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Zeitfragen | Beitrag vom 08.10.2019

Ringen um neue AckerbaustrategieDie Landwirtschaft am Scheideweg

Von Anja Schrum und Ernst-Ludwig von Aster

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Brandenburg, Sieversdorf: Ein Landwirt erntet mit einem Mähdrescher Gerste (Luftaufnahme mit einer Drohne). (ZB/dpa/Patrick Pleul)
Getreideernte in Brandenburg nach dem zweiten Dürresommer in Folge – die Landwirtschaft steht vor großen Herausforderungen. (ZB/dpa/Patrick Pleul)

Die Konflikte zwischen Landwirtschaft und Naturschutz sind stark. Doch die ökologischen Probleme werden immer offensichtlicher. Dementsprechend hoch sind die Erwartungen an die neue deutsche Ackerbaustrategie. Ein politischer Spagat ist absehbar.

"Wir haben auch in diesem Jahr, dem Extremjahr immer noch 61 Doppelzentner Gerste im Durchschnitt gedroschen, zirka 65 Doppelzentner Weizen, 37 Doppelzentner Raps, beim Roggen sind wir etwas über 50 gekommen."

Dieter Helm steht an der Ackerkante. Im brandenburgischen Bückwitz. Der Landwirt zieht Bilanz, nach dem zweiten Dürresommer in Folge.

"Aber das zeigt doch, dass der Boden immer noch relativ leistungsfähig ist und kein Totalausfall, wie ich das teilweise, wenn ich durch das Land fahre, sehe. Gucken Sie sich doch mal um, wo sie hier vergleichbare Zwischenfrüchte sehen. Das ist für mich immer eine innere Genugtuung zu sehen, guck mal an, ganz falsch liegen wir wohl nicht mit unserer Strategie."

Helms persönliche Ackerbaustrategie: Die Bodenbiologie stärken, auf den Pflug verzichten, Humus aufbauen, Bodenverdichtungen vermeiden und so die Wasserspeicherfähigkeit des Ackers steigern. Da der Landwirt ohne Pflug arbeitet, setzt er vor der Aussaat ein Totalherbizid ein. Um die Unkräuter in den Griff zu bekommen, die sonst untergepflügt werden.

"Wir wissen aber genau, so wie unser Konzept ist, dass es funktioniert. Dass es den Ansprüchen der Natur entspricht, dass es aus der Natur kommt und mit der Natur kommt."

Unzufrieden mit der "Roadmap" des Bauernverbandes

"Konventionell-organische Landwirtschaft" nennt Helm das, was er mit seinen beiden Söhnen auf 700 Hektar Ackerfläche betreibt. Wenn es um die richtige Strategie geht, legt sich der eigensinnige 75-Jährige schon mal mit seinen Kollegen an.

So wie im vergangenen Jahr. Da stellte im 100 Kilometer entfernten Berlin der Deutsche Bauernverband mit weiteren Agrarverbänden seine "Zukunftsstrategie Ackerbau" vor. Dieter Helm las von einer "Roadmap": 18 Maßnahmen, acht Kernziele. Von der "sicheren Versorgung mit hochwertigen Nahrungs- und Futtermitteln" war die Rede. Von der "Förderung der Kulturlandschaft und der Biodiversität". Nach der Lektüre setzte sich der Landwirt an den Computer. Und schrieb an die Verbands-Oberen.

"Ich habe gesagt, dass es eigentlich gar keine Strategie in dem Sinne ist, da sie dem Bauern mehr oder weniger als Idee überhaupt nichts bringt. Und auch nicht drinsteht, wie es gemacht werden soll. Allgemeines Palaver, ohne Effekt."

Landwirt Dieter Helm (l.) mit einem Kollegen vor einem Maisfeld. (Grenzgänger/Ernst-Ludwig von Aster)Zurück zur Bodenbiologie – Landwirt Dieter Helm (l.) mit einem Kollegen. (Grenzgänger/Ernst-Ludwig von Aster)

Helm schüttelt den Kopf. Für das Frühjahr 2019 hatte auch die Bundesregierung eine Ackerbaustrategie angekündigt. Doch die lässt auf sich warten.

"Wir machen das nicht aus Jux und Dollerei, wir müssen davon leben. Wir müssen etwas verdienen. Und wenn man das geschickt macht, durch Förderung etc. oder andere Maßnahmen, dann würde das auch funktionieren."

Der Landwirt ist gespannt. Denn seit Jahrzehnten bestimmt die Politik durch Milliarden-Subventionen, was auf den Äckern geschieht.

Traditionelle EU-Politik: Erträge steigern

"Die Ausgangslage der europäischen Agrarpolitik war eigentlich die, dass viele Menschen Hunger-Erfahrungen hatten."

