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Religionen | Beitrag vom 25.07.2021

Rogate-Gemeinschaft St. Michael in BerlinEin Kloster ohne Mauern

Von Lea De Gregorio

Im Sonnenschein steht das Gebäude der Zwölf-Apostel-Kirche in Berlin an einem Sommertag. (Deutschlandradio / Lea De Gregorio)
Aus der Berliner Zwölf-Apostel-Gemeinde ist die Rogate-Gemeinschaft hervorgegangen – ein eigenes Klostergebäude aber hat sie nicht. (Deutschlandradio / Lea De Gregorio)

Das Rogate-Kloster in Berlin ist gar nicht wirklich in Berlin, sondern eine dezentrale Angelegenheit. Auch ein eigenes Gebäude gibt es nicht. Und die Mitglieder fühlen sich gerade in ihrer Unterschiedlichkeit verbunden.

Wer an ein Kloster denkt, denkt oft an das mittelalterliche Bild von Nonnen oder Mönchen, die sich den ganzen Tag Gott zuwenden, und an Klostermauern, hinter denen die Gemeinschaft lebt. Das ökumenische Rogate-Kloster Sankt Michael könnte davon kaum weiter entfernt sein.

Eine bunte Gemeinschaft

Im Unterschied zu den allermeisten Klöstern gehören ihm Männer und Frauen an. Einige sind verheiratet, manche sind hetero-, andere homosexuell. Und: Die Mitglieder leben nicht an einem Ort.Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Über die Gründung erzählt Prior und Prädikant Bruder Franziskus: "Wir haben uns regelmäßig zu Gottesdiensten außerhalb des Sonntagsgottesdienstes getroffen und da hat sich dann einfach mehr ergeben. So dass wir sagten: Wir wollen eigentlich mehr Verbindlichkeit." Hervorgegangen ist das Kloster aus der evangelischen Zwölf-Apostel-Gemeinde im Berliner Ortsteil Schöneberg. Die Mitglieder nutzen heute noch die Kirche und das Gemeindehaus.

Kloster oder nicht Kloster?

Seit zehn Jahren kommt das Kloster ohne eigenes Gebäude aus. Derzeit leben nicht einmal alle Mitglieder in Berlin. Aber ein Kloster ohne Gebäude: Ist das überhaupt ein Kloster? Bruder Franziskus sagt:

"Den 100-Meter-Lauf nennt man ja auch 100 Meter, weil man 100 Meter laufen will. Und das irritiert manchmal noch Leute, weil wir eigentlich immer im Entstehen sind, also mittlerweile schon seit jetzt über zehn Jahren. Es hat sich eine Gruppe gebildet, die das geistliche Leben weiterlebt. Wir haben viele verschiedene Brüche auch gehabt, Leute sind gegangen, Leute sind gekommen. Corona hat auch uns herausgefordert wie alle. Viele Dinge sind jetzt anders."

Zur Gemeinschaft berufen

Zentral seien die Gottesdienste, die in letzter Zeit online stattfanden. Doch der Wunsch, gemeinsam in ein Gebäude zu ziehen, sei da, sagt Bruder Franziskus: "Wir sagen: Unsere Gottesdienste, das ist unser Kloster, also das Leben als geistliche Gemeinschaft, was sich im Gottesdienst konkretisiert, und wo wir sagen, dafür brauchen wir keine Mauern. Aber eigentlich wäre das der Wunsch: Zusammen sein und vielleicht auch zusammen alt werden."

Für den 53-jährigen Bruder Franziskus, der als Journalist tätig war und heute in der Öffentlichkeitsarbeit eines Diakonischen Werkes arbeitet, war das Klosterleben schon früh ein Traum: "Für mich ist das mit dem Kloster ein lebenslanges Thema. Also mit vier Jahren habe ich gesagt, ich wollte Pastor werden, und mit sieben Jahren war das Thema da, dass ich ins Kloster gehen wollte." Inspiriert wurde er durch Begegnungen mit Diakonissen in seiner Kindheit. Er ist katholisch getauft, konvertierte aber früh zum evangelischen Glauben.

In Unterschiedlichkeit verbunden

Bei einer Vesper des Klosters, die im Mai in der Zwölf-Apostel-Kirche stattfindet, darf wegen Corona nicht gesungen werden. Stattdessen wird aus dem evangelischen Gesangbuch gelesen. Es predigt Dekan Ulf-Martin Schmidt vom Katholischen Bistum der Altkatholiken in Deutschland. Sie haben die Gemeinschaft gemeinsam mit der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-​schlesische Oberlausitz anerkannt.

