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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 13.03.2015

Rheinland-PfalzDie Pioniere der Energiewende sind ernüchtert

Von Anke Petermann

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Ein Windrad dreht sich in der Nähe von Schönberg (Mecklenburg-Vorpommern). (Jens Büttner, dpa)
In Sachen Windräder geht in Rheinland-Pfalz trotz allem noch was, meint ein Juwi-Sprecher. (Jens Büttner, dpa)

Der Energiespezialist "Juwi" und Markus Mann mit seiner Ökostromfirma gehören zu den Pionieren der erneuerbaren Energien in Rheinland-Pfalz. Doch nicht alles hat sich für sie so entwickelt wie erhofft.

Windräder im rheinhessischen Hügelland, soweit das Auge reicht. Bei der Nutzung der Binnenwindkraft spielt Rheinland-Pfalz ganz vorn mit, und das hat auch etwas mit der offensiven Geschäftspolitik von "Juwi" zu tun, dem Pionierunternehmen des grünen Stroms. Etwa ein Drittel der 1500 Windräder im Land hat das Unternehmen dank intensivster Lobbyarbeit projektiert und gebaut. Juwi-Sprecher Felix Wächter deutet auf Windrad-Gruppen verschiedenster Größen, die man von der Unternehmenszentrale in Wörrstadt beim Blick Richtung Alzey, auf den Donnersberg und den Hunsrück sieht:

"Wenn Sie sich die Anlagen dort hinten anschauen, sind das Anlagen, die sind zehn, zwölf Jahre alt, also auch schon ein Fall fürs Repowering, also dass man sie ersetzt durch modernere, leistungsstärkere Anlagen. Die haben ne Nabenhöhe von 80 Metern, verglichen mit denen hier, mit einer Nabenhöhe von 139 Metern, das sieht man einfach auch schon die Entwicklung, die in den vergangenen zehn Jahren stattgefunden hat, und wenn wir uns noch neuere Modelle anschauen, die speziell fürs Binnenland konstruiert werden, dann geht der Trend dahin, noch höhere Nabenhöhen zu entwickeln, zu bauen, zu verbauen, einfach um in noch höhere Luftschichten hineinzukommen, in denen der Wind konstanter und stärker weht."

Denn genau das war das Problem der vergangenen, eher windschwachen Jahre: Die Binnenwindenergie blieb hinter den Ertragsprognosen zurück, Anleger murrten – keine gute Werbung für ein Unternehmen wie Juwi, das 2013 in die Krise gerutscht war. Erklärtes Ziel des Konzerns ist, die Prognosen mit laserbasierten Messungen zu präzisieren und damit die Investitionssicherheit zu erhöhen. Das Unternehmen hat sich dafür auch an einem Forschungsprojekt des Fraunhofer-Instituts für Windenergie- und Energiesystemtechnik beteiligt. Denn Binnenwind-Anlagen zu planen, zu bauen und zu betreiben, bleibt für den geschrumpften Grünstrom-Riesen Kerngeschäft. Auch im gut erschlossenen Rheinland-Pfalz geht noch was, meint Christian Hinsch, Chef der Unternehmenskommunikation. Und:

Bayern und Baden-Württemberg sind für uns zwei Märkte, die für uns viel Potential bieten. Wir sind neben unserem Heimatmarkt da zunehmen aktiv, haben gerade in Bad Mergentheim einen ersten Windpark gebaut, in Baden-Württemberg, haben mehrere Projekte in Bayern realisiert, haben in beiden Ländern Niederlassungen, das ist für uns sicherlich auch ein Zukunftsmarkt.

Der Solarmarkt lebt im Ausland

Der Solarmarkt in Deutschland dagegen ist tot, die Bundesregierung fuhr die Förderung immer weiter zurück. Trotz harter chinesischer Konkurrenz – für Juwi lebt der Solarmarkt im Ausland:

"Nachdem der Solarmarkt sich ja zum zweiten Mal in Folge mehr oder weniger halbiert hat und gerade das Segment große Freiflächenanlagen nahezu komplett auf Null herunter gefahren wurde, ist es für uns sehr wichtig, unsere Expertise, die wir im Solargeschäft haben, anderweitig einsetzen zu können, und da sind die Großprojekte, die wir in Südafrika, USA, aber auch in Südostasien und Australien gewinnen konnten, sehr wichtig."

