Hörspielmagazin, vom 06.09.2019, 00:00 Uhr

Rolf Cantzen im DREIERPACKDie Skurrilitäten des Lebens

Von Klaus Pilger

Der Feature-Autor Rolf Cantzen liebt Mehrdeutigkeiten, Irritationen, Anarchistisches und auch den schwarzen Humor. Seine Art Kultur- und Geistesgeschichte lebendig, frech und ironisch zu erzählen, ist einzigartig im deutschen Radio. Egal ob er Sendungen über Einhörner macht, über die Arschkriecherei, die Schlaflosigkeit, Beleidigungen, den Giftmord – oder das Nichts: Der „Cantzen-Sound“ ist sofort zu erkennen. Drei seiner Features laufen im September im Dlf.

Rolf Cantzen (Jolan Attia Cantzen)
Der Feature-Autor Rolf Cantzen (Jolan Attia Cantzen)

Es reicht meist ein Zeigen

Rolf Cantzen, 1955 im niedersächsischen Lingen an der Ems geboren, studierte Politikwissenschaft, Philosophie und Germanistik in Hannover und Berlin. Seine Radiosendungen leben von schnellen Anschlüssen, harten Schnitten, kurzen prägnanten Musikeinsätzen, von Stimmen, die nicht sauber und perfekt sein müssen und  von seiner speziellen Art Umgangssprachliches neben Wissenschaftlichem zu platzieren und dadurch so manchen Aha-Effekt zu erzielen. Wer Cantzen-Features lauscht, der darf ständig mit absichtlichen Irritationen und Stolperfallen rechnen und mit konsequenten (aber geistreichen!) Banalisierungen komplizierter Sachverhalte.

Rolf Cantzen erklärt, was er an Radiofeatures so schätzt: "Ich muss als Autor nicht immer argumentieren, es reicht meistens ein Zeigen. Fürs Ohr zu schreiben bedeutet auch: Sprünge sind möglich. Was beim Lesen eines Essays oder eines wissenschaftlichen Textes missfällt, kann also beim schnelleren Radiofeature funktionieren, mit bewussten Gedankensprüngen. Das heißt auch: Ich kann mit der Assoziationsfähigkeit des Hörers rechnen."

Biere, Tiere, Anarchie

Rolf Cantzen veröffentlichte in jüngerer Zeit ein literarisches Porträt des Schriftstellers Jaroslav Hašek mit dem Titel "Biere, Tiere, Anarchie". Außerdem erschienen ein Buch über "Esoterische Biotope" und der Roman "Mordskarma". Cantzen schrieb über politischen Anarchismus, Rassismus, Esoterik, Philosophie, Religion und über sexuellen Missbrauch. Er arbeitete in der politischen Erwachsenenbildung und hatte Lehraufträge an der FU Berlin.

Mit rund 30 Features hat er in den vergangenen 20 Jahren das Programm des Deutschlandfunk bereichert. Kleine Kulturgeschichten über den Frosch und über die Spinne gehörten zu den Themen, aber auch über die Nase, die Lüge, die Onanie und das Tagträumen hat er kluge, skurrile, philosophische und unterhaltsame Sendungen gemacht. In der Literatur liebt er vor allem Daniil Charms und die russischen Absurden, Jaroslav Hašek, Erich Mühsam, Nikolai Gogol und Anton Tschechow – all diese Schriftsteller tauchen auch in seinen Features auf.

Rolf Cantzen lebt auf dem Land in Brandenburg in der Nähe von Berlin. Die Freiberuflichkeit lässt ihm die Freiheit, die er braucht – für seine Kinder, für neue Ideen, für das Gemüse in seinem Garten, für Schwimmen und für Yoga - gegen Rückenschmerzen.

Künstliche Frauen, feine Unverschämtheiten und menschliche Abgründe

Drei von Rolf Cantzens schönsten Features werden als DREIERPACK an drei Septembersonntagen jeweils um 20.05 Uhr bei "Freistil" ausgestrahlt. Am 8. September heißt es "Sexy, nett und sie kocht auch gut – Die künstliche Frau – Kulturgeschichte einer Männerphantasie", eine Sendung aus dem Jahr 2005, als es zwar noch keine Alexas oder KI-Geschöpfe gab, aber genug erstaunenswerte Ideen für ein großes Feature. In "Die hohe Kunst der Beleidigung – Ein kleiner Ratgeber" aus dem Jahr 2010, ausgestrahlt am 15. September, erfährt man viel über die Feinheiten mancher Unverschämtheiten.  In "Die hohe Kunst der Arschkriecherei – Eine geschmeidige Einführung", am 22. September im Programm, führt Rolf Cantzen schließlich in die unendlichen Tiefen menschlicher Abgründe. Ein Zitat aus der Sendung: " Kurzum und sehr pointiert: Die Klugheit der evolutionären Natur hinterließ eine gewaltige Schleimspur, an deren Spitze die allseits arschkriechende Menschheit geschmeidig vorwärtsgleitet hinein in eine nette Zukunft – vorausgesetzt, wir forcieren diesen Weg flexibel, achtsam und gebückt."

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