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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.09.2005

Risiko Kaiserschnitt

Michel Odents Plädoyer für eine natürliche Geburt

Vogestellt von Kim Kindermann

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Schwangere Frau (Stock.XCHNG / Elliott McFadden)
Schwangere Frau (Stock.XCHNG / Elliott McFadden)

Der Kaiserschnitt, einst Notoperation, ist in Industriestaaten zur gängigen Geburtspraxis geworden. Der Arzt Michel Odent beschreibt Ursachen für diesen Trend, macht auf Gefahren aufmerksam und plädiert für eine natürliche Geburt.

Es scheint eine von Michel Odents Lieblingsfragen zu sein, denn er stellt sie immer wieder, in jedem seiner Bücher, so auch in dem neuesten und sie lautet schlicht und einfach: In welcher Stadt fühlen Sie sich nachts sicherer: in São Paulo oder in Amsterdam? In Amsterdam!

Sehr gut, Sie haben die Frage ganz im Sinne Odents beantwortet. Für Michel Odent ist die Kriminalität in der brasilianischen Metropole nämlich nicht das Ergebnis großer Armut, sondern vielmehr die logische Folge eines technisierten Geburtenmanagements, das den Kaiserschnitt ohne medizinische Notwendigkeit zunehmend zum Standart erhoben hat. Denn anders als im sicheren Amsterdam, wo die meisten Kinder normal geboren werden, haben die Kaiserschnittquoten in Brasilien astronomische Höhen erreicht.

Achtzig Prozent der Kinder kommen dort per Bauchschnitt zur Welt. So was kann einfach nicht folgenlos bleiben, behauptet Michel Odent deshalb auch in seinem neusten Buch "Es ist nicht egal, wie wir geboren werden. Risiko Kaiserschnitt". Sprich: Wer per Kaiserschnitt auf Wunsch geboren wird, verfügt über weniger Liebeshormone (die während einer normalen Geburt zuhauf ausgeschüttet werden), neigt daher zur Gewalt und ist unfähig zur Selbstliebe. Dafür spräche letztendlich auch die weltweit höchste Rate an Schönheitsoperationen, die Brasilien damit zu einem umstrittenen ersten Platz verhilft. Unnötig zu erwähnen, dass diese reichlich subjektive These nicht auf der Analyse wissenschaftlicher Arbeiten beruht.

Aber darum geht es Odent auch gar nicht: Denn der Grand Signeur der Geburtsmedizin, der seit Jahrzehnten die sanfte natürliche Geburt in Schrift und Wort propagiert, will mit Fragen wie dieser provozieren. Auch den Leser. Und deshalb tut er es auch immer wieder. Zuletzt mit der Aussage, dass Geburten komplizierter verlaufen und häufiger mit einem Kaiserschnitt enden würden, wenn die werdenden Väter anwesend seien. Sein Rat lautet daher: Väter, geht lieber einkaufen und lasst die Frauen in Ruhe ihr Kind zu Welt bringen!

Dabei haben Odents Provokationen System: Denn sie entfachen nicht nur leidenschaftlich Diskussionen, sondern sie holen Themen aus dem Medizinbereich rein ins öffentliche Bewusstsein. Und das ist gut so. Denn Michel Odent ist kein abgehobener Spinner, der dem Kaiserschnitt per se den Kampf angesagt hat. Er ist vielmehr ein sehr erfahrener Geburtsmediziner, der schwangere Frauen ermutigen will, ihr Kind normal zu gebären.

Er will ihnen die Angst vor dieser neuen Situation nehmen und vielmehr deutlich machen, dass eine normale Geburt kein grausames Martyrium bedeutet, sondern ein natürlicher Entwicklungsschritt auf dem Weg zum Leben ist. Ein Schritt, an dessen Ende Mutter und Kind gestärkt und glücklich miteinander ins neue gemeinsame Leben starten.

