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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.03.2014

RomanGegen die Übermacht der Bilder

Nadeem Aslam: "Der Garten des Blinden"

Von Claudia Kramatschek

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Feuerwehrmänner kämpfen sich nach den Anschlägen vom 11. September durch die Ruinen des World Trade Centers (AP / Stan Honda)
Feuerwehrmänner kämpfen sich nach den Anschlägen vom 11. September durch die Ruinen des World Trade Centers (AP / Stan Honda)

In seinem Roman "Der Garten des Blinden" kehrt der pakistanische Autor Nadeem Aslam in die Zeit der Anschläge von 9/11 zurück. Ganz bewusst erzählt er aus der Perspektive seiner Heimatregion, was in jenen Tagen und Wochen geschah.

Über den aus Pakistan stammenden Autor Nadeem Aslam erzählt man gerüchteweise, dass er von den Anschlägen des 11. September 2001 erst einige Zeit danach gehört habe - er schrieb zu dieser Zeit an seinem Roman "Atlas für verschollene Liebende", in einem Zimmer ohne Fernseher und Radio. In "Der Garten des Blinden" kehrt er nun zurück in die unmittelbare Zeit nach den Anschlägen - und erzählt bewusst aus der Perspektive seiner Heimatregion, was in jenen Tagen, Wochen und Monaten nach 9/11 geschah.

Im Mittelpunkt des Romans stehen eine Handvoll Figuren, die durch Bluts- wie Schicksalsbande miteinander verbunden sind: Da ist Rohan, 60 Jahre alt und im Begriff zu erblinden; da sind sein Sohn Jeo, ein angehender Arzt, und der gleichaltrige Mikal, den Rohan vor langer Zeit adoptiert hat; und da ist Naheed, die eigentlich Mikal liebt, aber mit Jeo verheiratet worden ist.

Gefangen zwischen den Fronten

Es ist Oktober, soeben sind die Amerikaner in Afghanistan einmarschiert. Als die ersten Verletzten nach Peschawar gebracht werden, bricht Jeo heimlich nach Afghanistan auf - allein Mikal erfährt von seinem Plan und schließt sich ihm an. Doch die Wohltätigkeitsorganisation, bei der beide angeheuert haben, ist eine Tarnorganisation - geleitet wird sie von Rohans Erzfeind, einem überzeugten Islamisten, der Jeo und Mikal als Kanonenfutter bewusst dem möglichen Tod entgegen schickt.

Aslam folgt im weiteren Verlauf des Romans vor allem den Spuren von Mikal: Dieser gerät nämlich zwischen alle Fronten, wird Gefangener erst der Amerikaner, dann der Warlords, wird von beiden Seiten verhört, gefoltert und – der Roman deutet es an – wie viele andere junge Männer auch sexuell missbraucht. Aslam macht somit klar: Niemand behält in diesem schmutzigen Krieg saubere Hände; weder die Afghanen, die sich auf grausame Weise an den Taliban rächen, noch der amerikanische Special Agent, der nach Afghanistan kommt, um den Tod seines dort von Mikal ermordeten Bruders zu rächen.

Beseelt vom Glauben, das Richtige zu tun

Eines aber eint sie alle: Sie sind beseelt, wenn nicht getrieben vom Glauben, das Richtige zu tun, Gerechtigkeit auszuüben, im Namen eines wie immer sich nennenden Gottes zu agieren. Aslam zeigt den Glauben daher in all seinen Facetten; Legenden und Figuren aus der islamischen Heilsgeschichte (Mikal etwa ist der Name einer Erlöserfigur) spielen im Roman ebenso eine Rolle wie das Motiv der Vögel, das an die Mystik des persischen Dichters Fariduddin Attar erinnert.

Nicht immer harmoniert diese poetische Bildmächtigkeit mit dem grellen Scheinwerferlicht, mit dem Aslam auch in diesem Roman auch die rohe Gewalt der Realität ausleuchtet. Das ist nicht ohne Risiko – denn gerade 9/11 steht für einen 'pictorial turn', also für die Macht der Bilder über die Realität. Aslam schreibt gegen eben diese Übermacht der Bilder an – und erliegt ihr selbst in manchen Momenten. Doch eines überzeugt: Sein unerschütterliche Glaube an die Macht der Worte – und die Möglichkeit einer Botschaft, die Liebe und Frieden heißt.

Nadeem Aslam: Der Garten des Blinden
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
DVA Verlag, München 2014
431 Seiten, 22,99 Euro
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