Die Verwüstungen des 2. Weltkrieges, Vertreibung, Flucht, Hunger – das waren bestimmende Faktoren zu Beginn der gemeinsamen Agrarpolitik in Europa, sagt Dr. Sebastian Lakner. Er ist Agrarökonom am Thünen-Institut in Braunschweig, einer Bundesforschungseinrichtung für ländliche Räume. In den Römischen Verträgen von 1957 einigten sich die Gründer der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, der EWG, auf Ziele und Aufgaben.

"Dass man gesagt hat: Naja, wir wollen die Produktivität der eigenen Landwirtschaft steigern, wir wollen die Versorgung mit Lebensmitteln sicherstellen, also Marktstabilität herstellen. Und wir wollen gucken, dass Landwirte ein angemessenes Einkommen erzielen. Und das sind grob gesagt die klassischen Ziele der Agrarpolitik, die interessanterweise bis heute, im Vertrag von Lissabon fortgeschrieben wurden."

Nebenwirkungen der Subventionen

Von Anfang an wird mit Steuergeldern die Produktion auf dem Acker angekurbelt.

"Man hat in der EU ein Mindestpreisniveau festgelegt. Und hat dann eben über diese erhöhten Preise, Anreize für den einzelnen Landwirt gemacht, möglichst viel auf seinem Acker zu produzieren. Die Landwirte haben dann einfach geguckt, was sind die Sorten mit den höchsten Erträgen, wie kann ich meine Düngung optimieren usw."

Ein Bauer legt ein Stück Butter auf einen gestapelten Butterberg, im Hintergrund hält eine Bäuerin eine Kuh, aufgenommen 2004 bei Würzburg. (picture-alliance / dpa/dpaweb/Karl-Josef Hildenbrand)Die EU-Agrarpolitik kurbelt mit Subventionen die Produktion an, so dass schon seit den 70er-Jahren Überschüsse entstehen. (picture-alliance / dpa/dpaweb/Karl-Josef Hildenbrand)

Die Erträge auf den Äckern wachsen. Und wachsen. Die Selbstversorgung in der EWG ist bereits in den 70er-Jahren erreicht. Überschüsse entstehen, Butterberge und Milchseen. Sie werden mit Hilfe von Exportsubventionen auf dem Weltmarkt verkauft. Die Bauern aber produzieren immer mehr.

"Im Grunde genommen waren die Preispolitiken der EU ein Anreiz, tendenziell mit dem Düngungsniveau, mit dem Pflanzenschutzniveau zu hoch zu gehen, und einfach zu versuchen, die letzte Tonne Getreide auch noch aus einem Acker rauszukitzeln. Mit entsprechenden Nebenwirkungen auf die Umwelt, die natürlich aus Sicht der Gesellschaft überhaupt nicht gewünscht sind." 

Die erste Inventur des deutschen Ackerbodens

Berlin, Unter den Linden, Humboldt-Universität. An der Fassade hängt ein Transparent: "Jahrestagung der Gesellschaft für Pflanzenbauwissenschaften". Drei Tage lang diskutieren Wissenschaftler über die "Agrarlandschaften der Zukunft". Auch Dr. Anna Jacobs ist dabei. Sie leitet die Stabsstelle "Boden" am Thünen-Institut und hat eine dicke Studie im Gepäck

"Ja, das ist ein erstmaliger Bericht, aber hoffentlich kein einmaliger. Das ist der Bericht der ersten Bodenzustandserhebung Landwirtschaft in Deutschland."

Gut die Hälfte der Fläche der Bundesrepublik wird heute landwirtschaftlich genutzt.

Die "Bodenzustandserhebung Landwirtschaft" ist die erste Inventur des deutschen Ackerbodens: 25 Autorinnen und Autoren, 10 Jahre Forschung, 3104 Beprobungspunkte im acht mal acht-Kilometer-Raster, alle Acker- und Grünlandböden Deutschlands – ein Mammutprojekt.

"Das, was mich persönlich letztlich doch überrascht hat, dass in landwirtschaftlich genutzten Böden so viel mehr Kohlenstoff gespeichert ist."

Fruchtbarkeit der Böden sinkt

Landwirtschaftlich genutzte Böden sind mit Abstand der größte Speicher für organischen Kohlenstoff in Deutschland. 2,5 Milliarden Tonnen sind im oberen Meter Ackerboden eingelagert. Doch Jahr für Jahr sinkt der Kohlenstoffgehalt im Boden – und damit die Fruchtbarkeit. Denn der Humus besteht zu 58 Prozent aus Kohlenstoff.

