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Lesart | Beitrag vom 26.07.2018

Richard David Prechts digitale VisionIrrweg zum Paradies

Simone Miller im Gespräch mit Joachim Scholl

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Der Philosoph und Autor Richard David Precht 2017 in Köln auf der 5. phil.COLOGNE (imago/Horst Galuschka)
Die Digitalisierung als Chance - so beschreibt Precht die großen Veränderungen, die auf uns zukommen (imago/Horst Galuschka)

Die Digitalisierung macht uns alle arbeitslos - dieses Horrorszenario zeichnet Richard David Precht in seinem neuen Buch. Er glaubt aber, eine Lösung zu haben: Das Grundeinkommen. Unsere Kritikerin Simone Miller meint, er mache es sich viel zu einfach.

Richard David Prechts "Jäger, Hirten, Kritiker" ist vor allem erst einmal ein Weckruf, meint Deutschlandfunk-Kultur-Redakteurin Simone Miller, und erst in einem zweiten Schritt eine Utopie. Precht argumentiert, dass die Digitalisierung – so wie wir sie aktuell erleben – vergleichbar sei mit der Ersten Industrialisierung, dem Übergang von der bäuerlichen zur Industriegesellschaft. Er geht davon aus, dass die Digitalisierung in den nächsten Jahrzehnten unsere gesamte Lebens- und Arbeitsform über den Haufen werfen wird. Und das zugunsten weniger Profiteure – allen voran die großen Technologie- und Kommunikations-Konzerne. Er warnt davor, dass wir im Digitalen noch weiter an Selbstbestimmungsrechten verlieren, er warnt vor Massenarbeitslosigkeit und vor noch größerer sozialer Spaltung.

Umbrüche als Chance

Und dann macht er in einem zweiten Schritt selbst einen Vorschlag. Er sagt nämlich: Große Umbrüche bedeuten auch immer eine Chance – nämlich die Chance der Gestaltung zum Besseren, die Chance auf Emanzipation. Wir müssen also diesen Zeitpunkt nutzen, um die Leistungsgesellschaft überwinden und eine Gesellschaft herbeizuführen, in der sich jeder frei von Geldsorgen entfalten kann. Und das Schlüssel-Tool für ihn ist dabei die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Das Grundeinkommen ist aus seiner Sicht das Werkzeug der Befreiung.

"Den Ansatz, die Digitalisierung und ihre Folgen ernst zu nehmen und ganz ernsthaft darüber nachzudenken: Wie wollen wir eigentlich arbeiten und leben? Wie könnten Alternativen aussehen zum Status quo und zu diesen drohenden Szenarien – diesen Ansatz finde ich wichtig, richtig und auch sympathisch", sagt Miller. "Trotzdem überzeugt mich Prechts Vorschlag rund um das Grundeinkommen und den Digital-Kapitalismus nicht."

Precht tue ein paar sehr wichtige Einwände viel zu nonchalant ab. So sei es sehr fraglich, ob es im Sinne der Allgemeinheit ist, den Sozialstaat abzuschaffen und es sei auch fraglich, ob tatsächlich alle die gleichen Chancen haben, sich frei zu verwirklichen mit so einem Grundeinkommen.

Autor mit Bestseller-Abo 

Dass das Buch trotzdem so erfolgreich sei, liege zum einen daran, dass 'Richard David Precht' draufstehe, sagt Miller. Er habe inzwischen eine Art Bestseller-Abo. "Nicht zu Unrecht", wie sie zugesteht. Er könne eben zwei Dinge: Thematisch einen Nerv treffen und packend schreiben.

"Ich glaube, dass er mit diesem Buch wirklich einen blinden Fleck trifft: Wir wissen alle gut, dass vieles so nicht weitergehen wird wie bislang; wie aber die Zukunft gestalten – dazu strotzt die Realpolitik nicht gerade an Ideen. Anders Precht, der macht einen konkreten Vorschlag. Und traut sich damit, was wir uns alle wieder mehr trauen sollten – Visionen zu spinnen."

Richard David Precht: "Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft"
Goldmann Verlag, 2018
288 Seiten, 20,00 Euro

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