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Lesart | Beitrag vom 25.10.2018

Richard Sennett: „Die offene Stadt“Besondere Orte schaffen

Von Michael Opitz

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Das Cover von Richard Sennetts Buch "Die offene Stadt". Im Hintergrund ist eine bunt angemalte Straße in Vancouver zu sehen. (Hanser Berlin / Unsplash Aditya Chinchure)
Autor Richard Sennett plädiert für die Schaffung von Orten mit einem besonderen Charakter. (Hanser Berlin / Unsplash Aditya Chinchure)

Wenn Städte auf dem Reißbrett entworfen oder verändert werden, kann das ziemlich schief gehen. In seinem neuen Buch plädiert Soziologe Richard Sennett für eine offene Stadt, die Gebautes und Gelebtes in Einklang bringt. Auch die Stadtbewohner seien gefordert.

Die neuen Eliten bewohnen die Transiträume. Das versetzt sie in die Lage, aus der Ferne und zugleich ohne jedwede Empathie beobachten zu können, wie sich die großen Städte – der Lebensraum der Masse – entwickeln. Eben diese Masse der Städtebewohner dagegen ist es, welche jede Veränderung des großstädtischen Lebens und jeden Eingriff in den Stadtkörper ganz unmittelbar erfährt. Nähe und Ferne, Intimität und Distanz in Bezug auf die Stadt sind seit fast fünf Jahrzehnten entscheidende Fragen, mit denen sich der 1943 geborene amerikanische Soziologe Richard Sennett auseinandersetzt. Wegweisend war sein 1974 erstmals und 1986 in deutscher Übersetzung publiziertes Buch "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität".

Panorama von Paris mit dem Eifelturm. (Unsplash / Celvin Purnama)Panorama von Paris mit dem Eifelturm. (Unsplash / Celvin Purnama)
In seinem neuen Werk "Die offene Stadt" geht es Sennett um eine städtische Lebenswirklichkeit, zu der Nähe und Vertrautheit gehören sollten. Doch ein von Mauern umgrenzter enger städtischer Raum schwebt ihm dennoch nicht vor. Sennetts Idealstadt ist die gesunde, offene Stadt. An drei einschneidenden städtebaulichen Veränderungen, die in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in Paris, Barcelona und New York vorgenommen wurden, hinterfragt er die diesen Einschnitten zugrunde liegenden Ideen. In Paris ließ der Baron Haussmann einen Teil des mittelalterlichen Paris abreißen. Die breiten Boulevards, die daraufhin entstanden, bildeten die Voraussetzung dafür, dass sich Paris zu einer mobilen Stadt entwickeln konnte.

Begegnungsräume in den Städten

In Barcelona war es Ildefons Cerdà, der Wohnblocks nach dem Rasterprinzip (ein Block glich dem anderen) baute. Ihr charakteristisches Aussehen verdankten sie den abgeschrägten Ecken. So wurden aus viereckigen achteckige Wohnanlagen und an den Schrägen etablierte sich in Form von Cafés das gesellige öffentliche Stadtleben. Die Stadtplaner von New York wiederum waren der Ansicht, dass der Bau des Central Parks ein Begegnungsraum für Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe sein könnte.  

Panorama vom Central Park in New York. (Unsplash / Mohit Singh)Panorama vom Central Park in New York. (Unsplash / Mohit Singh)

Sennett zufolge wurde aber mit diesen Eingriffen nur unzulänglich auf die großstädtischen Herausforderungen reagiert. Denn weitgehend unberücksichtigt blieb dabei, wie sich das Leben der Bewohner in den Städten insgesamt organisieren ließ. Für Sennett aber geht es darum, Gebautes und Gelebtes – er verwendet die Begriffe ville und cité – miteinander in Einklang zu bringen. Versucht wurde es in Shanghai, das Ende des 20. Jahrhunderts ähnlich radikal umgebaut worden ist wie Paris im 19. Jahrhundert. Für Sennett ein Beispiel, wie man durch "schöpferische Zerstörung" einer Stadt ihre Geschichte nehmen kann. Fehler auf dem Reißbrett minimieren Lebensqualität, und sie lassen sich nur schwer korrigieren.

Pflanzenkübel für die Stadtkultur?

Letztendlich sind es die Städtebewohner, die sich den Herausforderungen, die von der gebauten und verwalteten Stadt ausgehen, zu stellen haben: Sie müssen, so sagt es Sennett, Wohnfertigkeiten entwickeln, ortskundig sein und mit Fremden umgehen können. 

Rosa angemalte Häuser in Barcelona. (Unsplash / Annika Ibels)Rosa angemalte Häuser in Barcelona. (Unsplash / Annika Ibels)

Der Vorwurf, er würde keine Möglichkeiten aufzeigen, wie sich die Stadt öffnen ließe, um das großstädtische Leben zu verbessern, kann dem Autor nicht gemacht werden. Er plädiert für die Schaffung von Orten mit einem besonderen Charakter. Ähnlich wie Texte, die mit Satzzeichen versehen werden, müssten sie sich durch Markierungszeichen auszeichnen. Er empfiehlt z. B. das Aufstellen von Bänken und Pflanzkübeln. Dass er dies ernst meint, ist eines der Probleme des Buches. Ein anderes: Sennett wiederholt sich. Viele seiner These und vor allem viele der angeführten Beispiele kennt man bereits aus seinen anderen Büchern. 

Richard Sennett: Die offene Stadt. Eine Ethik des Bauens und Bewohnens
Aus dem Amerikanischen von Michael Bischoff
Hanser Berlin 2018
400 Seiten, 32 Euro

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