Anna Jacobs blättert in der Studie und zeigt auf eine Seite – eine Karte mit den Umrissen der Bundesrepublik, gesprenkelt mit kleinen Quadraten. Viele dunkelbraune und braune, weniger beige und sandfarbene. Jedes Quadrat ein Messpunkt für den Humusgehalt.

"Und hier sieht man sehr gut, wie variabel das ist in Deutschland. Wir haben Böden mit unter 30 Tonnen pro Hektar, aber auch Böden mit über 90 Tonnen pro Hektar und ich kann ihnen sagen, hier im Nordwesten, die Region wo wir viele Moorböden, organische Böden haben, da sind auch Böden dabei mit über 500 Tonnen pro Hektar."

Jungpflanzen auf einem Feld in Brandenburg, aufgenommen im Mai 2019 (picture alliance / Andreas Franke)Jahr für Jahr sinkt der Kohlenstoffgehalt im Boden – und damit die Fruchtbarkeit. (picture alliance / Andreas Franke)

Anhand alter Aufzeichnungen an einzelnen Standorten kann man sehen: Seit mehr als 100 Jahren sinkt durch die Bearbeitung der Humusgehalt der Ackerböden, teilweise ist die Fruchtbarkeit um mehr als die Hälfte zurückgegangen. Eine Modellrechnung der Thünen-Wissenschaftler zeigt, dass unsere Ackerböden im Schnitt 190 Kilogramm Humus pro Hektar und Jahr verlieren.

"Wenn wir daran denken, wir haben einen kontinuierlichen Verlust von Kohlenstoff aus Böden und wir wollen vielleicht eigentlich eine kontinuierliche Anreicherung erreichen, müssen wir auch erstmal diesen Verlust überwinden."

Zeitenwende auf dem Acker wird kommen

Humus wieder aufzubauen ist langwierig und kompliziert. Die Folgen des Humusverlustes für die Landwirtschaft aber sind dramatisch. Denn die mangelnde Bodenfruchtbarkeit lässt sich mittlerweile kaum noch mit synthetischem Dünger ausgleichen. 

"Jahrelang war es möglich, Erträge immer weiter zu steigern, durch immer intensivere Produktionsverfahren, was den Einsatz von Düngemitteln und Pflanzenschutzmitteln angeht. Das wird in Zukunft nicht mehr möglich sein."

Prophezeit Professor Timo Kautz. Darauf bereitet er auch seine Studenten und Studentinnen vor. Eine Zeitenwende auf dem Acker. Kautz unterrichtet Pflanzenbau am Albrecht-Daniel-Thaer-Institut der Humboldt-Universität. Lange Zeit dominierten Pflanzenzucht, Dünge- und Pflanzenschutzmittel die Ausbildung. Nun rückt der Ackerboden wieder stärker in den Mittelpunkt.

"Ich denke, dass die Biologie, besonders die Bodenbiologie, noch sehr viel Potenziale bereithält, die wir bis heute noch nicht richtig nutzen. Die Bodenbiologie ist eigentlich immer noch eine vergleichsweise junge Disziplin. Und dass ich mir sicher bin, dass wir, wenn wir die Biologie des Bodens besser verstehen, auch Anbausystem entwickeln können, die mehr die biologischen Prozesse des Bodens nutzen und so auch tragfähiger werden, für die Zukunft."

Politik trifft auf Komplexität des Ackerbaus

Natürliche Potenziale nutzen. Mit modernen Mitteln. Nicht immer funktioniert das spannungsfrei, weiß Kautz. Und manchmal ist es für Landwirte frustrierend. Denn auch gutgemeinte politische Ansätze können auf dem Acker schwerwiegende Folgen haben. Zurzeit sind vor allem die Landwirte besorgt, die ihren Boden Humus-schonend, ohne Pflug bearbeiten.

"Er hat ein Bewirtschaftungsverfahren gewählt, das im weiteren Sinne ein Plus bringt für Umweltschutzaspekte. Wenn er das getan hat, wird er sich aber wahrscheinlich ebenfalls entschieden haben, ein Totalherbizid einzusetzen, weil er durch den Verzicht auf den Pflug diese unkrautvernichtende Wirkung des Pfluges nicht mehr hat. Wenn jetzt auf einmal aufgrund von neuen Regularien die Einsätze von Totalherbiziden nicht mehr gestattet sind, was macht der Landwirt dann?"

