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Studio 9 | Beitrag vom 04.08.2016

Römische Grabkultur bei Trier"Je lauter, desto besser"

Von Ludger Fittkau

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Die Igeler Säule befindet sich in dem rheinland-pfälzischen Dorf Igel unweit von Trier. (dpa / picture alliance / Romain Fellens)
Die "Igeler Säule" befindet sich in Igel unweit von Trier: Sie zählt inzwischen zum Unesco-Weltkulturerbe. (dpa / picture alliance / Romain Fellens)

Die "Igeler Säule", ein bedeutendes römisches Grabdenkmal bei Trier, soll in einem Großprojekt Geschwister bekommen: Rund 1500 weitere Fragmente werden hierfür gesichtet. Die Archäologen erklären, warum Römer ihre Grabdenkmäler an unruhigen Orten gebaut haben.

Eine vielbefahrene Straße im 2000-Einwohner-Dorf Igel bei Trier. Direkt am Straßenrand - die sogenannte "Igeler Säule". Ein 23 Meter hohes römisches Grabdenkmal einer Trierer Tuchmacherfamilie.

Geschaffen wurde das riesige Monument um 250 nach Christus. Schon Johann Wolfgang von Goethe war von der Igeler Grab-Säule begeistert, die heute zum Unesco-Weltkulturerbe zählt.

Dass das imposante Grab-Denkmal mit einst farbig gestalteten Relief-Szenen aus dem Leben der Tuchmacher an einer Hauptstraße steht, ist kein Zufall, betont die Archäologin Anja Klöckner von der Goethe-Universität Frankfurt am Main:

"Heute stellt man sich Friedhöfe als ruhigen, besinnlichen Platz vor. Bei den Römern war es genau umgekehrt, ein Grabdenkmal musste da sein, wo die Leute vorbeikamen. Je lauter, desto besser. Und deswegen hat man die Grabsteine und die Grabdenkmäler entlang der Straßen errichtet. Mitten im Verkehr."

Archäologie-Professor Scholz: "Ein soziales Medium"

"Sie müssen sich vorstellen, ein römisches Grabdenkmal war ein soziales Medium. Heute haben wir – plakativer Vergleich – Facebook, da kann man Bilder, Texte und Videos einstellen, damals war es die architektonische Form, der Standort, die Farbe, die Reliefbilder und die Inschrift."

… sagt Markus Scholz, seit einem halben Jahr Professor für Archäologie und Geschichte der römischen Provinzen an der Goethe-Uni Frankfurt am Main. Gemeinsam mit seiner Kollegin Anja Klöckner leitet er ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft – kurz DFG – gefördertes Projekt zu bislang unerforschten Trierer Grabdenkmälern.

Die Frankfurter Archäologen kooperieren dabei eng mit der Fachhochschule Mainz sowie dem Rheinischen Landesmuseum in Trier. Die Forscher interessieren sich besonders dafür, wie im antiken Trier römisch-mediterrane sowie keltische Elemente aufeinandertreffen und in der Grabkultur verschmelzen. Markus Scholz:

"Auf der einen Seite war Trier eine Stadt der römischen Verwaltung, da saß der Finanzprokurator für die nördlichen Provinzen des römischen Reiches. Die Geldverwaltung – war nicht die militärische – aber die Geldverwaltung. Und auf der anderen Seite war Trier eine Regionalmetropole Ost-Galliens, von einem sehr einflussreichen keltischen Stamm, der von Anfang an sehr viel mit den Römern zusammengearbeitet hat, sowohl im Handel als auch in der Politik. Und diese beiden Komponenten haben Trier die Bedeutung und Größe gegeben, die es dann später zur Kaiserstadt werden ließ."

"Wir sind zuversichtlich, dass uns das gelingt"

Das Grabdenkmal in Igel gilt seit Jahrhunderten als das größte römische Totenmonument nördlich der Alpen- doch das könnte sich bald ändern. Denn im DFG-Forschungsprojekt werden nun drei Jahre lang weitere Grabdenkmäler rekonstruiert.

Dazu werden mehr als 1500 Steinfragmente gesichtet, die in Museums-Magazinen und Industriehallen in Trier und Umgebung lagern. Oft seit vielen Jahrzehnten unbeachtet. Schon in den ersten Wochen der Arbeit zeichnet sich ab: Es könnten dabei weitere Grabdenkmäler vom Ausmaß der Igeler Säule entdeckt werden. Anja Klöckner:

"Im Magazin ist uns in den letzten Wochen gelungen, Stücke zu finden von einem Grabdenkmal, das man vor ungefähr 100 Jahren gefunden hatte, im Gebiet des heutigen Saarlandes. Man wusste immer, diese Fragmente sind im Landesmuseum. Man wusste aber nicht wo in den vielen Magazinen, das sind ja Hallenartige Gebäude. Und wir waren sehr, sehr glücklich, dass es jetzt im Juli gelungen ist, Stücke von diesem Grabdenkmal wiederzufinden. Noch nicht alle, aber wir sind zuversichtlich, dass uns das gelingt."

Zunächst in großer Ausstellung präsentiert 

Schon nach den ersten Medienberichten über die neuen Forschungsarbeiten zu den Grabdenkmälern in Trier melden sich auch Privatleute aus der Region, die antike Fragmente auf ihren Grundstücken gefunden haben, freut sich Anja Klöckner:

"Dass jetzt sich Menschen melden beim rheinischen Landesmuseum oder bei uns, die Stücke in Privatbesitz haben, die über irgendwelche Wege an Reste römischer Grabdenkmäler gekommen sind und wir haben jetzt durch 3-D-Untersuchungen die Möglichkeit, diese Stücke, ohne etwas an den Eigentümer-Verhältnissen zu ändern, wissenschaftlich aufzunehmen. Wir können die nicht nur fotografieren und dokumentieren, wie man das früher gemacht hätte, sondern durch einen 3-D-Scan das Fragment in seinem ursprünglichen Aussehen wieder erstehen lassen und dann wissenschaftlich bearbeiten."

Am Ende des Projektes sollen diese Rekonstruktionen in einer großen Ausstellung in Trier präsentiert werden. Nicht auszuschließen, dass die bisher noch einsame Igeler Säule an der alten Römerstraße bei Trier dann in der Region dauerhaft tonnenschwere Gesellschaft bekommt.

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