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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.06.2010

Roland Schimmelpfennig bekommt den Mülheimer Dramatikerpreis

Im siebten Anlauf gewinnt der Dauernominierte

Von Stefan Keim

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Ein Vorhang (Stock.XCHNG / Jendo Neversil)
Ein Vorhang (Stock.XCHNG / Jendo Neversil)

Zum 35. Mal wird in diesem Jahr der Mülheimer Dramatikerpreis vergeben. Es ist die älteste und angesehenste Auszeichnung für Theaterautoren in Deutschland. In dieser Nacht gegen halb eins fiel die Entscheidung - für einen siebenmal Nominierten.

Das von Schimmelpfennig selbst am Wiener Burgtheater urinszenierte Stück erzählt von Einwanderern in einem asiatischen Restaurant namens "Der goldene Drache", von Ausbeutung, Sexsklaven und der Not eines kleinen Mannes mit Zahnschmerzen. Weil er illegal im Land ist, darf er nicht zum Arzt gehen. Seine Kollegen legen Hand an, reißen ihm den Zahn heraus, der in die Welt fliegt. Und mit ihm fliegt das Stück durch Zeit, Raum und die unterschiedlichen Sphären der Gesellschaft.

"Eine komische Geschichte, die wie das für echte Komik sich gehört die Rückseite des Mondes ist, nämlich die Rückseite der Tragik."

Die Schriftstellerin Katja Lange-Müller.

"Aber auch das Tragische behält als Rückseite das Komische, sodass man am Ende nicht genau weiß, Weinen oder Lachen? Nein, Weinen und Lachen, es ist einfach tolles Theater."

Die Jury lobte die perfekte Konstruktion des Textes, wie Schimmelpfennig Metaphern durch das gesamte Stück zieht, Parabeln und Märchen verarbeitet. Aber vor allem überzeugte, dass "Der goldene Drache" von Migrantenschicksalen handelt, was immer noch zu selten in neuen Stücken geschieht. Ohne Zweifel ist das Stück eine der reifsten und präzisesten Arbeiten Roland Schimmelpfennigs. Allerdings nicht das Innovativste. Seine Technik der ausgefeilten Verschachtelung der Spielebenen hat Schimmelpfennig schon vor vielen Jahren in seinem bisher größten Hit "Die arabische Nacht" entwickelt. Dafür hätte er damals den Dramatikerpreis bekommen müssen, aber natürlich hat auch das neue Stück große Qualitäten und wird in der kommenden Saison an einigen Bühnen nachgespielt.

Es war ein starker Jahrgang neuer Stücke, aber es gab nicht den absolut herausragenden Text, der alle anderen dominiert hätte. Wenn man nicht zu den eisenharten Fans von Elfriede Jelinek gehört, deren "Kontrakte des Kaufmanns" wieder einmal alle Grenzen sprengen und grandiose Verdichtungen mit herumwitzelnden Kalauern kombiniert. Zwei von drei Juroren votierten für Jelinek, einer davon ist Josef Mackert, der leitende Dramaturg des Theaters Freiburg, der allerdings auch Schimmelpfennig schätzt.

"Ich war trotzdem für Elfriede Jelinek, weil es für mich das noch verstörendere Stück ist, das zu unserer heutigen Situation einen grandiosen Verstehensentwurf liefert, das beunruhigend ist, das sprachlich grandios ist, das in seiner ganzen Formsprache grandios ist und das den Preis genau so verdient hätte."

Jelineks Stück stieß aber auch auf heftigen Widerspruch. Autorin Katja Lange-Müller fühlte sich durch die vielen Chöre an das DDR-Theater erinnert und vermisste eine Alternative zum kritisierten Kapitalismus. Der dritte Text in der Endrunde war Dea Lohers melancholisch-satirisches Gesellschaftspanorama "Diebe", das am den undotierten Publikumspreis erhielt.

Die jüngeren Autoren wurden schon zu Beginn der Diskussion aussortiert, allerdings mit großen Abschiedsschmerzen aller Juroren. Selten wurde so viel gelobt in Mülheim, die sprachliche Feinheit des Österreichers Ewald Palmetshofer, die Selbstironie und literarische Qualität des einzigen Festivaldebütanten Nis-Momme Stockmann überzeugten ebenso wie Kathrin Rögglas halbdokumentarische Aufarbeitung des Missbrauchs von Natascha Kampusch. Ein besonders berührendes Plädoyer hielt Katja Lange-Müller für Dirk Lauckes Nachwendedrama "Für alle reicht es nicht". Sie pries die Authentizität "plebejischer" Figuren, die sonst oft keine Sprache haben. Im Charakter des Heiner, eines ehemaligen Soldaten, der mit einem ausrangierten NVA-Panzer einen Vergnügungspark aufziehen will, sah sie sogar einen zeitgenössischen "Woyzeck". Damit hat sie Recht, Dirk Laucke schreibt so nah dran an den einfachen Leuten wie kein anderer Gegenwartsautor. Wie Horváth findet er einen echten Ton, dessen Kunstfertigkeit erst beim zweiten Hinhören auffällt. Doch die anderen Juroren interessierten sich mehr für die ästhetisch ausgefeilteren Texte. Wobei fast keinem der nominierten Stücke die gesellschaftliche Relevanz fehlt. Was eine mehr als erfreuliche Entwicklung nach vielen Jahren der Nabelschau darstellt.

Internet: www.stuecke.de

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