Pflug pflügt Feld (picture alliance/imageBROKER/Frank Röder)Der Pflug beschädigt die Bodenstruktur und beschleunigt den Humusabbau. (picture alliance/imageBROKER/Frank Röder)

Viele Landwirte werden dann wieder den Pflug einsetzen. Und so die Bodenstruktur schädigen. Und den Humusabbau beschleunigen. Das Beispiel zeigt, welche Wechselwirkungen bei einer künftigen Ackerbaustrategie zu berücksichtigen sind.

"Die Herausforderungen vor denen wir jetzt stehen, im Sinne eines gesellschaftlichen Umbruchs, im Sinne von ganz neuen Anforderungen an die Landwirtschaft, die gestellt werden, im Sinne von: Wir wollen mehr Bodenfruchtbarkeit, wir wollen mehr Biodiversität, die stellen den einzelnen Landwirt wirklich vor riesige Herausforderungen. Denn man kann so ein System von heute auf morgen nicht umstellen." 

Agrarsubventionen verschlingen EU-Budget

"Die Mitgliedstaaten haben eigentlich durch die 80er-Jahre hin festgestellt, dass durch die hohen Exportsubventionen der EU-Haushalt teilweise völlig außer Kontrolle geraten ist."

Erst die Produktion auf dem Acker ankurbeln, dann den Export der Überschüsse subventionieren. Das konnte auf Dauer nicht funktionieren, sagt Agrarökonom Sebastian Lakner. Der Agrar-Etat verschlang bald 70 Prozent des EU-Budgets. 1991 wagte der irische Agrar-Kommissar Ray Mac Sharry den ersten Reformversuch. Er senkte die Garantiepreise um bis zu 30 Prozent.

"Und das war die Idee, dass man sagt: Wir rechnen aus, was ist der Verlust eines typischen Betriebes, und wir zahlen das nicht mehr über den Preis, sondern über eine sogenannte Direktzahlung."

Fortan wird jeder Hektar unterstützt, nicht jeder Doppelzentner. Eine sogenannte gekoppelte Ausgleichszahlung. Garantiepreise runter, Flächenzahlungen rauf – daran müssen sich die Landwirte in den 90er-Jahre orientieren.

"Bisschen sehr rustikal sozusagen."

Sojabohnenanbau als Experiment

In Zinzow startet Marco Gemballa seinen dunkelgrünen Pick-up und rollt vom Betriebsgelände der Agrargesellschaft. Der Geländewagen schaukelt über das Kopfsteinpflaster der Kreisstraße im Nordosten Mecklenburg-Vorpommerns.

Gleich hinter dem Ortsausgangsschild erstrecken sich die Flächen der Agrargesellschaft. 600 Hektar Acker- und 150 Hektar Grünland. Auf riesigen Schlägen wachsen hier Mais, Raps, Winterweizen, Wintergerste, Zuckerrüben, Durum-Hartweizen und Ackerbohnen. Für den Verkauf und für die eigene Biogasanlage.

"Dahinter stehen Sojabohnen, das was noch nicht geerntet ist, was so grün-braun aussieht."

Es ist Anfang September, Gemballa und seine Kollegen sind mitten in der Ernte.

Am Abend zuvor hat es geregnet. Acht Millimeter, nicht viel. "Man wird bescheiden", sagt der Landwirt. Die elf Hektar Sojabohnen sind da ein Experiment.

"Wir haben hier einfach das Problem, dass unsere bisherigen Kulturarten mit der Hitze einfach nicht klarkommen, insbesondere sage ich jetzt mal: Winterraps, Ackerbohnen, Erbsen, wenn die 28 Grad haben, dann ist für die Feierabend. Und die Sojabohne, die kann 33, 35 Grad ab, da passiert noch gar nichts."

Gemballa hat den Pick-up am Rande eines Feldes geparkt. Es wuchert hüfthoch, auf sechseinhalb Hektar – Unkraut, nennt das der Laie. Der Landwirt sieht das anders.

"Das hier ist Fenchel, zum Beispiel, dann haben wir hier Malven, das hier ist Steinklee, gelber und weißer Steinklee, dann haben wir hier Kornrade, Lichtnelke, Wegwarte auch, ja."

Naturschutz: Neue Erfahrungen für den Landwirt

Im Frühjahr 2018 hat Marco Gemballa die Brachfläche mit 20 verschiedenen Wildarten angesät. Die Biodiversitätsfläche war nicht allein seine Idee. Die Agrargesellschaft ist einer von bundesweit zehn Demonstrationsbetrieben des FRANZ-Projekts. FRANZ bedeutet "Für Ressourcen, Agrarwirtschaft & Naturschutz mit Zukunft". Ein Projekt der Umweltstiftung Michael Otto gemeinsam mit dem Deutschen Bauernverband. Dabei werden Naturschutzmaßnahmen entwickelt, die effizient, praxistauglich und wirtschaftlich tragfähig sind.

