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Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.07.2013

Rigoletto in der Sommerfrische

Der Auftakt des Festivals in Aix-en-Provence

Von Frieder Reininghaus

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Der georgische Bariton George Gagnidze als "Rigoletto" in der gleichnamigen Oper von Guiseppe Verdi in der Inszenierung von Robert Carsen beim Festival in Aix-en-Provence. (AFP / Boris Horvat)
Der georgische Bariton George Gagnidze als "Rigoletto" in der gleichnamigen Oper von Guiseppe Verdi in der Inszenierung von Robert Carsen beim Festival in Aix-en-Provence. (AFP / Boris Horvat)

Im Verdi-Jubiläumsjahr macht auch das Festival in Aix-en-Provence mit einer Oper des großen Komponisten auf. Robert Carsen versetzt in seiner "Rigoletto"-Inszenierung die Handlung in die Welt des Zirkus und schafft so die bislang stimmigste Verdi-Gedenkproduktion des Jahres 2013.

Die rundum gelungenen Neuproduktionen von Opern Giuseppe Verdis lassen sich bislang im Jubiläumsjahr 2013 an einer Hand abzählen. Jens-Daniel Herzogs "Don Carlo" in Mannheim zum Beispiel blieb erheblich hinter den Erwartungen zurück.

Der vom Bayerischen Staatsopernintendanten Nikolaus Bachler im Rahmen der Münchener Opernfestspiele mit La Fura dels Baus und dem Komponisten Moritz Eggert anberaumte Wettstreit zwischen Vagner (assoziiert mit Gehirn) und Werdi (mit Herz) dürfte als Peinlichkeit in die Annalen eingehen. Auf internationalem Parkett im engeren Sinne künstlerisch bemerkenswert erwies sich bislang nur die Überarbeitung einer älteren Grazer "Rigoletto"-Inszenierung durch Tatjana Gürbaca für das Züricher Opernhaus.

"Rigoletto" diente auch dem Festival d'Aix-en-Provence als Auftakt für die fünf Premieren des aktuellen Jahrgangs. Unmittelbar auf diesen als "unverwüstlich" geltenden Longseller folgte eine Neueinstudierung des von Dmitri Tcherniakow 2010 inszenierten "Don Giovanni" – alle wichtigen Partien waren, nicht durchweg zum Vorteil der Produktion, umbesetzt worden (Rod Gilfry zum Beispiel kann als Titelheld Bo Skovhus nicht das aristokratische Wasser reichen).

Die vor drei Jahren mit Louis Langrée als informelle historische Informanten aufgebotenen Musiker des Freiburger Barockorchesters wurde nun durch das unter Marc Minkowski im Karl-Böhm-Gedächtniston aufspielende London Symphony Orchestra ersetzt. Der historisch und literarisch kundige Robert Carsen widerstand der nahe liegenden Versuchung, die Geschichte vom Renaissance-Hofnarren in der Bunga-Bunga-Welt eines erst kürzlich zum Rückzug aus der Politik genötigten Finanzmagnaten anzusiedeln.

Carsen beorderte Rigoletto in eine von Radu und Miruna Boruzescu konzipierte und kostümierte Zirkuswelt, wie sie sich um 1830 – in der Entstehungszeit des der Oper als Vorlage dienenden Dramas von Victor Hugo – herausbildete. Die Zirkus-Arena blieb auch des Weiteren der Rahmen für die Tragödie des vereinsamten, egozentrisch verbohrten Rigoletto. Da die Freiluftbühne ihm Hof der Archevêché weder über eine Drehvorrichtung noch über eine nennenswerte Obermaschinerie verfügt, sind ohnedies nur kleinere Varianten in einem Einheitsbühnenbild möglich.

Das zirzensische Konzept geht auf: Gilda wohnt in einem schäbigen kleinen Zirkuswagen, entsteigt dort einem sichtlich zu klein gewordenen Kinderbett und versucht den Zudringlichkeiten der Vaterliebe auszuweichen; sie verliebt sich in der selbstreferenziellen Zirkuswelt in einen jungen Mann, der sich als Student ausgibt, aber der auf Pirsch nach erotisch-sexuellen Abenteuern herumschnuppernde "Direktor" ist. Das erscheint als sinnvolle Mutation der Figur des Herzogs.

Die russische Sopranistin Irina Lungu verkörpert als Gilda in Aix-en-Provence glaubhaft eine 15-Jährige und eine von allen Höflingen bewunderte Schönheit. Sie besticht nach gewissen Anfangsschwierigkeiten mit geschmeidigen Koloraturen, präzise platzierten Spitzentönen und angenehmer Befähigung zum Ensemble-Gesang.

Arturo Chacón-Cruz gibt den leichtfertigen jungen Monarchen mit erfreulicher Leichtigkeit. Da er nicht allzu groß gewachsen ist, ließ ihn Regisseur Carsen bei der von leicht bekleideten Damen animierten Party zu Beginn erst einmal von den Löwen-Podesten aus singen, um seine amtliche Würde zu erhöhen. Dieser Tenor ist ein Mann, dem man die Eroberungen auf Anhieb glaubt. Und zu diesem Typus schöner Männlichkeit passt auch, dass er sich im zweiten und dritten Akt mit der Gattin, Gilda und Maddalena zugleich etwas übernimmt, daher stimmlich forciert und leicht schwächelt.

Für den schärfsten Kontrast sorgt der markige Bariton George Gagnidze in der Titelpartie – als der vom Leben gebeutelte Chefberater in der nur bedingt komischen, bald so erkennbar tragischen Rolle.

Gagnidze verharrt bis zum bitteren Ende in der Varieté-Sphäre. Eine transparente zirzensische Lösung wurde auch für das Endspiel in Sparafuciles verlottert-verwunschenen Bewirtungsbetrieb am Stadtrand gefunden: Das Gast- und Hurenhaus wird durch dicke Seile und Strickleitern angedeutet, die von einem in luftiger Höhe lauernden Trampolin vor der herzoglichen Zirkusloge herunterhängen.

Die Szenen der eklatanten doppelten Untreue des Herzogs, der Mordvorbereitungen, des nächtlichen Unwetters und der absichtsvollen Verwechslung des Opfers begleitet das London Symphony Orchestra genau und engagiert. Gianandrea Noseda versteht die Nuancen wie die deftigen Effekte der Verdischen Musik unter den besonderen Open-Air-Bedingungen zu nutzen. So ergibt sich die bislang stimmigste der Verdi-Gedenkproduktionen des Jahres 2013.

Guiseppe Verdi: Rigoletto
Aufführung beim Festival in Aix-en-Provence
Regie: Robert Carsen
Musikalische Leitung: Gianandrea Noseda

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