Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature
Dienstag, 19.10.2021
 
Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature

Musikfeuilleton | Beitrag vom 09.07.2021

Reynaldo Hahn und Marcel Proust"Geheimnisvoller Grund unserer Seele"

Von Sabine Fringes

Reynaldo Hahn auf einer historischen Fotografie am Klavier sitzend und spielend. (imago / Collection KHARBINE TAPABOR)
Reynaldo Hahn näherte sich über das Lied der Oper und wurde 1945 Direktor der Pariser Oper. (imago / Collection KHARBINE TAPABOR)

In einem Pariser Salon begegnen sie sich zum ersten Mal: der Komponist Reynaldo Hahn und der Schriftsteller Marcel Proust. Ihre Liebesbeziehung endet nach zwei Jahren. Doch ihre Freundschaft hält bis zu Prousts Tod im Jahr 1922.

1894 lernen sich der 19-jährige Sänger und Komponist Reynaldo Hahn und der 23-jährige Schriftsteller Marcel Proust kennen: Im legendären Pariser Salon von Madeleine Lemaire, wo der junge Komponist seine "Chansons Grises" vorträgt und sich dabei selbst am Klavier begleitet.

Komponiert hatte Hahn die Lieder bereits mit zwölf Jahren. Eine romantische Liebesbeziehung entspinnt sich zwischen den beiden. Proust und Hahn reisen ans Meer in die Normandie und in die Bretagne. Die Liebe zur Musik bildet trotz unterschiedlicher Vorlieben von Anfang an das Fundament ihrer Freundschaft. Denn für den Schriftsteller nahm die Musik unter den Künsten den höchsten Rang ein.

Klingende Porträts 

Proust und Hahn planen gemeinsame Projekte, darunter eine Chopin-Biografie und eine Oper über Antoine Watteaus Gemälde "Einschiffung nach Kythera". Doch das einzige Projekt, das sie tatsächlich realisieren, sind die "Portraits des peintres": Eine Reihe von Klavierstücken nach Gedichten, die Proust über vier Maler geschrieben hatte: Albert Cuyp, Paulus Potter, Anton van Dyck und Antoine Watteau.

Gemälde mit einem Porträt des jungen Marcel Proust von Jacques Emile Blanche, heute im Musee d Orsay zu sehen. (imago /  Youngtae Leemage)Hier selbst Gegenstand eines Gemäldes: Marcel Proust, der lieber durch die Salons zog, als intensiv Jura zu studieren. (imago / Youngtae Leemage)

Neben dem Salon der Madame Lemaire war es der Salon von Winnaretta Singer-Polignac, den sowohl Hahn als auch Proust eine Zeit lang besuchten. Winnie, wie enge Freunde die Prinzessin nennen durften, kultivierte in ihrem Salon eine außergewöhnliche musikalische Bandbreite.

Nicht nur Komponisten der Avantgarde wie Erik Satie und Igor Strawinsky förderte die Kunstmäzenin, sondern auch Musiker wie Reynaldo Hahn, der um die Jahrhundertwende immer noch romantische Opern und Liederzyklen komponierte. Liebevoll dekorierte sie für die Uraufführung seines Balletts "Le Bal de Béatrice d’Este" den Musiksaal in ihrem Palais in der Nähe des Eiffelturms. Passend zum Stil des Werks schmückte sie die Bühne mit Tapisserien der Renaissance, sanft erhellt von mildem Kerzenlicht.

Intensive Brieffreundschaft

Proust nimmt in seinen Briefen immer wieder regen Anteil am Schaffen Hahns. Aus den wenigen Briefen, die von Hahn überliefert sind, spricht eine große Sorge um die Gesundheit seines Freundes. Hahn war es auch, der am 18. November 1922 der Zeitung "Le Figaro" bekannt gab, "dass unser teurer Marcel Proust heute Abend um halb sechs verstorben ist".

Bernd-Jürgen Fischer (Hg.): "Marcel Proust – Der Briefwechsel mit Reynaldo Hahn"
Übersetzt von Bernd-Jürgen Fischer 
Reclam 2018, 576 Seiten, 25 Euro

Mehr zum Thema

Cellomusik aus Prousts Salon - Unausgesprochene Geheimnisse(Deutschlandfunk, Spielweisen, 3.3.2021)

Ein polynesisches Idyll von Reynaldo Hahn - "Insel der Träume"
(Deutschlandfunk Kultur, Konzert, 18.7.2020)

Das Noga Quartet spielt Reynaldo Hahn - Farbenreiche Entdeckung
(Deutschlandfunk Kultur, Einstand, 27.1.2020)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Konzert

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur