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Konzert / Archiv | Beitrag vom 01.12.2020

Robin Ticciati dirigiert Werke von Ondřej AdámekPorträt eines Mannes mit Tunnelblick

Moderation: Volker Michael

Der Komponist steht mit buntem Hemd in dunkler Clubatmosphäre zwischen Notenpulten und erklärt seine Intensionen. (DSO Berlin / Camille Blake)
Der Komponist Ondřej Adámek und das DSO Berlin im Sisyphos Berlin am 27.11.2020. (DSO Berlin / Camille Blake)

Der Gegenwartskomponist Ondřej Adámek steht ganz im Mittelpunkt eines Projekts, das das Deutsche Symphonie-Orchester mit Robin Ticciati im Sisyphos-Club Berlin aufgenommen hat. Das ganze war ein Experiment, bei dem auch im Raum improvisiert wurde.

Konzerte in der Philharmonie Berlin sind momentan nicht möglich - das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin nutzt die Gelegenheit, hinauszugehen und ausgefallene Musikprojekte an ungewöhnlichen Orten aufzuführen. Die Wahl fiel für diese Session auf den Sisyphos Club im angesagten Stadteil Rummelsburg unweit des Berliner Ostkreuzes.

Im Mittelpunkt stand die Musik des aus Prag stammenden, seit einigen Jahren in Berlin wohnenden Ondřej Adámek. Mit ihm hat das DSO Berlin schon mehrfach zusammen gearbeitet, zuvor bei einem Konzert in der Philharmonie Berlin im Januar 2020 mit "Kameny" für Chor und Ensemble, das ebenfalls in dieser Sendung noch einmal zu hören sein wird.

Das Orchester sitzt in einem niedrigen Clubraum mit Industriebeleuchtung. (Camille Blake/DSO Berlin)Das DSO Berlin mit Robin Ticciati im Sisyphos Berlin (Camille Blake/DSO Berlin)

Chefdirigent Robin Ticciati beschreibt die Zusammenarbeit mit dem Komponisten Ondřej Adámek so: "Ich mag Ondřej sehr und seine Entschiedenheit. Ich liebe seinen Tunnelblick – er kümmert sich nicht um andere Leute, er will einen bestimmten Klang! Ich genieße es, dass er mit uns arbeitet. Das Orchester bemerkt, dass wir einander vertrauen. Und dass wir uns alle einander tolerieren als Team. Das ist perfekt."

Musik fürs Stahlwerk Brandenburg

Dessen erstes Werk in dieser Sendung heißt "Dusty Rusty Hush". Ein poetischer Titel für ein eigentlich unpoetisches Werk mit Maschinenmusik, vielleicht mit "Staubig Rostig Huschsch" zu übersetzen. Entstanden ist das Werk vor einigen Jahren für die Brandenburger Symphoniker für eine Aufführung im Stahlwerk der Havelstadt.

Maschinenmusik im Zeitalter der pandemiebedingten Mega-Digitalisierung. Menschen, die App-gesteuert durchs Leben gehen? Auch die traditionelle Industriemusik hat an Aktualität nichts verloren. Auch wenn die modernen Maschinen, denen wir hörig sind, nicht vor Öl triefen, nicht nach Schmierfett stinken und nicht ächzen und stöhnen.

App-gesteuerte Menschenmaschinen

In Ondřej Adámeks Stück "Dusty Rusty Hush" geht es aber um genau diese hör- und fühlbaren Eindrücke eines längst vergangenen Zeitalters. Doch es ist Kunst, intensiv haben Musikerinnen und Musiker zusammen mit ihrem Chefdirigenten und dem Komponisten am perfekten Klang gearbeitet.

Das Orchester sitzt in einem Industrieraum und spielt nach Vorgabe seines Dirigenten. (Camille Blake/DSO Berlin)Das DSO Berlin im Sisyphos Berlin am 27.11.2020 (Camille Blake/DSO Berlin)

Das DSO Berlin kennt "Dusty Rusty Hush" bereits. Vor sieben Jahren hat das Orchester dieses Werk im Konzertstudio "Jesus Christus Kirche Berlin-Dahlem" von Deutschlandfunk Kultur aufgenommen. Doch garantiert hat die Umgebung der Hammahalle des Sisyphos-Clubs ein ganz anderes Ergebnis hervorgebracht.

Das DSO Berlin hat im Szene-Club Sisyphos im Industrieviertel Rummelsburg auch eine Kreativ-Session gegönnt. Die Ergebnisse dieser Werkstatt können Sie hier hören. Chefdirigent Robin Ticciati wollte während der vier Tage auch einen Gegensatz zur durchkomponierten Maschinenmusik erlebbar machen.

Unter Anleitung vom Komponisten Ondřej Adámek und vom Regisseur Frederic Wake-Walker haben die Mitglieder des Orchesters neue Erfahrungen mit freier Improvisation sammeln können. Die Teilnahme daran war freiwillig. Eine Gruppe von gut zwanzig Musikerinnen und Musikern war regelmäßig dabei.

Konzertfassung einer Gruppenimprovisation

Deutschlandfunk Kultur hat die Mitglieder des DSO Berlin gebeten, für unsere Sendung einige Passagen quasi wie einen Konzertinhalt zu spielen. Es existierten keinerlei Vorgaben oder Einschränkungen. Es gab nur allgemeine Rahmenbedingungen wie etwa eine Abfolge von intensiven und entspannten Klangsituationen, von laut und leise, von Stille und Lärm, hie und da angeregt durch den Kontrast von Tutti und Solo oder durch eine emotionale Stimmung wie Trauer oder Wehmut oder Spaß oder Wut oder Freude.

Es gab nur ein Tabu: Niemand sollte ein erkennbares Melodie- oder Rhythmus-Zitat bringen. Sich wiederholende Figuren waren dagegen möglich. Ganz frei und spontan, aber sehr aufmerksam sollten alle Improvisierenden aufeinander reagieren.

Sisyphos Club, Berlin
Aufzeichnung vom 27. November 2020

Ondřej Adámek
"Dusty Rusty Hush" für Orchester
Gruppenimprovisationen

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Leitung: Robin Ticciati

Im Anschluss:

Philharmonie Berlin
Aufzeichnung vom 26. Januar 2020

Ondřej Adámek
"Kameny" für Chor zu 24 Stimmen und Ensemble

Duke Ellington
"Harlem" für Orchester

RIAS Kammerchor Berlin
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Leitung: Robin Ticciati

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