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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.05.2014

RomanEmigrant der Wirklichkeit

René Laporte: "Hotel Solitude"

Von Manuela Reichart

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Blick auf Monte Carlo mit dem Casino im Vorder- und dem Yachthafen im Hintergrund. Am Berg hinten Monaco Ville mit Fürstenpalast und Meeresaquarium. (picture-alliance / Klaus Nowottnick)
Monte Carlo: Zufluchtsort für zwei Liebende während des Zweiten Weltkriegs. (picture-alliance / Klaus Nowottnick)

Ein Dandy beginnt 1942 eine Affäre in einem heruntergekommenen Grandhotel bei Monaco. Doch seine Flucht vor der Wirklichkeit misslingt - zu deutlich sind die Auswirkungen des Krieges, die das endgültige Ende der Belle Epoque einleiten.

Das Haus liegt auf einer Anhöhe über Monte Carlo, - und es hat bessere Zeiten gesehen. Hier traf sich vor dem Krieg und der deutschen Okkupation die gute Gesellschaft, hier wurde fein serviert und kam das Beste auf den Tisch. Inzwischen hält das betagte Besitzerehepaar den Betrieb mühsam aufrecht und die Erinnerungen wach. Als der Protagonist dieser wehmütigen und klugen Liebesgeschichte das Hotel betritt, hat er das Gefühl, in eine andere Welt einzutreten. Er ist der einzige Gast und empfindet das "unglaubliche Vergnügen, sich abwesend zu fühlen".

Die Frau wird zum Zentrum seiner Tage

Der Mann ist ein verwöhnter Spieler, einer, der auch in Kriegszeiten seine Dandy-Existenz aufrechterhält. Er ist es aber müde geworden, "das Leben trotz allem als einen Walzer" zu betrachten, er empfindet "plötzlich Ekel vor diesem Leben ohne jede Verbindlichkeit, dem Geplauder über das Roulette oder die fernen Bombenangriffe, deren Schrecken sich nicht einmal im Lächeln der Schwätzer niederschlugen." Nach ein paar frohen einsamen Tagen nimmt ein Ehepaar im Hotel Solitude Quartier. Den Mann bekommt er lange nicht zu Gesicht, die schöne Frau dagegen wird bald zum Zentrum seiner Tage.

Der bei uns ganz unbekannte und in Frankreich vergessene Autor, der 1954 bei einem Autounfall mit 48 Jahren starb, erzählt eine melancholische Liebesgeschichte zwischen Illusion und Realität, Traum und Ernüchterung. Die Frau und ihr Ehemann sind seit der Oktoberrevolution auf der Flucht, im Zentrum ihrer Existenz steht das nackte Überleben, der alltägliche Kampf darum, geduldet zu werden in fremden Ländern. Der Liebhaber träumt dagegen den sentimentalen Traum vom neuen Leben und kümmert sich nicht um Krieg und Besatzung. Er ist ein "Emigrant der Wirklichkeit".

Die Frau genießt die Affäre im Hotel, während ihr Mann mithilfe eines mickrigen Systems im Spielcasino den Lebensunterhalt verdient. Sie wird ihn nicht verlassen, sie wird dem Franzosen, der keine Ahnung hat von der Last eines Flüchtlingslebens nicht folgen. Sie ist klug und vom Leben gezeichnet. Und der Geliebte wird ernüchtert das Weite suchen.

Das Ende einer Lebensform und ihrer Illusion

René Laporte erzählt in diesem – jetzt zum ersten Mal in deutscher Übersetzung erschienen – Roman nicht nur von einer kurzen Liebe, sondern vor allem vom Ende einer Lebensform und ihrer Illusionen. Die Belle Epoque und die "Romantik der Emigranten" gehört lange schon der Vergangenheit an, die Realität ist hart und die Russen sind in diesen Kriegszeiten nur noch Eindringlinge und Hungerleider.

Der Autor, aus wohlhabenden Verhältnissen stammend, war Journalist, Herausgeber und Verleger, er leitete die Pressestelle der französischen Regierung in Tunis, bis ihn das Vichy-Regime entließ. Die deutsche Besatzung machte aus dem feinsinnigen Literaten einen entschiedenen Widerstandskämpfer, dessen Haus in Antibes zum "Treffpunkt für Verschwörer geworden (war), ein Rendezvous aller patriotischen Intellektuellen und auch ein Zufluchtsort für Verfolgte und Illegale".

René Laporte: Hotel Solitude. Roman
Aus dem Französischen von Gabriela Zehnder
dtv, München, 2014
119 Seiten, 13,90 Euro

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