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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.01.2014

Rheinland-PfalzDer Verlust der selbstbewussten Algerierin

Politischer Streit um Verkauf von Werken aus der "Kernsammlung Rau" durch UNICEF

Von Ludger Fittkau

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Mit der symbolischen Übergabe einer Reproduktion von Auguste Renoirs "Das Mädchen mit der Rose" vermachte der Arzt und Kunstsammler Gustav Rau2001 seine weltberühmte Sammlung alter und moderner Meister an UNICEF, die der Botschafter der Kinderhilfsorganis (dpa picture-alliance/ Norbert Fösterling)
Mit der symbolischen Übergabe einer Reproduktion von Auguste Renoirs "Das Mädchen mit der Rose" vermachte der Arzt und Kunstsammler Gustav Rau (rechts) 2001 seine weltberühmte Sammlung alter und moderner Meister an UNICEF. (dpa picture-alliance/ Norbert Fösterling)

Fast 800 Gemälde und Objekte hat der 2002 verstorbene Kunstsammler und Kinderarzt Gustav Rau im Laufe seines Lebens zusammengetragen. Darunter sind Meisterwerke von El Greco, Renoir und Cézanne, Liebermann oder Monet. Diese wertvolle Sammlung hat Gustav Rau dem Kinderhilfswerk UNICEF vermacht. Zugunsten von Kindern in Afrika darf es daraus Werke verkaufen – aber nicht alle. Weil UNICEF diese Vereinbarungen mit einem spektakulären Verkauf gebrochen hat, gibt es heftigen Streit im rheinland-pfälzischen Landtag.

Sie ist eine selbstbewusste Frau. Ihre Arme sind verschränkt. Der weiße Haar- Schleier der Muslimin verdeckt ihr Antlitz nicht, der Gesichtsausdruck ist entschlossen. Die Algerierin des Malers Jean-Baptiste Corot stammt aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Werk wurde nun gemeinsam mit einem weiteren Bild, der "Ansicht der Hermitage" von Camille Pissarro, für rund 16 Millionen Euro von UNICEF verkauft. An eine arabische Prinzessin, wie man hört. Das passt, könnte man denken, doch die Algerierin stammt aus der Kernsammlung des Gustav Rau. Und Rau verfügte in seinem Testament, dass diese Sammlung bis 2026 beisammenbleibt und öffentlich gezeigt wird - mit der Algerierin von Corot.

Das Arp-Museum Bahnhof Rolandseck bei Bonn bekam die Sammlung als Dauerleihgabe. Träger ist das Land Rheinland-Pfalz. Deshalb mischt sich nun Brigitte Hayn in den Vorgang ein. Sie ist kulturpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion im rheinland-pfälzischen Landtag:

"Weil wir uns eben sehr Sorgen machen, dass das Herz dieser Sammlung möglicherweise verkauft wird. Und das Arp - Museum einer möglichen Attraktion beraubt wird. Denn es liegt uns auch als CDU-Fraktion sehr, sehr am Herzen, dass das Arp - Museum weiterhin erfolgreich ist. Und auf diesem Weg weitermachen kann, den es eingeschlagen hat. Wir haben einen großen Zuwachs an Besucherzahlen verzeichnen können im vergangenen Jahr, Dank dieser Werke aus der Rau-Sammlung. Denken sie an die Ausstellung "Lichtgestöber", die das Arp -Museum gezeigt hat."

CDU fordert Erhalt der Kernsammlung bis 2026

Lichtgestöber- das war Winter- Impressionismus pur. Claude Monet, der 30 Jahre lang mit seiner Staffelei immer wieder in den Schnee zog. Camille Pissarro, der noch umfänglicher als Monet das gerade aktuell so schmerzlich vermisste Winterweiß festhielt. Lovis Corinth - Winter am Walchensee. All dies war im letzen Jahr im Arp-Museum zu sehen. Ohne die Sammlung Rau undenkbar, das weiß auch der rheinland-pfälzische Kulturstaatssekretär Walter Schumacher (SPD). Aber dennoch hält er die CDU-Kritik an UNICEF für nicht gerechtfertigt:

"Es geht darum, dass der Sammler Gustav Rau verfügt hat, dass Erlöse beim Verkauf seiner Kunstwerke UNICEF zugute kommen. Den Menschen, den Kindern zugute kommen und das ist doch auch was Gutes. Und ich verstehe die Kritik nicht. Wenn man nun richtig mahnt, dass das eine oder andere Bild verkauft worden ist. Das ist im Sinne des Sammlers, der es so vererbt hat. Und das wird man auch hinnehmen müssen."

Die CDU- Kulturpolitikerin Brigitte Hayn will das aber nicht hinnehmen. UNICEF solle doch den Willen Raus respektieren und die Kernsammlung bis 2026 zusammenhalten und im Museum zeigen, fordert sie:

"Die UNICEF hat ja wesentlich mehr Gemälde und Skulpturen von Rau bekommen, als jetzt dem Arp- Museum zur Verfügung steht. Es ging ja eben darum, dass bestimmte renommierte Werke und diese Kernsammlung in einem renommierten Museum der Öffentlichkeit mindestens 25 Jahre zur Verfügung stehen soll."

UNICEF plant keine weiteren Verkäufe

UNICEF versichert auf Anfrage von Deutschlandradio Kultur, dass zur Zeit keine weiteren Verkäufe aus der Kernsammlung Rau geplant seinen.

Die rheinland-pfälzische Landesregierung gibt sich mit dieser Aussage zufrieden. Eine Öffnungsklausel im Leihvertrag von 2008 ermögliche ohnehin "aus wirtschaftlichen Gründen" der UNICEF einen Ausstieg aus dem Vertrag, so Kulturstaatssekretär Walter Schumacher. Er will deshalb nicht rechtlich gegen UNICEF vorgehen, wie es die CDU-Opposition nahelegt:

"Nein, wir hätten auch keine Chance. Wir haben aber auch keinen Grund. Wir haben mit UNICEF Deutschland einen Vertragspartner, der uns erst mal diesen Schatz gegeben hat. Das hätte ja auch an ein Museum in Hamburg, Berlin, München oder Oer-Erkenschwick gehen können. Nein, das ist nach Remagen-Rolandseck, in diesen kleinen Ort am Rhein in Rheinland- Pfalz gegangen und das war ja Absicht von UNICEF und wir sind dafür dankbar. Und wir haben diese Dankbarkeit auch in vielen Ausstellungen ausgedrückt. Umgekehrt hat UNICEF Deutschland natürlich was davon, wenn in großen Ausstellungen mit viel Publikum und Renommee der Wert dieser Bilder weiter erhöht wird."

Immer wenn UNICEF ein Bild aus der Kernsammlung Rau verkauft habe, sei die Sammlung durch andere Bilder wieder aufgestockt worden, argumentiert der Kulturstaatsekretär:

"Man muss sagen, dass diese Kernsammlung bei Vertragsabschluss 105 Werke umfasst und inzwischen sind es 151 Werke. Also für den Verlust einzelner Kunstwerke, die verkauft wurden, wurden wie sozusagen entschädigt, in den neue Werke in die Kernsammlung gekommen sind. Und aus diesem großen Fundus kann man schöpfen."

Doch Corots selbstbewusste Algerierin wird nicht mehr dabei sein - das ist klar. Die CDU-Opposition im rheinland-pfälzischen Landtag will nun, dass der Leihvertrag zwischen dem Arp-Museum und UNICEF im Parlament offengelegt wird. Juristen sollen prüfen, ob rechtliche Schritte möglich sind. Das letzte Wort in diesem Streit ist noch nicht gesprochen.

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