Figuren zeichnet, zeigt sich auch bei Tante Lavinia. Die Schwester Slopers pflegt eine Vorliebe für Liebesromane – auch deshalb zieht sie Catherine nach den falschen Prinzipien groß. Beziehungen nach der Kalkulation von Kapitalerträgen einzugehen, ist also mitnichten ein Phänomen der Gegenwart. Henry James machte die Rechnung schon fürs 19. Jahrhundert auf.

Henry James: Washington Square
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bettina Blumenberg
Manesse, München/Zürich 2014
275 Seiten, 24,95 Euro

 

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