"Als Landwirt ist man ja gewohnt auch eingreifen zu wollen oder einzugreifen und die Kulturpflanzen zu befördern und zu hegen und zu pflegen, das ist ja das, was wir auf dem Acker tun und wenn dann hier im ersten Jahr auf dem Acker nur Melde wächst, dann denkt man als Landwirt, naja, das ist ja total danebengegangen und siehe da: In diesem Jahr sieht das alles ganz anders aus und das ist natürlich auch eine Erfahrung, die habe ich bisher als Landwirt so ja noch gar nicht haben können."

Porträt von Marco Gemballa (Grenzgänger/Anja Schrum)Bezahlte Biodiversität – Marco Gemballa ist Teilnehmer am FRANZ-Projekt. (Grenzgänger/Anja Schrum)

Der Natur ihren Lauf zu lassen – das musste der Landwirt erst lernen. Die Fläche hier habe sich dafür angeboten, sagt der 44-Jährige.

"Hier angrenzend haben wir auch so eine Art Biotop, da ist ein Kleingewässer drin und alte Bäume, Gehölze, Hecke und so fort und das ist hier ein ganz schöner Biotopverbund. Und wie gesagt, von der Bewirtschaftung ist das mit unseren großen Maschinen noch relativ schwierig diese Fläche hier in Schuss zu halten und deswegen haben wir gesagt: Das bietet sich hier einfach an, eine Biodiversitätsmaßnahme zu machen."

Ein Feldversuch – auch für eine zukünftige Ackerbaustrategie.

Die Politik lässt die Bauern warten

"Um den Landwirten zu sagen, wo es hingeht, was sind die Herausforderungen, um sie auch zu begleiten, aber um auch der Gesellschaft zu sagen, wir sind sensibel, wir reagieren auf Dinge, über die wir vielleicht vor 20 Jahren noch nicht gesprochen haben."

Sagt Dr. Hermann Onko Aeikens, Staatssekretär im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Derzeit beschäftigen sich hier die Fachleute mit der künftigen Ackerbaustrategie. Beschlossen im Koalitionsvertrag, war sie bereits für das Frühjahr 2019 angekündigt worden. Ob Artenvielfalt oder Grundwasserschutz, Klima- oder Bodenschutz – die Lage ist in vielen Fällen eindeutig – eindeutig schlecht. Nun soll gegengesteuert werden.

"Ich glaube, es gibt eine ganze Reihe von Themen, wo man selbstkritisch auch aus Sicht der Politik sagen muss, die hätten wir vielleicht schon etwas eher in Angriff nehmen müssen. Ich denke da mal an das Stichwort Nitrat und an die Diskussion, die wir mit der europäischen Union haben. Schließlich sprechen wir über die Umsetzung von einer Nitratrichtlinie, die von 1991 stammt."

Zum Nitrat-Rapport nach Brüssel – das ist seit Jahren ein agrarpolitischer Gang nach Canossa. Mittlerweile drohen – wegen mangelnder Umsetzung der Richtlinie – 850.000 Euro Strafzahlungen pro Tag.

"Und es ist nicht schön, wenn man in Brüssel verhandelt und einem vorgehalten wird, was andere Mitgliedstaaten geleistet haben. Und man darauf wartet, dass Deutschland die Umsetzung auch etwas energischer anpackt. Hier geht es schließlich um den Schutz eines sehr wichtigen Gutes, nämlich unseres Grundwassers."

Politik als Vermittler?

Der Druck kommt von allen Seiten. Entsprechend groß sind die Erwartungen an die Ackerbaustrategie. Die aber wird wohl erst Ende des Jahres vorgestellt werden. Kein Problem, findet Aeikens. Schließlich würden Schritt für Schritt bereits einzelne Programmpunkte abgearbeitet. Etwa mit dem "Aktionsprogramm Insektenschutz", das die Regierung Anfang September beschlossen hatte.

"Auch das Klimapaket beinhaltet agrarische Elemente. Das heißt, dass wir diese Arbeiten, die in die Ackerbaustrategie einfließen, vorher gemacht haben, macht die Ackerbaustrategie wertvoller."

Doch bereits jetzt ist ein politischer Spagat absehbar. Hier die skeptische Öffentlichkeit, da die beunruhigten Landwirte. Hier die Umweltverbände, da der Bauernverband. Schon im Vorfeld ist der Ton ist rauer geworden. Auch zwischen Bauern-Funktionären und Ministeriums-Vertretern. Als die Agrarverbände 2018 ihre "Zukunftsstrategie Ackerbau" vorstellten, war auch Aeikens dabei. Und stellte anschließend klar: Das reicht nicht.

