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Lesart / Archiv | Beitrag vom 27.10.2014

RomanFlucht aus dem höllischen Paradies

NoViolet Bulawayo: "Wir brauchen neue Namen"

Von Birgit Koß

Ein Slum in Simbwabwe. (AFP PHOTO/STR)
Ein Slum in Simbabwe. (AFP PHOTO/STR)

Das Mädchen Darling lebt in einem Slum in Simbabwe, wo die Blechhütten den Namen "Paradise" tragen. Mit ihren Freunden träumt sie von Amerika, als sie dorthin auswandert, könnten die Kontraste aber nicht größer sein. Feinsinnig verarbeitet NoViolet Bulawayo ihre eigenen Kindheitserinnerungen.

Für ihre Kurzgeschichte "Hitting Budapest" erhielt NoViolet Bulawayo 2011 den Caine Prize of African Writing. Sie bildet das erste Kapitel ihres Romandebuts "Wir brauchen neue Namen". Damit gelangte sie als erste Autorin aus Schwarzafrika auf die Shortlist des Man Booker Prize 2013.

Sowohl der Name der Autorin als auch der Titel des Romans ist Programm. Es geht um die Frage nach Veränderung, wenn die Verhältnisse unerträglich werden, um Sprache und Identität. Über ihr Pseudonym führt die Autorin ihre Leser nach Simbabwe, dessen zweitgrößte Stadt Bulawayo ist. Ansonsten benennt sie das Land im Roman nicht explizit. Mit den Augen der zehnjährigen Darling lässt sie ein Bild der Zeit um 2008 entstehen, als Präsident Robert Mugabe abgewählt wurde, um sich dann gewaltsam wieder an die Spitze des Staates zu setzen. Darling und ihre Freunde Godknows und Bastard klauen Guaven im reichen Bezirk Budapest, weil es nichts zu essen gibt und der Hunger in ihrem Inneren wütet. Sie leben in Blechhütten, die der Hölle ähneln und den Namen "Paradise" tragen. Dabei hat Darlings Vater studiert, und die Familie besaß ein Haus aus Stein, bevor die Regierungstruppen alles niederwalzen ließen. Jetzt ist der Vater wie so viele Männer in den Minen Südafrikas verschollen. Schließlich kehrt er als sterbender Aidskranker zurück – als jemand, den man verstecken muss.

Die Schriftstellerin NoViolet Bulawayo wurde in Simbabwe geboren und lebt heute in den USA. (AFP / Foto: Leon Neal)Die Schriftstellerin NoViolet Bulawayo wurde in Simbabwe geboren und lebt heute in den USA. (AFP / Foto: Leon Neal)

Mit selbsterfundenen Spielen wie "Die Suche nach Bin Laden", dem "Landspiel", bei dem jeder USA sein will, oder auch dem Nachspielen von US-Serien beschreibt Darling aus ihrer teilweise naiven Kindersicht überaus scharfzüngig die Situation und macht sie damit dem Leser zugänglich. Das Lachen bleibt im Halse stecken, wenn sich die Mädchen neue Namen aus "Emergency Room" zulegen und versuchen, der elfjährigen Chipo mit Hilfe eines rostigen Kleiderbügels, "den schwangeren Bauch wegzumachen" – Chipo wurde von ihrem Großvater missbraucht.

Der geplatzte Traum 

Schließlich darf Darling in das Land ihrer Träume, zur Tante Fostalina nach "Destroyedmichygen". In Detroit will die Kälte sie bei ihrer Ankunft umbringen, und der Himmel weiß nicht, dass seine Farbe doch immer blau zu sein hat. Darling versucht, sich anzupassen, sagt nicht viel –"Englisch ist wie eine riesige Eisentür, zu der man dauernd den Schlüssel verliert" – und ist überwältigt von den Unmengen, die es zu essen gibt. Mit der Zeit fühlt sie einen unstillbaren Hunger nach ihren Freunden und ihrem Land. Aber die Realität in Michigan lässt sie sprachlos werden, wenn sie mit Verwandten telefoniert. Die Welten driften immer weiter auseinander. Ihre Tante arbeitet Tag und Nacht, um Geld an die Familie zu schicken. Träume von guten Ausbildungen und Dauervisen erweisen sich als unerfüllbar, drängen die Menschen in den Untergrund und lassen einen Besuch in der Heimat unmöglich werden.

Die 33-jährige NoViolet Bulawayo hat vieles davon am eigenen Leib erfahren. Sie kam mit 18 in die Staaten, hat allerdings den Weg an die Universität geschafft und konnte als anerkannte Autorin letztes Jahr ihre Heimat besuchen. Kaleidoskopartig beschreibt sie die Situation in ihrer reichen poetischen Sprache. Die Autorin erfindet lustige Wortgebilde – so sind die USA im Kinderspiel ein "Land-Land" –, lässt einige Figuren ohne Komma und Punkt reden oder vermischt Ausdrücke und Namen aus dem Englischen und Ndebele, ihrer Muttersprache. Diese Sprachspiele, gepaart mit feinsinnigen Beobachtungen und gebrochen durch die Sicht eines Kindes und Teenagers, nehmen beim Lesen sofort mit dem allergrößten Vergnügen gefangen. In dem herausragenden Kapitel "Wie sie lebten" zeigt NoViolet Bulawayo, dass sie auch aus der Erwachsenenperspektive erzählen kann. Sie ist eine neue, vielversprechende Stimme aus Simbabwe.

 

NoViolet Bulawayo: Wir brauchen neue Namen
Aus dem amerikanischen Englisch von Miriram Mandelkow
Suhrkamp, Berlin 2014
268 Seiten, 21,95 Euro 

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