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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.12.2016

Richard Flanagan: "Die unbekannte Terroristin" Im Netz der Terrorfahnder

Von Ursula März

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Der australische Schriftsteller Richard Flanagan (imago)
Der australische Schriftsteller Richard Flanagan (imago)

Nicht die rechtsstaatliche Unschuldsvermutung gilt in Zeiten allgemeiner Terrorgefahr und Angst, sondern der schiere Verdacht. Der australische Autor Richard Flanagan erzählt in "Die unbekannte Terroristin", wie sich die Schlinge um die Stripteasetänzerin Gina zusammenzieht.

Die Romane des 55-jährigen Australiers Richard Flanagan erreichen den hiesigen Buchmarkt mit einer gewissen Verzögerung, aber umso größerer Wirkung. Im vergangenen Herbst erschien "Der schmale Pfad durchs Hinterland" in deutscher Übersetzung, ein literarisches Meisterwerk über ein weithin unbekanntes Kapitel des Zweiten Weltkriegs, die Gefangenenlager des japanischen Militärs in Burma, in denen zahlreiche australische Soldaten bei mörderischer Zwangsarbeit zu Tode kamen.

Dass Flanagan ein gleichermaßen politisch hellhöriger wie ästhetisch überragender Autor ist, das zeigt auch der Roman "Die unbekannte Terroristin", der bereits im Jahr 2006 im englischen Original erschien, aber nichts von seiner zeitgeschichtlichen Aktualität verloren hat.

Sein Thema ist der islamistische Terror einerseits und die Angstreaktion der westlichen Welt seit 9/11 andererseits. Schauplatz des Romans ist Sydney, Hauptfigur eine junge Stripteasetänzerin namens Gina, die in der Bar, in der sie arbeitet, und auch in der Romangeschichte nur "die Puppe" genannt wird.

Tatsächlich ist ihre Rolle die einer Marionette, die zufällig in das Netz australischer Terrorfahnder, skrupelloser Boulevardjournalisten und öffentlicher Paranoia gerät und keine Chance hat, dem Verdacht, an einem geplanten Anschlag auf ein Fußballstadion beteiligt gewesen zu sein, zu entkommen.

Falsche Indizien und kollektive Hysterie

Bei einem Straßenfest lernt sie einen attraktiven Mann kennen, von dem sie nur weiß, dass er Tariq heißt. Sie folgt ihm in seine Wohnung, verbringt bei ihm die Nacht. Am nächsten Morgen ist er verschwunden. Kurz darauf sieht sie im Fernsehen Bilder einer Überwachungskamera, die Tariq und sie selbst beim Betreten des Hauses zeigen, in dem er wohnt. Die Falle schnappt zu, denn Tariq gilt als Attentäter des geplanten Anschlags.

Flanagan konstruiert den Fall wie einen Untersuchungsbericht, der Schritt für Schritt und aus unterschiedlichen Erzählperspektiven nachvollzieht, wie sich das Netz aus falschen Indizien, propagandistischen Interessen und kollektiver Hysterie immer enger um "die Puppe" zusammenzieht. Nicht die rechtsstaatliche Unschuldsvermutung gilt in Zeiten allgemeiner Terrorgefahr und Terrorfurcht, sondern der schiere Verdacht, so unbewiesen und gegenstandlos er auch sein mag.

Ohnmacht und Entrechtung

Nah am Genre des Politthrillers entfaltet der Roman eine politische Mentalitätsgeschichte, die sich keineswegs nur auf die australische Gesellschaft anwenden lässt, sondern auf jedes andere westliche Land der Gegenwart. Ginas Tragödie ohnmächtiger Kriminalisierung und Entrechtung könnte sich ebenso in Paris, Madrid, New York, London oder München abspielen.

Die sprachliche und stilistische Souveränität des australischen Schriftstellers bewährt sich vor allem bei der Darstellung unterschiedlichster Milieus. Flanagan kennt den zynischen Jargon sensationsgieriger Boulevardjournalisten, das Handwerk der Ermittler und das Geschäftsleben eines Stripteaseclubs. Dieses aus drastischer Nähe, aber in verlässlicher Distanz zum Pornografischen zu schildern, ist eine Gratwanderung, bei der nur ein brillanter Autor nicht abstürzt.

Richard Flanagan ist mit der "Unbekannten Terroristin" der nicht allzu häufige Fall eines Romans gelungen, bei dem sich literarischer Rang, thematische Brisanz und politische Bedeutung die Waage halten.

Richard Flanagan: "Die unbekannte Terroristin"
Aus dem Englischen von Eva Bonné
Piper Verlag, München 2016
330 Seiten, 22 Euro

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