"Wir werden die Umweltaspekte stärker mit einbeziehen, wir werden die Klimaaspekte stärker mit einbeziehen. Das heißt, was von den berufsständischen Organisationen geleistet worden ist, ist ein Element, aber eben nur ein Element."

Die Klagen des Bauernverbandes

"Schauen sie die Diskussion an über Biodiversität und Artenvielfalt, und über die Insekten und über den Klimawandel. Und wir haben natürlich den Eindruck, dass es Akteure in der Diskussion gibt, die Landwirtschaft als Quell allen Übels ausmachen. Und die natürlich sagen, wir müssen die Landwirtschaft einschränken, wir müssen die Landwirtschaft stoppen."

Klagt Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes. Der DBV ist in der Defensive. Mit der Vorstellung einer eigenen Ackerbaustrategie wollte man sich die Diskussions-Hoheit sichern. Oder – wie Bernhard Krüsken sagt: "Eine Ackerbaustrategie ohne ackerbaulichen Sachverstand soll es nicht geben."

Doch die Vorschläge reichten bei weitem nicht aus. Die Bundesregierung setzte auf den eigenen Sachverstand. Und präsentierte zum Beispiel ihr "Aktionsprogramm Insektenschutz". Es sieht unter anderem Spritzverbote in Schutzgebieten vor, bearbeitungsfreie Randstreifen an Gewässern und ordnungsrechtliche Kontrollen. Ein Schock für die Agrarlobbyisten.

"Weil wenn jetzt die Keule des Ordnungsrechts kommt, dann sagen die Landwirte, ich mache das jetzt nicht mehr. Ich gehe auch keine freiwilligen Maßnahmen mehr ein. Also das ist ein Rückschlag für kooperativen Naturschutz, das ist das Problem, und das ist toxisch, toxisch in wirtschaftlicher Hinsicht. Und auch toxisch für die Zusammenarbeit von Landwirtschaft und Naturschutz."

Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands (DBV), fotografiert auf dem Deutschen Bauerntag 2018 im RheinMain CongressCenter (RMCC) in Wiesbaden (picture alliance/Arne Dedert/dpa)Bernhard Krüsken vom Deutschen Bauernverband klagt, viele würden die Landwirtschaft als Quell allen Übels ausmachen. (picture alliance/Arne Dedert/dpa)

Die agrarpolitische Atmosphäre scheint vergiftet. Die Landwirte sind beunruhigt. Und verunsichert.

"Wir haben im Augenblick relativ viel zu tun, das Düngerecht umzusetzen, das haben wir seit 2017, das fordert die Betriebe sehr stark. Wir haben diese Diskussion um die Flächen, um Einschränkungen aus einem "Aktionsprogramm Insektenschutz" und wir haben natürlich Diskussionen auf der anderen Seite mit unseren Marktpartnern und den Lebensmittelhändlern. Und diese Melange verursacht natürlich nicht nur Emotionen, sondern eine ganz konkrete Sorge, wie plane ich meinen Betrieb, für die nächsten 10 bis 15, 20 Jahre und wie ist die ökonomische Perspektive."

Die ersten EU-Schritte zu mehr Umweltschutz auf dem Acker

"Und Fischler kam jetzt mit der Idee, dass wir diese ganzen Direktzahlungen einfach pauschal pro Hektar zahlen. Egal was der Landwirt auf einem Hektar anbaut. Und Landwirte hatten sogar das Recht zu sagen, wir bauen gar nix an auf einem Hektar. Und das war natürlich ein riesiger Schritt." 

2003 entkoppelte EU-Agrarkommissar Franz Fischler endgültig die Subventionen von der Produktion, sagt Agrarökonom Sebastian Lakner. 

"Der Landwirt wusste, ich bekomme meine round about 300 Euro pro Hektar, egal was ich mache, auch wenn ich nichts anbaue, also gucke ich einfach, was sind Marktpreise, was sind Erträge, wie passt das mit meinem Betrieb zusammen."

Besonders Großbetriebe und Agrarkonzerne profitieren von dieser Flächenprämie. Das verschärft den Wettbewerbsnachteil vieler kleiner und mittlerer Betriebe. Für alle aber gilt: Seit der Fischler-Reform wird auch Umweltschutz auf dem Acker gefordert.

"Dass man gesagt hat, in dem Moment, wo ein Landwirt Direktzahlungen erhält, eine Einkommensbeihilfe erhält, muss er auf der anderen Seite versprechen, dass er sich an alle Umweltregeln hält. Das sogenannte Cross-Compliance. Das heißt, in dem Moment, wo ich etwas vom Staat erhalte, muss ich die grundsätzlichen Regeln, das sogenannte Ordnungsrecht einhalten."

