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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.05.2014

RomanFrau ohne Eigenschaften

Marie NDiaye: "Ladivine"

Von Maike Albath

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(picture alliance / dpa)
Die preisgekrönte französische Schriftstellerin Marie NDiaye (picture alliance / dpa)

"Ladivine" von der französischen Schriftstellerin Marie NDiaye ist ein bestürzender und packender Roman über die Folgen eines Verrats. Die Protagonistin verleugnet ihre Herkunft - und muss ihr ganzen Leben die Konsequenzen dafür tragen.

Der neue Roman von Marie NDiaye "Ladivine" erzählt von einem Fluch – oder vielmehr davon, was passiert, wenn man seine Herkunft verleugnet und sie abstreift wie eine alte Haut. Scham, Schuld und ein unbändiger Freiheitsdrang beherrschen Clarisse Rivière, und schon im ersten Satz wird ihre Zerrissenheit deutlich. Sobald sie einmal im Monat mit dem Zug von Langon zu ihrer Mutter nach Bordeaux fährt, wandelt sie sich zu Malinka.

Die gemeinsamen Nachmittage verlaufen immer nach demselben Muster, und gegen Abend, wenn Malinka ihrer Mutter ein bisschen Geld zugesteckt hat und sich von ihr verabschiedet, wird sie wieder zu Clarisse. Ihre Mutter kennt weder ihren anderen Namen, noch hat sie je von dem Ehemann Richard Rivière und der gemeinsamen Tochter etwas erfahren. Dabei ist diese nach Clarisses Mutter benannt: Ladivine. Obwohl Clarisse-Malinka und ihre Mutter dieselben zarten, langen Gliedmaßen haben und einander sehr ähneln, gibt es einen großen Unterschied. Clarisse ist weiß. Ladivine schwarz.

Abivalenz von Bindungen

In einer präzisen und zugleich bildhaften Prosa leuchtet NDiaye die Innenwelt ihrer Heldin Clarisse aus, arbeitet mit Rückblenden und schildert so die Genese einer Psychopathologie. Wie kaum eine andere Autorin ihrer Generation weiß NDiaye die Ambivalenz von Bindungen zu vermitteln. Auch in diesem Roman geraten Sehnsüchte, Ängste und stumme Forderungen in einen unauflösbaren Widerstreit. Ladivine, die als Putzfrau und Haushaltshilfe arbeitet, liebt ihre Tochter bis zur Selbstaufgabe. Von einer Schulkameradin in abfälligem Tonfall nach der schwarzen Frau gefragt, erwidert Malinka, es handele sich um ihre Dienerin.

Von nun an investiert sie sämtliche Energien in die Loslösung von ihrer Mutter. Auch als Malinka sich längst Clarisse nennt, wirkt sie trotz ihrer tiefen Gefühle emotional und intellektuell merkwürdig blockiert. Ihre Umgebung erlebt diesen Zustand als ständige Abwesenheit – sie wird zu "einer Frau ohne Eigenschaften". Es scheint nur folgerichtig, dass ihr Mann sie schließlich verlässt und es zu einer furchtbaren Gewalttat kommt, von der sich die Tochter Ladivine, die in Berlin mit einem Deutschen verheiratet ist und zwei Kinder hat, kaum erholen kann.

Mythisch-archaische Elemente im Roman

Wie in vielen Büchern der 1967 geborenen Schriftstellerin tauchen mythisch-archaische Elemente auf: Hier sind es Hunde, die zu Boten einer jenseitigen Welt werden. NDiaye beschränkt sich nicht auf die Innenschau von Clarisse, sondern schwenkt über zu Ladivine, der Schauplatz verlagert sich von Langon nach Berlin und von dort in ein namenloses afrikanisches Land, in dem sich Ladivine auf unheimliche Weise zu Hause fühlt. Dann werden die Geschehnisse aus der Perspektive des Ex-Ehemannes Richard geschildert, und der Schlussakkord gehört der alten Ladivine.

Philip Roth hatte in "Der menschliche Makel" (2000) ebenfalls einen Fall von Identitätsverleugnung analysiert. Die Goncourt-Preisträgerin NDiaye interessiert sich weniger für die gesellschaftspolitischen, als vielmehr für die psychischen Konsequenzen einer derartigen Entscheidung. "Ladivine" ist ein bestürzender und packender Roman über die Folgen eines Verrats. 

Marie NDiaye: Ladivine
Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer
Suhrkamp Verlag Frankfurt 2014
445 Seiten, 22,95 Euro

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