Bruder Franziskus erklärt: "Es gibt manche von uns, die lieben den Rosenkranz, andere wieder nicht. Wir leben damit, dass manche das schätzen und andere das schätzen." Die zentrale Gemeinsamkeit sei schlicht die Gottessuche.

Bruder Franziskus von der Rogate-Gemeinde in Berlin. (Deutschlandradio / Lea De Gregoria)Bruder Franziskus von der Rogate-Gemeinde in Berlin. (Deutschlandradio / Lea De Gregoria)

Auch der Zweite Vorsitzende des Rogate-Klosters, Markus Beckmann, den ich vor der Zwölf-Apostel-Kirche treffe, betont die Vielfältigkeit: "Das Rogate-Kloster ist für mich ein ganz besonderer Ort, der eigentlich gar kein physischer Ort ist. Die Mitglieder wohnen an ganz unterschiedlichen Standorten in Deutschland. Bruder Franziskus ist ja gerade in Wilhelmshaven, ich bin unter der Woche in Nürnberg, andere sind hier in Berlin. Aber wir kommen immer wieder zusammen und haben darüber hinaus auch eine Gemeinschaft, wo man merkt, in der Unterschiedlichkeit, die wir haben, verbindet uns ganz viel."

Er freut sich, dass einige wieder physisch zusammenkommen. Der Anlass für die Vesper: Bruder Franziskus bekommt die Berliner Ehrennadel für soziales Engagement.

Engagement für Menschenrechte und Klima

Eine Besonderheit des Klosters ist das Engagement für Menschenrechte. Gemeinsam mit anderen setzt sich Bruder Franziskus gegen LGBTIQ-Feindlichkeit ein. Und auch andere politische Themen sind ihm wichtig: "Wir leben in der Welt und als Christ merke ich, dass ich immer wieder herausgefordert bin, auch mit den Dingen in der Welt umzugehen. Das große Thema Klimawandel, das können wir lösen, wenn wir alle versuchen, klimaneutral zu leben. Aber ich glaube, da braucht es mehr, da braucht es auch politisches Engagement."

Wie sich die zwanzig Mitglieder engagieren und an welchen Veranstaltungen des Klosters sie teilnehmen, bleibt ihnen überlassen. Bruder Franziskus ist der Einzige, der sich derzeit offiziell Bruder nennt. Die anderen tragen ihre bürgerlichen Namen.

Gebete sind auch hier zentral

Schwestern gibt es bislang keine. Doch es gibt eine Anwärterin: Andrea Fleischer. Derzeit ist sie Postulantin: "Das ist quasi diese Stufe, wo man mit einer gewissen Selbstverpflichtung lebt", sagt sie und zeigt auf einen Bücherstapel mit Gebeten. Rogate bedeutet: betet. Das Kloster nennt sich so, weil das Gebet im Glaubensleben der Mitglieder eine große Rolle spielt. Als Postulantin muss Fleischer täglich ein Stundengebet abhalten und die Bibel lesen. Damit unterscheidet sie sich von den Janitoren, Mitgliedern, für die diese Selbstverpflichtung nicht gilt.

Die Überlegung, Schwester zu werden, kam nach dem Tod ihres Mannes. Ihr Leben war aus den Fugen geraten. "Da habe ich mir gedacht: Okay, wenn du keine Hunde mehr hast, dann kündigst du deinen Job bei der Kirche und dann gehst ins Kloster, also in ein Nonnenkloster eben."

Freiheiten trotz enger Bindung

Ein klassisches Kloster sei nichts für sie, erklärt die 58-jährige Friedhofsgärtnerin: "Wenn wir jetzt, sagen wir mal, zusammenwohnen würden, würde ich natürlich weiterhin arbeiten gehen. Aber ich würde nach wie vor Posaune spielen gehen, ich würde in meinen Inliner-Club gehen. Ich würde klettern gehen, meine Nordic Walking-Gruppe oder so. Aber das sind so Sachen, die kannst du dann trotzdem machen, ne?"

Auch sie kann sich vorstellen, mit Mitgliedern des Rogate-Klosters zusammenzuwohnen. Andere Mitglieder wiederum kämen dann lieber zu Besuch. Sie schätzen an dem Kloster die Freiheiten, die sie sich trotz ihrer engen Bindung bewahren.

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