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Kompressor | Beitrag vom 21.08.2014

RitualeSchöner als Schlaftabletten

Warum uns Hörbücher helfen, abends abzuschalten

Von Julian Kuper

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Ein Junge schläft versteckt unter einer gestreiften Bettdecke, nur sein Haarschopf ist zu sehen. (picture alliance / dpa / Lehtikuva Sari Gustafsson)
Decke übern Kopf und Augen zu? Vielen Menschen fällt das nicht so leicht. Hörbücher können helfen. (picture alliance / dpa / Lehtikuva Sari Gustafsson)

Heiße Milch mit Honig, ein warmes Bad, autogenes Training: Es gibt viele Mittel, um besser in den Schlaf zu kommen. Besonders beruhigend wirken Hörbücher, sagen Schlafforscher. Sie vermitteln dem unruhigen Geist Geborgenheit.

Für viele ist diese Stimme das letzte, das sie am Tag hören.

"Ich hör‘ fast jeden Abend Hörspiele oder Hörbücher zum Einschlafen…
… einfach nett wenn man so in den Schlaf gedudelt wird, ne."

Auf diese Weise in den Schlaf gedudelt zu werden, ist für Professor Ingo Fietze eine gute Idee. Er ist Experte fürs Einschlafen und leitet das Schlafmedizinische Zentrum an der Charité in Berlin. Für ihn gilt prinzipiell: Hauptsache Einschlafen – egal wie.

"Als Einschlafritual, und als solches würde ich das Hörspielhören bezeichnen, ist erlaubt was gefällt. Viele hören Hörspiele, dritte hören Musik, die vierten schauen Fernsehen, was früher Tabu war. Das einzige, was wir als Einschlafritual nicht empfehlen würde, wäre das intensive Computerspielen, das intensive Chatten im Internet. Und auf der anderen Seite der Genuss von schlaffördernden Mitteln wie Alkohol und so weiter."

Auch für schwere Fälle ist das Hörspiel ein guter Schlaftabletten-Ersatz. Professor Fietze unterteilt die Schäfchenzähler in zwei Gruppen. Wer zur ersten Gruppe gehört, dem hilft Bewegung vor dem Ins-Bett-gehen, Tai Chi oder auch Autogenes Training. Da kann dann auch das Hörbuch nichts mehr ausrichten.

Nicht anstrengend, nur für die Ohren, praktikabel

Die zweite Gruppe braucht Ruhe – und da kann der Griff zur sonoren Stimme sehr sinnvoll sein, denn ein Hörbuch hat gleich mehrere Pluspunkte:

"Besonders attraktiv ist die Monotonie im Sprechen. Sicherlich spielt die Stimme eine Rolle, die sonore Stimme. Es spielt eine Rolle, dass man nur die Ohren anstrengen muss. Es spielt auch die Lautstärke eine Rolle. Man muss sich nicht anstrengen, das hören zu müssen, was man möchte. Und es spielt einfach eine Rolle, dass es praktikabel ist. Es ist anwendbar im häuslichen Schlafzimmer aber genauso gut in fremder Umgebung."

Das stimmt natürlich auch fürs Buch – aber so ein schweres Ding in der Hand zu halten, ist dann doch nicht so entspannend, wie sich einfach nur berieseln zu lassen, sagt Schlafmediziner Fietze:

"Und es ist tatsächlich unanstrengender, also einfacher, sich etwas anzuhören und dabei die Augen schließen zu können oder ein Buch zu lesen, wo vielleicht das Licht auch noch zusätzlich wach macht."

Simulation von Geborgenheit

Genauso wichtig für den Schlaf ist aber auch, worum es im jeweiligen Hörbuch geht.  Blutrünstige Mörder, verstümmelte Leichen, schwere Schicksalsschläge: Da klopft das Herz schnell und das Einschlafen fällt schwer. Mit alten Kindheitserinnerungen lässt sich‘s besser einschlafen.

Ob "Die drei ???", "Fünf Freunde", "Perry Rhodan" oder "TKKG": Für Professor Fietze sind diese Hörspiele aus der Kindheit ein gutes Einschlafmittel, weil sie die kuschelige Geborgenheit von früher simulieren:

"Da ist es genau die Nähe, die bekannte, oder die vertraute Person neben einem, mit der man gerne einschläft. Und wenn man solche Kindheitserinnerungen hat und man weiß, dass man damit in den Schlaf gewogen wurde, viele Monate und Jahre, dann macht es Sinn, dass in Jugendzeiten oder später wieder anzuwenden."

Ein Problem: Die verpassten Enden

Vertrauen in Bewährtes: Das zeigt sich auch bei der Rollenbesetzung. Oliver Rohrbeck, mittlerweile fast 50, spricht immer noch den ungefähr 18-Jährigen Justus Jonas von den "Drei ???". Im Gespräch bei Markus Lanz sieht er in der "Schlaftablette Hörspiel" aber auch ein dramaturgisches Problem:

"Also das ist meine Theorie, genau belegen kann ich das nicht, dass die immer gerne noch abends fernsehen wollten, die Kinder. 'Oh, bitte bitte, darf ich noch was sehen?' – "Nein du gehst ins Bett, aber darfst noch eine Kassette hören." Und dann haben die sich hingelegt. Irgendwie ließ sich so schön dabei einschlummern. Die drei Fragezeichen werden den Fall schon lösen.

Ich glaube, sowieso, dass die meisten, die das regelmäßig immer noch hören, das hören die ja heutzutage als Erwachsene immer noch gerne, dass die bis heute kein Ende kennen, von unseren Folgen."

Als Einschlafhilfe hat das Hörspiel dann seinen Zweck perfekt erfüllt. Und was das Problem mit den fehlenden Enden angeht: Da hilft auch im Zeitalter von mp3 oder anderen digitalen Speichern nur: Zurückspulen und noch mal hören.

 

Mehr zum Thema:

Erzählte Welt (Deutschlandradio Kultur, Profil, 10.07.2013)
Hörbuch - Goethes tiefster Roman (Deutschlandradio Kultur, Lesart, 05.08.2014)

Fazit

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