So treten etwa Stillprobleme nach einer normalverlaufen vaginalen Geburt weniger häufig auf, als nach einem Kaiserschnitt und es besteht von der ersten Sekunde an eine feste emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind. Das belegen längst auch internationale Studien. Doch Michel Odent gibt sich mit der bloßen Nennung einzelner Studien nicht zufrieden. Er will, dass seine Leser wirklich verstehen, was genau während der Geburt passiert. Und so beschreibt er detailliert, über weite Strecken seines 177 Seiten dicken Buches, was im Körper einer Gebärenden hormonell abläuft, wann sie welchen Stoff an ihr Kind überträgt und wie dieser wirkt.

Das alles liest sich hochspannend. Langweilig wird es nie, denn die Leser können wirklich etwas lernen. Etwa über die besondere Bedeutung des Hormons Oxytozin, das nicht nur für die Wehen und für den ungestörten Milchflussreflex zuständig ist, sondern das auch dafür verantwortlich ist, dass sich die Liebesfähigkeit der Mutter auf das Baby richtet. Wichtig dabei ist, dass sich Oxytozin nur während einer normalen Geburt bildet.

Bei einem geplanten Kaiserschnitt, der bereits zwei Wochen vor dem errechneten Termin durchgeführt wird, tritt das Hormon überhaupt nicht in Erscheinung. Und das hat Folgen, wie Odent diesmal anhand seiner Recherche eindrucksvoll belegt: So sind Frauen nach einem Kaiserschnitt sieben Mal anfälliger für das Auftreten einer Depression.

Die durch Kaiserschnitt geborenen Kinder leiden häufiger unter Autismus. Zudem haben Kaiserschnittkinder zeitlebens mit Atemproblemen wie Asthma zu kämpfen, da sie zu einem Zeitpunkt zur Welt kämen, an dem ihre Lungen noch nicht vollständig ausgereift sind. Kein Wunder also, dass Michel Odent angesichts dieser Ergebnisse lieber vom Risiko Kaiserschnitt spricht. Ein Risiko, das er nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen, also wenn Gefahr für Mutter und Kind besteht, für ratsam und notwendig hält.

Und genau dieses Abwägen macht Odents neues Buch so lesenwert. Denn man spürt, hier schreibt jemand, der mit Herz, Seele und Verstand beim Thema ist. Wohl deshalb kann man seiner Argumentation auch als medizinischer Laie gut folgen. Zumal Michel Odent in seinem Buch ganz klare Forderungen aufstellt, was sich in der Geburtsmedizin selbst ändern muss, damit Frauen sich wieder verstärkt zutrauen normal zu gebären.

Dabei steht im Mittelpunkt dieser Forderungen, die man gut unter dem Stichwort einer Enttechnisierung zusammenfassen kann, der Hinweis, dass eine Frau während der Geburt unbedingt ungestört bleiben muss. Denn jede Anregung durch Sprache, Licht und ständige Kontrolle störe den natürlichen Geburtsverlauf, schreibt Odent und fordert damit zu einer kompletten Kehrtwende in der heutigen Geburtsmedizin auf. Einer Geburtsmedizin, die durch den Einsatz von Technik ihr primäres Ziel in der totalen Kontrolle der Geburt sieht und die damit letztendlich zur Folge hat, dass immer mehr Frauen sich vor einer natürlichen Geburt fürchten.

Michel Odents Buch belegt eindrucksvoll: Erst wenn die Gebärende sich frei von Angst und Scham völlig auf ihren Körper konzentrieren kann, erst dann gehört der Kaiserschnitt auf Wunsch der Vergangenheit an. Und genau das macht das Buch "Es ist nicht egal, wie wir geboren werden. Risiko Kaiserschnitt." so wertvoll: für werdende Mütter genauso wie für Ärzte, Hebammen und Männer.

Michael Odent : "Es ist nicht egal, wie wir geboren werden - Risiko Kaiserschnitt"
Walter/ Patmos Verlag 2005
177 Seiten , 18 Euro

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