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Lesart / Archiv | Beitrag vom 04.05.2015

Roman "Der Fuchs und Dr. Shimamura"Zwischen fernöstlichem Tierspuk und Hysterie

Von Katrin Schumacher

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 Ein interaktives Labyrinth psychoanalytischer Grundbegriffe in einer Sigmund-Freud-Ausstellung im Jüdischen Museum in Berlin. (picture-alliance/ dpa/dpaweb / Steffen Kugler)
Ein leuchtendes Labyrinth psychoanalytischer Grundbegriffe, darunter die Hysterie, die Christine Wunnicke ihrem Protagonisten zuschreiben lässt. (picture-alliance/ dpa/dpaweb / Steffen Kugler)

Ein an der Frauenkrankheit Hysterie leidender Japaner wird Anfang des 19. Jahrhunderts in Europa auf die Analyse-Couches gezwungen - in seiner Heimat als Fuchbesessenheit diagnostiziert. Herrlich lakonisch beschreibt Christine Wunnicke zwei ganz unterschiedliche Kulturen der Psychopathologie.

Dr. Shimamura hat einen Fuchs. Oder hat der Fuchs ihn? Wer hat hier wen? Dass es ein Fuchsgeist ist, eine "Kitsune", die im Körper des jungen Nervenarztes wohnt, steht zumindest bei seinen japanischen Landsleuten außer Frage. Stetes Fieber, große Anziehungskraft auf Frauen und ab und an ein an den Nerven zehrender Paroxysmus sind die Symptome, mit denen der Mann seit jenem fatalen Sommer des Jahres 1891 zu tun hat. Mitgebracht hat er sie von einer Strafexpedition: zusammen mit einem verquasselten Gehilfen musste er durch die sommerheiße Präfektur Shimame ziehen, um die dort grassierende Epidemie der Fuchsbesessenheit zu untersuchen.

Weiberirrsinn, wie der am europäischen Medizinbegriff und der dritten Auflage von Wilhelm Griesingers "Pathologie der psychischen Krankheiten" geschulte Shimamura meint und den besessenen Frauen schlicht Trunksucht, Kretinismus, Epilepsie diagnostiziert. Bis der Arzt auf die Fuchsprinzessin von Shimame trifft, eine gewaltig entzückende Fischhändlertochter, welcher er in zweieinhalb verschwommen erinnerten Wochen einen Fuchs exorziert – indem er ihn übernimmt …

Fernöstlicher Glaube und westliche Psychologie

Fuchsgeist? Fixe Idee? Spätestens hier dämmert es, dass die Autorin Christine Wunnicke einen herrlich skurrilen Kreisbogen schlägt vom fernöstlichen Besessenheitsglauben zur beginnenden westlichen Psychologie – und wir in diesem schlauen schmalen Roman vom Zusammentreffen zweier Kulturen der Psychopathologie lesen, die schon in ihren Grundannahmen nicht kompatibel sind.

Ihren fuchsbesessenen Protagonisten jedenfalls schickt sie als kaiserlichen Auslandsstipendiaten nach Europa. Hier zieht der junge Arzt als Patient seiner selbst durch die Spitäler, über die Sofas der führenden Geisteswissenschaftler Charcot und Tourette, Breuer und Freud und wird zum Skandalobjekt der beginnenden europäischen Psychiatrie und Psychoanalyse. Ein Japaner! Der Frauenkrankheit Hysterie verfallen! Diese Diagnose beschert ihm Auftritte und analytische Sitzungen. Schließlich aber verlässt er das neurologische Europa-Abenteuer wieder gen Tokyo, um dort umsorgt von allerlei Frauenzimmern jahrzehntelang seinen Reminiszenzen zu frönen. Nein, notiert er, das analytische Gespräch sei für Japan unbrauchbar, es widerspreche dem Sinn für Höflichkeit.

Skurrile Tragikkomödie mit realen Hintergründen

Welch grandiose Fährte hat die Autorin da aufgespürt! Professor Shimamura Shunichi gab es tatsächlich. Ebenso seine Reise durch Europa und den Auftritt vor dem Auditorium der Pariser Salpêtrière. Der spektakuläre Beginn der klinischen Psychologie im 19. Jahrhundert – ein Stoff, der abgesehen von bemerkenswerten Texten wie von Michel Foucault oder Siri Hustvedt zwar schon ein paarmal zu oft besprochen und literarisch bemüht wurde. Und doch versteht es Christine Wunnicke, aus dem ermüdeten Sujet noch einmal Honig zu ziehen.

Mit Sinn fürs Tragikomische und in entsprechend herrlich lakonischer Sprache verdichtet und flicht, verwebt sie die beginnende europäische Geistes-Erforschung mit fernöstlichem Tierspuk. Und befindet sich im Aufzeigen zweier historischer Moden bereits in einer gegenwärtig dritten. Denn Füchse haben bis heute Konjunktur. Ob in Lutz Seilers "Kruso", Saša Stanišićs "Vor dem Fest" oder in Ulrike Draesners neuem Buch über die Insel Hiddensee: es sind Fähen und Füchslein, lebend oder tot, der menschlichen Sprache mächtig oder nicht, die durch die Natur (respektive die Seiten) schnüren, um der literarischen Fantasie eine tierisch geheimnisvolle Dimension zu bescheren. In diesem Roman nun wird der Fuchs zurückverfolgt in seinen poetisch-mythologischen Bau, der noch weit vor den La Fontaineschen Fabeln oder Reinecke Fuchs seine Gestaltung in der asiatischen Naturmystik findet. Literarische Grundlagenforschung und schelmischer Lesegenuss in einem: dieser Roman erzählt nicht zuletzt davon, wieviel Geist im Geist steckt.

Christine Wunnicke: Der Fuchs und Dr. Shimamura
Berenberg Verlag, Berlin 2015
144 Seiten, 20,00 Euro

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