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Buchkritik | Beitrag vom 24.09.2020

Richard Ford: "Irische Passagiere"Augenblicke, die das Leben umkrempeln

Von Nico Bleutge

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Buchcover "Irische Passagiere" von Richard Ford (Deutschlandradio/Hanser Berlin)
Vor allem die Ehe ist so etwas wie der Fluchtpunkt dieser Erzählungen. (Deutschlandradio/Hanser Berlin)

Es sind Anwälte oder Lehrerinnen, die Richard Ford in den Erzählungen "Irische Passagen" auf ihr Leben zurückblicken lässt. Eher nebenbei versuchen sie, zu verstehen, warum sie nicht ganz die Menschen geworden sind, die sie einmal sein wollten.

Wenn das Nachmittagslicht in einem veränderten Winkel durch die Fichten fällt, die Wolken riesig erscheinen und die Taglilien auf ihren Stängeln vertrocknen, hat in Maine der Herbst begonnen. Solche Zwischenzustände sind von jeher der Stoff, aus dem Richard Ford seine Literatur gewinnt. Mal geht der Schnee in Regen über, mal setzt die Abenddämmerung ein – und plötzlich ist die Landschaft für Momente so nah und fern zugleich wie das Bild, das man sich vom Leben gemacht hat, von den Liebsten und Freunden und von der eigenen Erinnerung.

Nachdenken über die Frage des Glücks

"Gute Entscheidungen ergeben nicht immer gute Geschichten", sagt eine der Figuren in Fords neuem Erzählungsband einmal. Auch klare Entscheidungen ergeben nicht immer gute Geschichten, könnte man hinzufügen. Und so schreibt Richard Ford Erzählungen, die von Andeutungen und kleinen Lücken leben, die Atmosphären aufspannen und ihre Figuren immer wieder über die Frage nach dem Glück nachdenken lassen, ohne dass sie im Mindesten die Idee einer Antwort im Kopf hätten.

Mit seiner Sprache tastet Ford, nicht immer klischeefrei, den Verfestigungen des Lebens nach, aber auch jenen feinen Rissen, die das Gefüge der Gewohnheiten aus dem Gleichgewicht bringen können.

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Oft sind die Figuren in der Mitte ihres Lebens, gut situierte Anwälte oder Lehrerinnen, die auf ihr bisheriges Leben zurückblicken. Eher absichtslos, wie nebenbei, versuchen sie zu verstehen, warum sie nicht ganz die Menschen geworden sind, die sie einmal sein wollten, oder warum ein Augenblick aus heiterem Himmel das ganze Leben umkrempeln kann.

So wie der Protagonist in der kleinen Erzählung "Überfahrt", unterwegs auf der Fähre von Wales nach Irland zu einem Termin bei seinen Anwälten, um die Scheidung abzuschließen. Die Passagiere erinnern ihn an Splitter aus seiner Vergangenheit, insgeheim hofft er, den Kontakt zu seinen Töchtern nicht zu verlieren – und bei alledem fürchtet er, seine komplette Lebenserfahrung könnte eine Lüge sein.

Die Ehe – das einzige echte Geheimnis

Überhaupt ist die Ehe so etwas wie der Fluchtpunkt der Erzählungen, vor allem in ihrer gescheiterten Form. Etwa in der Geschichte des Anwalts Sandy McGuinness aus New Orleans, der auf einem Meeting seine frühere Liebe wiedertrifft und nur durch Zufall nicht mit ihr auf dem Zimmer verschwindet und alles zerstört – was er sich aber als eigenen Verdienst anrechnet. Oder in der Erzählung von Peter Boyce, der nach dem Tod seiner Frau sein Leben sichtet und glaubt, das einzige echte Geheimnis sei die Ehe.

Dabei ist der deutsche Titel "Irische Passagiere" ein wenig irreführend. Denn auch wenn ein Teil von Fords Familie einst aus Irland in die USA kam und er selbst seine Sommer an der irischen Westküste verbringt, taucht irische Couleur meist nur als Beiwerk in den Erzählungen auf. Eher ist generell Zeitgeschichte anwesend, sei es die Wahl Bill Clintons zum Präsidenten, sei es der latente Rassismus, der nach dem Wirbelsturm "Katrina" in New Orleans sichtbar wurde.

"Sorry for Your trouble", wie der Band im Original heißt, trifft es besser. Hier ist das Moment des Unbestimmten gut eingefangen, das den Figuren innewohnt. Und das auch den Stil der Erzählungen ausmacht. "Irgendwie", "irgendetwas" oder "beinahe" sind Richard Fords Lieblingswörter, mit denen er seinen Lesern immer wieder wundersame Momente des Stillstands und der Offenheit schenkt.

Richard Ford: "Irische Passagiere. Erzählungen"
Aus dem Englischen von Frank Heibert
Hanser Berlin, Berlin 2020
288 Seiten, 22 Euro

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