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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.05.2014

RomanDas düstere Innenleben eines Mörders

C. S. Forester: "Gnadenlose Gier"

Von Irene Binal

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Eine Hand hält eine Pistole. CZ 75 SP-01 SHADOW, Standard size duty and defence pistol, cal. 9 mm Luger; 9x21.  (picture alliance / dpa / Rene Fluger)
Mit einem wohlgezielten Schuss wird in C. S. Foresters Krimi ein unbequemer Mitwisser erledigt. (picture alliance / dpa / Rene Fluger)

Nach "Tödliche Ohnmacht" ist nun ein neuer Krimi von C. S. Forester auf deutsch erschienen: "Gnadenlose Gier". Und auch diesmal zeigt sich der Autor als scharfer Beobachter, der menschliche Abgründe genussvoll auslotet.

Was tut man, wenn man sich bestechen ließ und befürchten muss, aufzufliegen und umgehend entlassen zu werden? Für Charlie Morris ist die Antwort einfach: Man befördert den unbequemen Mitwisser so schnell wie möglich ins Jenseits. Und genau das tut er auch, mit tatkräftiger Unterstützung seiner beiden Arbeitskollegen in der Werbeagentur "Reddy und Oldroyd". Ein wohlgezielter Schuss, und das Ärgernis in Form ihres Vorgesetzten Harrison ist Geschichte. So beginnt der Roman von C. S. Forester, ein psychologisch aufgeladener Krimi, bei dem es nicht um die Identität des Mörders geht, sondern um dessen düsteres Innenleben.

Denn Charlie Morris ist alles andere als ein liebenswerter Charakter: Schuldgefühle sind ihm fremd, vielmehr ist er allen Ernstes der Meinung, "dass er ein größeres Recht dazu habe, Mr. Harrison zu ermorden, als Mr. Harrison es habe, seine Entlassung anzustrengen". Reddy und Oldroyd freilich sind weniger kaltblütig und werden nach und nach für Morris zu einer Bedrohung – und da der erste Mord so gut funktioniert hat, sieht Morris keinen Grund, warum er sich nicht auch seiner Komplizen entledigen sollte.

Forester wertet und bewertet seinen Protagonisten

Es ist eine abgründige Geschichte, die C. S. Forester erzählt, wobei er als Autor klar Stellung bezieht: Er wertet und bewertet, er verurteilt seinen Protagonisten und stellt ihn als durch und durch verdorben dar, als einen Menschen, der buchstäblich bereit ist, über Leichen zu gehen und der selbst seine eigene Ehefrau auf seine Todesliste setzt, als er hofft, eine Affäre mit der Tochter des Firmenchefs beginnen zu können. Konsequent und direkt spürt Forester Morris' Abgründen nach, in einer schnörkellosen und gerade deshalb umso wirksameren Prosa, die mitunter beinahe den Eindruck einer Studie erweckt, ohne deshalb je trocken oder ermüdend zu werden.

Seitenhiebe auf die Werbebranche

Das London der späten Zwanzigerjahre liefert den Hintergrund: Erstmals erschien der Roman 1930. Aus heutiger Sicht wirkt Manches liebenwürdig anachronistisch, etwa, wenn es um Klassenunterschiede geht oder um das Treiben in den Büros der Werbeagentur, das aus heutiger Sicht geradezu gemächlich erscheint. Zeitlos hingegen sind gelegentliche Seitenhiebe auf die Werbebranche, die Forester genussvoll einfließen lässt, zeitlos ist auch die feine Psychologie der Figuren, und zeitlos sind die reizvollen und mitunter bizarren Handlungskurven – beispielsweise, wenn Morris um jeden Preis verhindern muss, dass Oldroyd gekündigt wird, und dazu seine eigene, brillante Idee für eine Werbekampagne dem inzwischen verhassten Rivalen überlassen muss. Oder wenn Oldroyd nur deshalb an dem Mordplan mitwirkt, weil er nicht weiß, dass Harrison beschlossen hat, beim Firmenchef ein gutes Wort für ihn einzulegen.

Am Ende kommt Morris zwar nicht ungeschoren davon, aber die Frage der Gerechtigkeit interessiert Forester nur am Rande. Wichtiger ist es ihm, das Fühlen und Denken eines Mörders zu untersuchen, seinen Aufstieg und Fall zu skizzieren – und das tut er auf ebenso charmante wie abgründige und außerordentlich unterhaltsame Weise.

C. S. Forester: Gnadenlose Gier
Übersetzt von Britta Mümmler
Deutscher Taschenbuchverlag, München 2014
258 Seiten, 14,90 Euro
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