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Lesart / Archiv | Beitrag vom 25.06.2016

Roger Schawinski: "Ich bin der Allergrößte"Ein Großmaul unter Großmäulern

Von Pieke Biermann

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Zwei erfolgreiche Männer, die sich innig umarmen (dpa / Christian Charisius)
Zwei erfolgreiche Männer, die sich innig umarmen (dpa / Christian Charisius)

Wer andere als Großmaul identifiziert, verhindert so, dass er selbst für eins gehalten wird. Genau das scheint Roger Schawinskis Leitsatz für seine Narzissten-Fiebel gewesen zu sein. Zudem ist das Buch eine Schluderschrift.

Der normale Superlativ war schon vergeben. Das Attribut "Der Größte" steht nun mal dem jüngst verstorbenen Muhammad Ali zu. "Ziemlich größter Loser"? Hätte zwar schön boulevardig-knackig geklungen, aber auch irgendwie geklaut.

- Was bleibt einem Mann mit feinem Gespür und mit Hang zum medialen Männerspiel "Wer hat den größten – ähm: längsten" da noch als Titel? 
- Ganz klar: "Der Allergrößte".

Das Buch, laut Verlagswerbung "eine journalistische Recherche über Narzissmus und Macht", ist keine drei Tage raus, schon fragen die ersten Schweizer in Kommentaren, ob ihr Landsmann, der Medienunternehmer Roger Schawinski, zwei Jahre nach der ersten jetzt seine zweite Autobiographie vorlegen möchte.

Aber das ist der harmlosere Vorbehalt.

Ist der Autor selbst das, was er kritisiert?

Fragen ist ein prima Stichwort. Denn dieses Buch, das laut Untertitel beantworten soll, "warum Narzissten scheitern", wirft vor allem Fragen auf. Zum Beispiel: Was haben Lance Armstrong, Sepp Blatter, Joe Ackermann, Franz Beckenbauer, Jörg Kachelmann, Steve Jobs, Thomas Middelhoff, Pablo Escobar, David Petraeus und ein paar weniger bekannte Schweizer gemein? Das heißt, außer dass Schawinski bei allen auf "Narzissmus" erkennt und ihn die bange Frage umtreibt, ob er auch "so einer" ist:

Cover: Roger Schawinski "Ich bin der Allergrößte" (Cover: Kein & Aber Verlag)Cover: Roger Schawinski "Ich bin der Allergrößte" (Cover: Kein & Aber Verlag)"Die Recherchen und das Erstellen der Porträts führten bei mir […] zur Introspektion. Ich stellte mir laufend die Frage, ob es sich um Verhaltensweisen handelt, die bis zu einem gewissen Grad auch bei mir festzustellen sind oder waren. Und […] wäre ich dann tatsächlich in der Lage, sie als solche zu erkennen? […] Habe ich mein Auftreten aufgrund der intensiven Beschäftigung mit dem Thema verändert? Das kann ich noch nicht abschließend beurteilen. Aber ich hoffe, mich besser und früher selbst zu ertappen, wenn ich in gewissen Situationen extrem narzisstische Verhaltensweisen zeigen sollte."

Soviel zartfühlender Psycho-Workshop-Konditionalis entlarvt ungewollt eins: Die bange Frage war nur rhetorisch. Ich, Schawinski, kann schließlich gar kein Narzisst sein, ich bin ja nicht gescheitert! Ähnlich scheinbar demütig zurückgewiesen wird eine zweite eventuell unangenehme Frage: Warum stellt er uns nicht eine einzige Frau mit "narzisstischen Tendenzen" vor?

Man vermutet, dass es vor allem die traditionell männlichen Instinkte sind – Macht, Aggression und der Hunger nach Bewunderung –, die diese Tendenzen verstärken. Da sich Frauen nur selten in Führungspositionen vorkämpfen und Hybris bei ihnen grundsätzlich weniger häufig auftritt, sind sie in diesem Buch (leider) nicht vertreten.

Lassen wir das mit der fehlenden weiblichen Hybris mal so stehen. Bleibt die Frage: Wieso diese Männer?

Man(n) kennt sich

Nun, bei vielen gilt: Man kennt sich. Schawinsky ist nicht nur seit Jahrzehnten selbst im Celebrity-Geschäft, auch als Talkshow-Macher; das Promi-Personal der Schweiz ist relativ überschaubar; und ausländische Granden kommen gern ins Land von Sport-Mafia & Bankenmacht.

Selbstverständlich kennt er den FIFA-Boss, den Wetterfrosch mit dem überbordenden Sexleben, den einst bestbezahlten Pharma-Chef der Welt, den Ex-Boss des größten Züricher Verlags, den Banker, der dann doch kein Master of the Universe wurde, sondern als Master of Desaster erst die Swissair, dann seine eigene Union Banque Suisse und letztlich das Schweizer Bankgeheimnis geschreddert hat. Mit den meisten hat Schawinski selbst schöne Geschäfte gemacht, ohne an deren krimineller Energie Anstoß zu nehmen.

Andere hat er bewundert – das chemiegestützte Fahrradgenie zum Beispiel, oder den teflonbeschichteten Fußballkaiser. Dass das Steve-Jobs-"Porträt" vor allem vom Silicon Valley berichtet, mag daran liegen, dass Jobs früh genug gestorben ist.

Nächste Frage: Was ist Narzissmus? Nun, bei Schawinski ein Sammelsurium der einschlägigen Adjek- und Substantive von "charismatisch" über "machtgeil" bis "manipulativ", von "Selbstüberschätzung" über "fehlende Bodenhaftung" bis "Mangel an Empathie" ohne irgendeine Trennschärfe oder sonstige Präzision. Die "theoretisch" genannten Kapitel sind schlicht subdiskutabel, und zwar nicht nur inhaltlich. Irgendwie klingt da vieles wie Amazon-Kundenrezensionen oder … Wikipedia-Beiträge?

Abgeschriebene Passagen und eine Selbstrechtfertigung

Das ist die nicht mehr so harmlose Frage, die allerdings ist inzwischen beantwortet: Der Züricher TAGESANZEIGER hat Roger Schawinski Plagiate en gros nachgewiesen – von Wikipedia bis ZEIT, SPIEGEL und Sachbüchern. Damit wird sein Versuch, auch der eventuell drohenden Frage nach seinen Quellen vorab ironisch den Wind aus den Segeln zu nehmen, zur peinlichen Pointe:

Als Journalist ohne vertiefte psychologische Vorkenntnisse wählte ich das mir vertraute Vorgehen, […] den Weg zur Erkenntnis […] unserer fernen Vorfahren, die als Jäger und Sammler unterwegs waren. Oder, um es etwas weniger freundlich zu formulieren, als konsequent handelnde Parasiten, die in möglichst effizienter Weise langjähriges und detailliertes Experten- und Insiderwissen von Dritten absaugen.

Bleibt noch eine Frage, die über ein einzelnes Buch hinaus die Qualität heutigen Büchermachens betrifft: Warum nur, warum macht ein Verlag, der so gute – auch journalistische – Schreiber wie Truman Capote, Miriam Meckel, Niklaus Meienberg, Gay Talese im Programm hat, eine Schluderschrift, die womöglich bald eingestampft werden muss?

Zum Nachlesen: Züricher Tagesanzeiger: "Die Schawinskimethode"

Roger Schawinski: Ich bin der Allergrößte: Warum Narzissten scheitern
Kein & Aber Verlag, Berlin 2016
224 Seiten, 20 Euro, als eBook 15,99 Euro

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