Doch das reichte offenbar nicht, um die Natur zu schützen. Studien aus den letzten Jahren ziehen eine verheerende Bilanz, sagt Dr. Christine Tölle-Nolting vom Naturschutzbund Deutschland.

"Dass wir Arten verlieren, wir verlieren Insekten, wir verlieren Vögel und wir verlieren aber auch fruchtbare Böden und so wird es auch für die Landwirtschaft schwierig und da soll jetzt eine Ackerbaustrategie helfen, diese Probleme zu lösen, das ist so die politische Idee."

Wissenschaftler für zehn Prozent nicht produktive Agrarflächen

Doch noch wartet die NABU-Expertin auf die Strategie aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium. Die Vorschläge des Deutschen Bauernverbandes dagegen hat sich die Referentin für Agrarpolitik genau durchgelesen. Bodenfruchtbarkeit verbessern, Treibhausgase reduzieren, Biodiversität schützen – auf den ersten Blick alles gut und richtig.

"Aber wenn man es dann in die Tiefe liest, sieht man gerade im Pestizid-Kapitel, dass das steht: Wir brauchen mehr Pestizide. Wir müssen eine vereinfachte oder veränderte Zulassungspraxis haben, damit wir schneller neue Pestizide bekommen. Wenn man es also im Detail liest, steht da eigentlich nichts von Pestizid-Reduktion mehr drin." 

Ein anderes Beispiel: Die Biodiversität. In der Ackerbaustrategie des DBV ist zu lesen: "Bereits heute erbringen die Landwirte in ihren Betrieben Leistungen zur Förderung der Biodiversität".

Dann folgt eine Aufzählung: Ökologische Vorrangflächen, Agrarumweltprogramme, Landschaftselemente bis hin zu Nistkästen.

"Wenn man sich diese Vorrangflächen aber anschaut, sind es häufig Zwischenfrüchte, die einfach zur guten landwirtschaftlichen Praxis dazugehören oder es sind Leguminosen, also Linsen oder Erbsen, die für die Biodiversität eigentlich nicht viel bringen. Wenn man das durchrechnet haben wir ungefähr 2,3 Prozent Flächen, die überhaupt für die Biodiversität da sind, in der landwirtschaftlichen Fläche, in der Kulisse und das ist natürlich viel zu wenig."

Unterschiedliche Wildblumen blühen auf einem Ackerrandstreifen in Lietzen im Landkreis Märkisch-Oderland in Ostbrandenburg, aufgenommen im Juni 2019 (picture alliance/Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB)Nicht produktive Fläche, das sind richtige Brachen, Hecken, Kleingewässer – und standortangepasste Blühstreifen. (picture alliance/Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB)

Wissenschaftler fordern mindestens zehn Prozent nicht produktive Fläche, um Biodiversität zu fördern, sagt die Naturschutzexpertin. Das wären dann aber richtige Brachen, Hecken, Kleingewässer und standortangepasste Blühstreifen. Viele Landwirte wären dazu durchaus bereit. Das belegt auch eine Forsa-Umfrage im Auftrag des NABU, die im Frühjahr 2019 veröffentlicht wurde.

"Die uns zeigt, dass über 60 Prozent der Landwirte sich nicht mehr gut vom Bauernverband vertreten fühlen und gerne mehr für Umwelt und die Natur machen würden, wenn es entsprechend entlohnt würde."

Entlohnung der Bauern für Umweltleistungen

Doch unter den derzeitigen Rahmenbedingungen bleibt vielen Landwirten offenbar nur eins: Weiter machen wie bisher. Mehr Dünger, mehr Pestizide, mehr Ertrag. Tölle-Nolting stammt aus der Landwirtschaft, sie kennt die Sorgen, die viele Familien drücken.

"Sie haben so viel investiert oft, sie haben so teure Maschinen, sie haben hohe Kredite und haben das Gefühl, dass sie jetzt intensiv wirtschaften müssen, um diese Kredite bedienen zu müssen und dann muss man natürlich versuchen, dass man von dem Acker möglichst viel runterbekommt, um diesen Kredit bezahlen zu können. 

Da würde es natürlich helfen, wenn im Rahmen einer Ackerbaustrategie die Naturschutzleistungen entlohnt würden.

Naturschutz und Landwirtschaft zusammen möglich 

Marco Gemballa bahnt sich einen Weg durch Fenchel, Wegwarte und Steinklee. Der Landwirt ist mit 40 seiner 600 Hektar Ackerland bei dem Naturschutzprojekt FRANZ dabei. Er hat Extensiv-Getreide ausgesät. Mitten in einem riesigen Maisschlag, um gute Bedingungen für Feldvögel zu schaffen. Die Feldlerche etwa habe massiv zugenommen, berichtet der Landwirt.

