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Frühkritik | Beitrag vom 10.01.2020

Robert E. Dunn: "Dead Man's Badge"Karneval in Texas

Von Kolja Mensing

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Cover von Robert E. Dunn: "Dead Man's Badge" vor Aquarell-Hintergrund (Cover: Luzifer / Collage: Deutschlandradio)
"Dead Man’s Badge" erzählt von der Schattenökonomie, mit der amerikanische Regierungsbehörden wie CIA oder DEA seit jeher ihre Kriegskassen füllen. (Cover: Luzifer / Collage: Deutschlandradio)

Auch böse Menschen tragen Dienstmarken: Robert E. Dunns Thriller „Dead Man’s Badge“ ist eine listige Verwechslungskomödie über den Krieg gegen die Drogen. Wer ist gut, wer böse? Im texanischen Lansdale ist das nur ein Maskenspiel.

Erst mal gut anschnallen, bitte: Die Handlung von "Dead Man’s Badge" nimmt gleich am Anfang ein paar ziemlich scharfe Kurven. Longview Moody schmuggelt Drogengeld über die Grenze zwischen den USA und Mexiko. Diesmal läuft die Übergabe in Juarez schief, und kurz darauf ist er auf der Flucht vor einer Handvoll brutaler Killer.

Das erste Opfer – eine unglückliche Verwechslung! – ist Longviews Bruder, ein Cop, der gerade einen neuen Job als Polizeichef in der texanischen Kleinstadt Lansdale antreten sollte. Longview schnappt sich seine Dienstmarke – die "dead man’s badge" aus dem Titel – und schlüpft in die Rolle seines Bruders: "Das ist schon komisch mit dem Gesetz und dieser Marke. Jeder, die Guten und die Bösen, verlassen sich auf die Regeln, für die sie stehen. Was passiert, wenn ein böser Mensch die Marke trägt?"

Kooperation mit Drogenkartell

Das ist die hochexplosive (und durchaus komische) Ausgangssituation von Robert E. Dunns "Dead Man’s Badge", Deutscher Untitel: "Sterben in Lansdale". Während Longview Moody noch darüber nachdenkt, was so ein Polizeichef wohl für Aufgaben haben könnte, stolpert er über eine Reihe von Leichen und ein mehr schlecht als recht getarntes Einsatzteam der DEA, der amerikanischen Drogenvollzugsbehörde.

Offizielles Ziel: den Krieg gegen die Drogen zu "managen". Inoffizielles Ziel: Geld heranschaffen, denn dieser Krieg ist ganz schön teuer: "Polizei, Grenzschützer, DEA, mexikanische Sicherheitskräfte und Militär auf beiden Seiten", dazu "Anwälte, Waffenhändler, Munitionshersteller, schusssichere Westen, Handschellen, gepanzerte Fahrzeuge – alles bis hin zu Kampfstiefeln". In Lansdale erprobt die DEA darum einen unkonventionellen Weg zur Finanzierung: Sie kooperiert mit einem mexikanischen Drogenkartell, geheime Fluchttunnel und selbstgegründete Bankfilialen inklusive. "Das Einzige, was alle verbindet, ist Geld." Läuft also.

Berufsverbrecher als Polizist

Weit hergeholt ist das nicht: "Dead Man’s Badge" erzählt von der Schattenökonomie, mit der amerikanische Regierungsbehörden wie CIA oder DEA seit jeher ihre Kriegskassen füllen. Robert E. Dunn steckt seine politische Aufklärungsarbeit allerdings in ein bunt gemustertes Genrekostüm, mit dem sprichwörtlichen "flachen Grab" am Anfang und High-Noon-Zitat am Ende.

Darüber hinaus stellt er sich mit seinem Thriller, in dem ein skrupelloser Berufsverbrecher zum Kleinststadt-Polizisten wird, frech in die erhabene Tradition der Verwechslungskomödie: Gut und Böse, das ist in Lansdale nur ein Maskenspiel. Und genau wie Shakespeares "Komödie der Irrungen" vor knapp 500 Jahren zum Spiegelbild des frühneuzeitlichen Chaos in Europa wurde, passt "Dead Man’s Badge" gerade ganz gut zum aktuellen politischen Karneval in den USA. Im Moment kann man es als Hochstapler ja sogar ins Oval Office schaffen.

Robert E. Dunn: "Dead Man’s Badge. Sterben in Lansdale"
Luzifer Verlag, Borgdorf-Seedorf 2019
356 Seiten, 14,95 Euro

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