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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.02.2014

RomanAbgesang auf die Freiheit

Jean-Paul Dubois: "Der Fall Sneijder"

Von Dina Netz

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Bedienungsköpfe in einer Fahrstuhlkabine (Stock.XCHNG / Andre Veron)
Sneijders Betrachtungen über Aufzüge haben philosophische Tragweite. (Stock.XCHNG / Andre Veron)

Komisch und beunruhigend ist "Der Fall Sneijder". Die Geschichte eines Mannes, der abgestürzt ist und sein Leben neu ausrichtet, erzählt Jean-Paul Dubois mit zärtlicher Ironie.

Der deutsche Titel des neuen Romans von Jean-Paul Dubois ist ein Glücksgriff. Denn "Der Fall Sneijder" spielt gleich auf drei Bedeutungsebenen des Buches an (während das französische Original "Le cas Sneijder" es nur auf zwei bringt). Der Protagonist von Dubois' Roman erlebt nämlich in dreierlei Hinsicht "Fälle".

Zunächst einmal stürzt er im wörtlichen Sinne ab, mit dem Aufzug eines Montréaler Hochhauses. Der Lift fällt 28 Etagen in die Tiefe, die vier Mitfahrer von Paul Sneijder sterben, darunter auch seine Tochter Marie. Er selbst überlebt schwer verletzt. Durch diesen Unfall wird Paul Sneijder, zweitens, zu einer Akte, zu einem Patienten- und Versicherungs-Fall. Und, drittens, folgt dem buchstäblichen sein sozialer Absturz, denn Sneijder kündigt seinen Job als Importeur von französischen Weinen, wird statt dessen Dog Walker. Seine freie Zeit verbringt er damit, sich alles verfügbare Wissen über Aufzüge anzueignen. Das ohnehin gespannte Verhältnis zu seiner zweiten Frau Anna und seinen Söhnen verschlechtert sich, weil sie seine neuen Entscheidungen nicht nachvollziehen können.

Absturz und Neuanfang

Der Absturz und der darauf folgende Neuanfang lassen Sneijder klarer auf sein voriges Leben blicken: Auf seine langweilige Arbeit, die ihm seine Frau beschafft hat. Vor allem aber auf diese egozentrische Ehefrau, die seiner Tochter Marie aus erster Ehe nicht erlaubte, das Haus zu betreten. Und Sneijder fühlt endlich deutlich die Schmach des eigenen Versagens, denn er hat seine Tochter niemals gegen die neue Gattin verteidigt.

Ein Mann, der nach einem einschneidenden Erlebnis sein Leben neu ausrichtet – das ist nun kein besonders origineller Plot. Es ist die Art und Weise, wie der französische Autor Jean-Paul Dubois davon erzählt, die seinen Roman lesenswert macht. Dubois blickt mit einer Art zärtlicher Ironie auf seinen Protagonisten (der selbst der Erzähler ist). Und den Stoff, der ja das Zeug zum antiken Drama hätte, nimmt Dubois immer wieder leicht, indem er auch ungeheuer witzige Szenen beschreibt. Zum Beispiel wenn Paul Sneijder mit einer seiner Dog Walker-Hündinnen bei einer Hundeschau auftritt.

Sneijders Betrachtungen über Aufzüge, die zunächst kurios wirken, werden zudem nach und nach philosophisch: Ihm wird klar, dass unsere heutige Bevölkerungsdichte, das Wohnen in Großstädten nur möglich sind, weil es den Aufzug gibt, "kein anderer Gegenstand hatte das Antlitz der Welt so verändert wie er".

"Der Fall Sneijder" ist ein komischer und beunruhigender Roman darüber, wie wenig tolerant unsere Gesellschaft gegenüber denen ist, die von ihren Regeln abweichen. Letztlich ist das Buch ein trauriger Abgesang auf die Freiheit des Einzelnen.

Jean-Paul Dubois: Der Fall Sneijder
Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2014
238 Seiten, 14,90 Euro
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