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Sein und Streit | Beitrag vom 28.06.2020

Robert Pfaller über die Macht der FormWahre Schönheit kommt von außen

Von Christian Möller

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Collage eines Mannes im Anzug, der eine Maske mit einem lachenden Mund vor sich hält. (imago images / Ikon Images / Jonathan McHugh)
Auch wenn das Lächeln nur eine Maske ist: Höfliche Umgangsformen stärken den Zusammenhalt, sagt Robert Pfaller. (imago images / Ikon Images / Jonathan McHugh)

Tür aufhalten, Mantel abnehmen, Fremde grüßen: Förmlichkeiten haben keinen guten Ruf. Sie gelten als altbacken und aufgesetzt. Zu Unrecht, sagt der Philosoph Robert Pfaller. Formen öffnen das Denken und machen das Zusammenleben erst erträglich.

Der Dame den Vortritt lassen, dem Herren eine Zigarette anbieten, in aller Form nach dem Befinden fragen – Beispiele einer überkommenen Höflichkeit, mögen viele denken: aus der Zeit gefallen, oberflächlich, unecht.

Anders sieht das Robert Pfaller: "Die Höflichkeit ist immer echt", betont der Wiener Philosoph, gerade weil sie eine "reine Form" sei: "Immer, wenn es höflich aussieht, dann ist es auch höflich." Und er beobachtet mit Sorge, dass die Form in unseren Gesellschaften mehr und mehr auf dem Altar der Authentizität geopfert wird. Denn, so Pfaller: Gerade die formale Höflichkeit erleichtere den sozialen Umgang und sei entscheidend für ein gedeihliches Miteinander.

Schönheit ist nicht nur Dekor, sondern Denkhilfe

Pfallers Nachdenken über die Höflichkeit ist Teil seines jüngsten Buches über die Macht der Form in Sprache, Kunst und Alltag. "Die blitzenden Waffen" heißt es und spielt damit auf den römischen Rhetoriker Quintilian an. Dieser hat die Auffassung vertreten, nicht nur die inhaltliche Überzeugungskraft von Argumenten sei von Bedeutung, sondern auch ihre Schönheit, ihre Form. So wie die Waffen im Krieg nicht nur scharf, sondern auch "blitzend" sein müssten.

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Für Pfaller geht die Form unserem inhaltlichen Verständnis von Argumenten sogar voraus. Schönheit sei gerade "kein nachträgliches Dekor, sondern eine vorgängige Erkenntnisöffnung". Bestimmte Metaphern und Sprachbilder würden einen Gedankengang erst ermöglichen und plausibel machen – auch in wissenschaftlichen Texten findet er dafür Beispiele. Je schwieriger ein Gedanke, desto wichtiger sei die Form seiner Darstellung – "weil der Geist auch eine Sinnlichkeit besitzt". Auch Denken sei "körperliche Anstrengung". Und die richtige sprachliche Form helfe uns dabei, diese Anstrengung einer schwierigen Denkbewegung spielerisch zu bewältigen.

Gendergerechte Sprache: Mangelhafte Formfindung

Die Form ist also zu Unrecht unterschätzt, so Pfaller. In unserer Gegenwart allerdings beobachtet er in allen Lebensbereichen einen Verlust an Formgefühl, ja eine "Formvergessenheit". Ein Beispiel dafür ist in Pfallers Augen die gendergerechte Sprache, deren sprachliche Neuerfindungen – etwa das Gender-Sternchen – er als zu "mühselig" und "störanfällig beurteilt: "Niemand kann das funktionierend einsetzen – aber genau das muss Formfindung leisten."

Porträt des Philosophen und Professor für Kulturwissenschaft und Kulturtheorie Robert Pfaller vor eienm Mikrofon.  (imago images / Rudolf Gigler)Der Wiener Philosoph Robert Pfaller. (imago images / Rudolf Gigler)

Noch dazu stehe hinter dem Gender-Mainstreaming immer die Frage: "Wer ist jemand wirklich?" Damit stehe sie im Gegensatz zur traditionellen Höflichkeit, die nicht nach einer "inneren Wahrheit" frage, sondern auf Fiktionen beruhe. Gerade darin sieht Pfaller die soziale Funktion von Umgangsformen begründet: Sie sollen ein "Rollenspiel" ermöglichen, statt das Gegenüber "mit dem eigenen Selbst zu belasten", und eine Ebene des Allgemeinen stiften, auf der wir uns als Gleiche begegnen können.

Formen sind politisch: Sie stiften Gemeinsamkeit

Damit ist die Frage nach der Form für Pfaller ausdrücklich politisch. Umso mehr, als er den Niedergang allgemeiner Formen und die Konzentration auf die je eigene Identität auch als Folge des Neoliberalismus begreift: Denn die neoliberale Politik suggeriere ständig, der Andere sei eine Bedrohung und tendiere damit "zur totalen Privatisierung und Einhegung aller Individuen".

Die umfassende Verunsicherung und die grassierende Abstiegsängste, die mit neoliberaler Politik einhergingen, führten, so Pfaller, zu einem Verlust an Perspektiven: Und ohne Zukunft sei man weniger bereit, "vom eigenen Selbst abzusehen", und stärker "auf die eigenen Partikularitäten bedacht", statt für gesellschaftliche Gleichheit zu kämpfen.

Kulturelle Diversität braucht allgemeine Formen

Gerade in Zeiten einer wachsenden kulturellen Diversität seien "einende Formelemente" umso wichtiger: eine Ebene der Allgemeinheit, auf der die Individuen ihre "partikularen Identitäten ein Stück weit hinter sich lassen können". Den Schlüssel dafür sieht Pfaller in richtig verstandenem Respekt: "Respekt heißt, davon auszugehen, dass kein anderer – egal, was er ist: sexuell, religiös, kulturell oder sonst wie – vollkommen unfähig ist, seine Identität hinter sich zu lassen. Und das ist eigentlich das, was uns solidarisch werden lässt."

Leicht gesagt, so lange man nicht selbst um die Anerkennung seiner Identität kämpfen muss, könnte man einwenden. Tatsächlich aber sieht Pfaller durchaus die Defizite traditioneller Formen des Allgemeinen: Die Kritik, dass diese in Wahrheit "von bestimmten Gruppen geprägt" und damit ausschließend seien, die möge schon richtig sein. Daraus folgt aber für Pfaller nicht die Ablehnung allgemeiner Formen per se. Sondern: "Das kann ja nur heißen, wir müssen diese Allgemeinheit, die bisher eine schlechte war, zu einer guten Allgemeinheit machen. Wir müssen dafür sorgen, dass Allgemeinheit wirklich Allgemeinheit ist und nicht nur ein verstecktes Partikularinteresse."

ch

Robert Pfaller: "Die blitzenden Waffen. Über die Macht der Form"
S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2020
288 Seiten, 22 Euro

Außerdem in dieser Ausgabe von Sein und Streit:

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