Dass die Solarwende politisch so abrupt ausgebremst wurde, war wohl einer der Gründe dafür, dass Juwi in den vergangenen zwei Jahren fast die Puste ausgegangen wäre. Rund 500 der 1500 Arbeitsplätze musste der Konzern im vergangenen Jahr abbauen oder auslagern. Die Mehrheit übernahm mit 50,1 Prozent der Anteile der Mannheimer Energieversorger MVV. Zu schnelles Wachstum machten Branchenkenner dafür verantwortlich, dass das Vorreiter-Unternehmen letztlich seine Eigenständigkeit aufgeben musste, um sich vor der Pleite zu retten. Manche sprechen sogar vom Größenwahn der Pioniere. "Optimismus" nennt es Christian Hinsch.

"Dass wir 2012, als es die ersten Anzeichen dafür gab, dass der Solarmarkt in Deutschland zusammenbrechen wird, und das ist er dann ja auch, dass wir davon ausgegangen sind, dass wir aufgrund der Notwendigkeit der Energiewende das kompensieren können, durch neue Märkte im Ausland, durch mehr Windenergie in Deutschland, das hat sich so nicht bewahrheitet. Von daher sind wir in der Phase vielleicht zu optimistisch gewesen und waren auch sehr breit aufgestellt und mussten das in einem zweiten Schritt letztes Jahr anpassen."

Eine schmerzhafte Schrumpfkur, die einhergeht mit dem Abschied von Wasserkraft-, Geothermie-, und Bioenergieprojekten. Der Stromhandel wurde an die Naturstrom AG verkauft. Für die Holzpelletswerke wird noch ein Käufer gesucht.

Markus Mann, Familienunternehmer im Westerwald, sucht kein Holzpelletswerk, er hat eins.

Das Unternehmer-Gen liegt in der Familie

Daniel Rahn zeigt, wie zwei Hochdruckpressen die komprimierten Sägemehl-Röllchen von drei Zentimetern Dicke ausspucken. Der junge Ingenieur ist bei Markus Mann für technische Innovationen zuständig. Auf dem weitläufigen Werksgelände, zwischen Sägemehl-Halden und der "Absackanlage", in der Pellets in Säcke gefüllt werden, deutet Rahn auf zwei Silos:

"Rund 9000 Tonnen Lagerkapazität. Ein Viertel unserer Jahresproduktionsmenge können wir zwischenlagern, und das macht uns ziemlich wettbewerbsstabil."

Im Vogelsberg hat Markus Mann vor vier Jahren ein zweites Pelletswerk eröffnet. Auf knapp 80 Beschäftigte ist sein Unternehmen gewachsen. Auf eine spektakuläre Expansion ist der Mittelständler gar nicht aus. Das Holzwurm- und das Unternehmer-Gen liegen in der Familie:

"Mein Urgroßvater hat 1910 eine Drechselei gehabt, daraus ist ein Sägewerk entstanden, das der andere Teil der Familie heute betreibt."

...und das Mann mit dem Rohstoff für die Pellets beliefert.

"Das Holz hat mir immer am Herzen gelegen, wenn man aus dem Westerwald kommt sowieso. Das habe ich in Schweden und Österreich erstmals Ende der 90er gesehen und habe dann die erste Pellets-Fabrik gegründet 2001."

Die erste in Deutschland, heute eine von vielleicht siebzig. Der erste rheinland-pfälzische Windmüller war Markus Mann da schon – und Ökostrom-Lieferant. Wie die Juwi-Pioniere, so ist auch Pellets-Vorreiter Markus Mann ein überzeugter Grünstrom-Fan. Und wie die Rheinhessen, so ist auch er nicht glücklich mit der gedrosselten Energiewende. Eine gute Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes EEG müsste her, meint Mann, um der Stromwende einen Schub zu gegeben. Die Wende beim Heizen? Findet erst mal nicht statt, bedauert er.

"Es gibt rund 20 Millionen Heizanlagen, also Kesselgeräte in Deutschland, und 12,5 Millionen davon sind älter als 25 Jahre. Alle diese Oldtimer im Keller, die müssen raus, und da müsste es im Grunde eine Abwrackprämie für die Oldtimer geben."

Der Unternehmer weiß jedoch, dass solch ein Anreiz allein das Problem nicht löst. Denn die althergebrachten Öl- und Gasheizungen verkaufen sich leicht, innovative Modelle mit erneuerbaren Energien erfordern hingegen mehr Aufwand und mehr Knowhow, als manch ein Heizungsbauer zu bieten hat. Die Energiewende im Heizungskeller lässt auf sich warten. Die Solarwende findet im Ausland statt. Doch die leicht ernüchterten Pioniere in Rheinhessen und im Westerwald geben die Hoffnung nicht auf.

Mehr zum Thema:

Bayern und Baden-Württemberg - Gemeinsame Energiewende im Süden?
(Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 12.03.2015)

Vier Jahre nach Fukushima - Die mühsame deutsche Energiewende
(Deutschlandfunk, Informationen am Mittag, 11.03.2015)

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