"Wir haben teilweise neun Brutpaare auf einem Hektar, auf 10.000 Quadratmetern, also das sind sehr, sehr hohe Dichten an Brutpaaren von Feldlerchen. Bei Braunkehlchen zum Beispiel, das ist eine Rote-Liste-Art, haben wir seit 2018 auch feststellen können, dass die neuerdings hier brüten, das hat‘s vorher hier nicht gegeben." 

Der Preis für Artenvielfalt muss verhandelt werden

Im FRANZ-Projekt arbeitet Marco Gemballa eng mit einem Vertreter des Naturschutzbundes zusammen. Dieser berät und begutachtet die ökologische Wirksamkeit der Maßnahmen. Ein weiterer Erfolg des Projekts: Die langsame Wiederannäherung von Landwirtschaft und Naturschutz.

"Ja, es sind leider ja von beiden Seiten, will ich mal sagen, starke Fronten aufgebaut worden zwischen Naturschutz und Landwirtschaft und da weiß ich nicht, was Huhn oder Ei gewesen ist. Letztendlich ist es einfach so, dass es so nicht weiter geht. Es geht nur miteinander, wenn wir Probleme lösen wollen, müssen wir gemeinsam Wege finden."

Das FRANZ-Projekt wird auch vom Bundeslandwirtschafts- und vom Bundesumweltministerium unterstützt. Marco Gemballa werden die Naturschutz-Maßnahmen bezahlt. Und nicht nur der Ertragsausfall entschädigt. Das Projekt weckt deshalb auch das Interesse seiner Kollegen.

"Man hat hier kein Ertragsrisiko und wir haben auch nicht das Risiko, dass die Preise an den Weltmärkten – da verkaufen wir halt unseren Raps und unseren Weizen und unseren Zucker – da haben wir keine Abhängigkeit und das ist ein Stabilitätsfaktor fürs Unternehmen und das würden Landwirte auf jeden Fall machen."

EU eröffnet Spielraum für nationale Ackerbaustrategie

"Das erste Thesenpapier wurde Ende 2017 von der Kommission veröffentlicht. Und da war auf einmal innerhalb der Ziele der Agrarpolitik überall Nachhaltigkeit zu finden."

Wieder einmal soll die EU-Agrarpolitik reformiert werden. Kommissar Phil Hogan, versprach die Landwirtschaft nachhaltiger zu machen. Und den Mitgliedsstaaten mehr Handlungsspielräume zu geben.

"Und hat deswegen gesagt: ‚Liebe Mitgliedstaaten. Wir machen das anders. Wir, die Kommission, geben den Mitgliedsstaaten mehr Freiheiten, mehr Flexibilität, die Elemente, die angeboten sind, auf eigene Weise zu interpretieren, umzusetzen und an die eigene Agrarstruktur anzupassen‘, was erstmal ein sinnvoller Gedanke ist." 

Doch es gibt ein Risiko: Wenn einzelne Länder die Produktion auf dem Acker intensiveren, während andere in den Naturschutz investieren. – In den nächsten Monaten werden in Brüssel die Weichen für die kommende Förderperiode gestellt. Fest steht: Es wird weniger Geld geben, aber mehr Möglichkeiten für den einzelnen Mitgliedstaat, es an seine Landwirte zu verteilen. Eine gute Voraussetzung für eine deutsche Ackerbaustrategie. Eine Riesenchance für die Agrarpolitiker, sagt Sebastian Lakner.

"Das heißt, also eine Bundesministerin Klöckner, die gemeinsam mit Svenja Schulze im Umweltministerium und den ganzen Länder-Kollegen, die Reform umsetzen müssen, die haben natürlich ganz andere Möglichkeiten jetzt. Und man kann jetzt natürlich noch einmal überlegen: Wo stehen wir? Wie kann man jetzt zum Beispiel noch einmal eine Ackerbaustrategie, eine Insektenstrategie, eine Klimastrategie auch über die gemeinsame Agrarpolitik abbilden? Und wie kann man Förderinstrumente so fördern, dass wir in diesen Bereichen endlich vorankommen."

Autoren: Anja Schrum und Ernst-Ludwig von Aster
Sprecherin: Nina West
Ton: Inge Görgner
Regie: Beatrix Ackers
Redaktion: Constanze Lehmann

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Blick auf die neue Synagoge Kaliningrads. (picture alliance / dpa / Tass / Yevgeny Grantyn)

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