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Buchkritik | Beitrag vom 26.06.2019

"Roger Melis. Die Ostdeutschen"Vom wahren Leben in der DDR

Von Eva Hepper

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Cover des Bildbands "Robert Melis: Die Ostdeutschen", im Hintergrund Plattenbauten in Ost-Berlin (Lehmstedt Verlag / picture-alliance / Berliner_Zeitung / Gerd Engelsmann)
Roger Melis wollte mit seinen Fotos die "Wahrheit des Unsensationellen" einfangen. Das ist ihm gelungen. (Lehmstedt Verlag / picture-alliance / Berliner_Zeitung / Gerd Engelsmann)

Statt jubelnder Massen zeigte er kartenspielende Soldaten: Der 2009 verstorbene Fotograf Roger Melis dokumentierte das echte Leben in der DDR. Ein neuer Bildband mit 160 seiner Fotografien gibt Einblicke in drei Jahrzehnte ostdeutschen Alltag.

Als dieses Straßenfoto entstand, war das Geschäft schon lange geschlossen. Zwar prangt der Schriftzug der Drogerie noch an der schrundigen Hauswand, doch im Schaufenster sind statt Auslagen nur Plakate alter Gemälde zu sehen. Es lässt sich kaum erahnen, um welche es sich handelt, so verblichen sind sie. Tizian mag dabei sein, Gainsborough auch und daneben das Porträt eines Kosmonauten. Sigmund Jähn vielleicht?

Besser zu erkennen sind die Passanten. Eine Frau, die neben dem Hauseingang mit den gefährlich abgelaufenen Trittstufen auf den Bus wartet. Oder eine Mutter mit zwei Kindern an der einen und Einkaufstüte in der andern Hand, den Bürgersteig entlang marschierend. Sonst ist nicht viel los am Rudolf-Breitscheid-Platz in Anklam 1983, kein Auto weit und breit, ein Fahrrad, zwei Mopeds.

Bilder aus einem untergegangenem Land

Die Fotografie aus der tiefen Provinz der ehemaligen DDR erscheint heute nicht nur wie ein Bild aus einem untergegangenen Land, sondern wie aus einer anderen Welt. Aufgenommen hat sie Roger Melis, der große Chronist des ostdeutschen Lebens. Jetzt ist die Aufnahme erstmals zu sehen, gemeinsam mit weiteren 160 selten oder noch nie gezeigten Bildern in dem Bildband "Die Ostdeutschen".

Der Titel des Buches (in Anlehnung an Robert Franks legendäre Dokumentation "Die Amerikaner") stammt von Mathias Bertram, der den Nachlass des 2009 verstorbenen Roger Melis betreut. Bertram hat die Fotografien für diesen Band, den vierten Teil der Werkausgabe, ausgewählt.

Es sind zwölf Bildserien aus den Jahren 1964 bis 1990. Darunter sind Aufnahmen aus den verschiedensten Lebens- und Arbeitswelten, viele Straßenszenen sowie Porträts von Schriftstellern, Dichtern und Schauspielern und nicht zuletzt von Jugendlichen und Kindern.

Zarte Porträts von Wolf Biermann und Gisela May

Insbesondere die Porträts des 1940 in Berlin geborenen und im Haushalt des Dichters Peter Huchel aufgewachsenen Chronisten sind von hinreißender Schönheit: etwa eine Berliner Kindergang oder junge Erwachsene auf dem Rummel, ein Spreewaldkahnbauer oder eine Fischverkäuferin bei der Arbeit, Monika Maron mit ihrem Sohn Jonas auf dem Schoß, Manfred Krug, Wolf Biermann oder Gisela May. Sie alle sind mit einer Zartheit porträtiert, die ihresgleichen sucht, sie zeigen sich zugewandt und sind zugleich ganz bei sich. Das ist große Kunst.

Herausragende Bilder gelingen Roger Melis, der seinen Lebensunterhalt als Mode- und Reportagefotograf etwa für Magazine wie Sibylle und Neue Berliner Illustrierte verdiente, auch durch seinen die offizielle Lesart der DDR-Oberen konterkarierenden Blick auf Paraden und Aufmärsche.

Statt jubelnder Massen zeigt er kartenspielende Soldaten, statt Euphorie in den Gesichtern Zweifel oder Desinteresse. Und auch die Aufnahmen vom Tag der Deutschen Einheit, am 3. Oktober 1990, spiegeln geradezu visionär Freude und Skepsis.

Der Menschenfreund Melis war der "Wahrheit des Unsensationellen", wie er selbst es ausdrückte, auf der Spur. Dass er sie fand, und wie viel Schönheit in ihr liegt, belegt dieser großartige Bildband.

Roger Melis, Die Ostdeutschen: Fotografien aus dem Nachlass 1964 - 1990, herausgegeben von Mathias Bertram
Lehmstedt Verlag, Leipzig 2019
224 Seiten, 28 Euro

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